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Vieles durcheinander gekommen

Affäre um Gunther von Hagens: Interview mit Prorektor Jochen Tröger
„Die Universität Heidelberg mischte beim Geschäft mit den Toten kräftig mit“. Mit dieser und ähnlichen Schlagzeilen sah sich die Ruperto Carola in den letzten Wochen konfrontiert. Im Mittelpunkt der Diskussion: Dr. Gunther von Hagens, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anatomie I zwischen 1977 und 1994, der mit seinen „Körperwelten“-Ausstellungen derzeit die Öffentlichkeit polarisiert. Im Gespräch mit „Unispiegel“-Redakteur Oliver Fink erläutert Prof. Dr. med. Jochen Tröger, Prorektor für Forschung und Medizin, den komplizierten Sachverhalt und nimmt Stellung zu den geäußerten Vorwürfen.

Herr Professor Tröger, muss sich die Universität Heidelberg nachträglich dafür schämen, Dr. Gunther von Hagens als Mitarbeiter beschäftigt zu haben?

Tröger: Nein. Dr. von Hagens war ein hoch engagierter Wissenschaftler, der im Auftrag und mit Unterstützung seines wissenschaftlichen Mentors Prof. Dr. Wilhelm Kriz eine Methode entwickelt hat, die ein bis dato unbewältigtes Problem gelöst hat – nämlich: eine anatomische Darstellung im Echtsichtverfahren ohne die Probleme von Schrumpfung durch Chemikalien und ohne die Probleme von tief gefrorenen Präparaten. Diese Erfindung von Dr. von Hagens hat die Darstellung anatomischer Präparate wesentlich vorangebracht. Ich selber habe davon profitiert, als wir die Ultraschalldiagnostik entwickelten und überhaupt erst mal lernen mussten, was wir denn da darstellen.

Die Verwendung von Körperspenden zu wissenschaftlichen Zwecken ist fest geregelt und setzt natürlich das Einverständnis des Spenders voraus. Wie stellt sich die Situation für die Methode der Plastination dar?

Tröger: In der Diskussion der letzten Zeit sind zwei Dinge durcheinander gekommen. Es gibt Spender, die ihren Körper nach ihrem Tod zu Zwecken der Lehre und auch der Forschung zur Verfügung stellen – so genannte Vermächtnisleichen. Diese Vermächtnisleichen haben in Deutschland seit langer Zeit – natürlich auch in Heidelberg – einen Vermerk in einem Eingangs- und – nach Beerdigung – Ausgangsbuch. Anders war das bei der Plastination, die zu einem Dauerpräparat führt. Weil Körperteile oder auch ganze Körper von anatomischen Instituten anderer Universitäten kamen oder weil sie vielleicht Organe aus dem anatomischen Präparierkurs in Heidelberg waren, gab es dafür weder Eingangs- noch Ausgangsbücher. In diesem Bereich hat sich unsere Auffassung allerdings geändert. Dass Körper von einer wissenschaftlichen Institution kamen und Teile dieser Leichen als Plastinate an Dritte weiter verkauft wurden, das würden wir heute nicht mehr akzeptieren.

Gab es also damals in diesem Punkt kein Problembewusstsein?

Tröger: Das würde ich nicht sagen. Es wurde auch damals schon in Heidelberg eine wissenschaftlich kontroverse Diskussion geführt. Und deshalb ist ja auch das Vermächtnis dahingehend ergänzt worden, dass dem Spender selbst die Entscheidung überlassen wird, ob sein Körper oder Teile davon auch plastiniert werden dürfen. Die Sensibilisierung der Gesellschaft in diesem Bereich entwickelte sich erst seit Ende der 80er Jahre, diesen Zeitkontext muss man bei der Beurteilung unbedingt mit berücksichtigen.

Die Plastination geschah nicht nur zur Eigennutzung innerhalb der Universität, sondern auch im Auftrag anderer wissenschaftlicher Institute auf der ganzen Welt. Wie sich herausgestellt hat, waren im Zuge dieses „Handels“ sehr hohe Summen im Spiel. Wurden diese Präparate – so der Vorwurf – also tatsächlich gewinnbringend vermarktet?

