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Zeugnisse einer untergegangenen Welt

Eine Ausstellung präsentiert wieder entdeckte Fotografien von Alter Kacyzne aus dem jüdischen Polen
1921 wurde der Fotograf Alter Kacyzne, der auch als Schriftsteller und Essayist hervortrat, von der jiddischen, in New York ansässigen Tageszeitung „Forverts“ beauftragt, das jüdische Alltagsleben im „alten Land“ zu dokumentieren. Seine Fotografien sollten für die nach Amerika emigrierten Juden eine Erinnerung an das sein, was sie in der Alten Welt zurückgelassen hatten.
Fotografie von Alter Kacyzne aus seiner Serie für die New Yorker Tageszeitung "Forverts"

"Lernhilfe" – Fotografie von Alter Kacyzne aus seiner Serie für die New Yorker Tageszeitung "Forverts". Der Fotograf, Journalist und Schriftsteller dokumentierte das jüdische Leben im Polen der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin)

Was zunächst wie ein einfacher Auftrag aussah, wurde zu einer zehnjährigen Reise durch das jüdische Polen – durch „Poyln“, das in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Heimat von mehr als 3 Millionen Juden war. Zu Poyln gehörten die überfüllten jüdischen Viertel von Städten wie Warschau oder Lublin, aber auch entlegene Ortschaften wie Kolomey oder Brezin. Wo immer er war, richtete Kacyzne seine Kamera auf das tägliche Leben auf den Märkten und Plätzen, in den Werkstätten, Nähstuben, Schulen und Synagogen. Er porträtierte Handwerker, Familien, spielende Kinder, er hielt den Klatsch und die Ruhe am Sabbat im Bild fest, den Bau einer neuen Synagoge, aber auch die Vorbereitungen derer, die auswandern wollten. Seine Fotografien führen dem heutigen Betrachter eine untergegangene Welt vor, die von ihrem nahen Ende noch nichts ahnt.

Alter Kacyzne wurde am 31. Mai 1885 als Sohn eines Maurers und einer Näherin im litauischen Wilna geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Vierzehnjährige nach Ekaterinoslav (Südukraine) geschickt, wo er bei einem Fotografen in die Lehre ging. In dieser Zeit entstanden auch die ersten, in russischer Sprache geschriebenen Gedichte. 1910 zog Kacyzne gemeinsam mit seiner Frau nach Warschau. Dort gehörte er zum Kreis von Isaac Leib Peretz, einem Wegbereiter der modernen jiddischen Literatur. Kacyzne schrieb Dramen, Erzählungen, Drehbücher, Essays, Reiseberichte, er war als Journalist tätig, Gründer, Verleger und Kolumnist mehrerer Zeitschriften, Vorsitzender des jiddischen PEN, arbeitete mit führenden Theatergruppen sowie Pionieren des jiddischen Films zusammen und unterhielt ein Fotoatelier. Kacyzne wurde in der jiddischen Kulturszene Warschaus der zwanziger und dreißiger Jahre eine der prägenden Figuren.

Als die deutsche Wehrmacht 1939 nach Warschau vordrang, floh Alter Kacyzne ins sowjetisch besetzte Lwów. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion fiel er den Nazis in die Hände und wurde am 7. Juli 