Tröger: Nein. Man muss wissen, dass die Plastination ein sehr aufwändiges Verfahren ist, die Rohstoffe, die dafür genutzt werden, sind sehr teuer – damals sogar noch teurer als heute. Das wurde bei der Festlegung der Preise natürlich berücksichtigt. Also: Es ist Geld an die Universitätskasse Heidelberg gekommen, das Geld wurde dem Plastinationslabor im anatomischen Institut unter Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Kriz zur Verfügung gestellt und wurde nur dort ausgegeben. Dr. von Hagens war – gemäß einer Erfindervergütung – mit 15 % bei der Kostenerstattung beteiligt. Jetzt kommen wir zu der Frage des Gewinns. Wir konnten glücklicherweise – obwohl Belege und Bücher nach einer gewissen Zeit vernichtet werden müssen – die Jahre 1991 bis 1999 rekonstruieren. Wenn man über diese Zeit das Gesamtkonto nimmt, hat die Universität sogar 50.000 DM verloren. Von Verdienen kann also überhaupt keine Rede sein. Und vor allem sind die Personalkosten dabei überhaupt noch nicht berechnet.

Welche Rolle spielte Dr. von Hagens’ Privatfirma, die ja wohl auch schon zu Zeiten seiner Universitätszeit agierte? Auch hier gab es den Vorwurf zweifelhafter Geschäftemacherei.

Tröger: Dr. von Hagens war bis 1994 an der Universität ganztags angestellt. Vorher schon hat er, anschließend seine Frau, eine Firma betrieben, wobei wir die Details nicht kennen. Bis 1996 war Dr. von Hagens nur noch halbtags beschäftigt, die andere Hälfte war er in seiner Firma. Es wäre ungesetzlich, wenn er im Namen des Universitätsinstitutes Geschäfte gemacht hätte, deren Geldflüsse dann der Firma zugute gekommen wären. Das ist ungefähr der Vorwurf, der im SPIEGEL erhoben wurde. Wir haben das Nachrichtenmagazin schon vor Weihnachten gebeten, uns die Belege dafür zur Verfügung zu stellen, weil das unsere Bewertung von Dr. von Hagens natürlich verändern würde, denn wir haben bislang nichts illegales gefunden. Leider haben, trotz viermaliger Aufforderung, die Journalisten dieses Versprechen bis heute nicht eingelöst. Aber die Trennungsunschärfe, das ist mir schon bewusst, ist in diesen zwei Jahren der Doppelbeschäftigung sehr groß gewesen.

Die Universität hat immer wieder betont, dass die wissenschaftliche Leistung Gunther von Hagens hoch zu veranschlagen sei, auch scheinen seine Aktivitäten – wie Sie nun dargelegt haben und was ein Gerichtsbeschluss vor kurzem auch bestätigt hat – nicht gegen geltendes Recht verstoßen zu haben, zumindest nach dem aktuellen Stand der Dinge. Warum distanziert sich die Universität Heidelberg dennoch von Dr. von Hagens?

Tröger: Zwei Punkte. Zum einen glauben wir, dass Dr. von Hagens den Professorentitel zu Unrecht trägt; ein Gerichtsverfahren dazu ist noch im Gange. Zum anderen haben wir ein Problem mit den „Körperwelten“-Ausstellungen – ein Projekt, das damals nicht in Ansätzen erkennbar war. Es fing an im Labor mit wissenschaftlicher Arbeit, dann gab es eine erste Ausstellung in Tokio, auf einem wissenschaftlichen Kongress: sehr erfolgreich und in der Wissenschaftsszene begeistert aufgenommen. Danach erfolgte jedoch mit der Mannheimer Ausstellung der Sprung in die Öffentlichkeit. Da war schon eine Verschiebung in Richtung Show zu erkennen, die unserer Meinung nach heute im Vordergrund steht. Damit können wir uns nicht identifizieren und deshalb haben wir auch diesen klaren Senatsbeschluss gefasst. Trotzdem, in der Wissenschaftsszene gibt es darüber unterschiedliche Meinungen, die sich bis heute auch durch das Anatomische Institut in Heidelberg ziehen. Aber niemand akzeptiert letztlich die nicht-medizinische Darstellung von Reitern oder Schachspielern als Spektakel für ein großes Publikum.

Die Erklärung des Senats findet sich unter www.uni-heidelberg.de/presse/news04/2402hage.html. Lesen Sie zu diesem Thema bitte auch das Editorial dieser Ausgabe.

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Updated: 22.04.2004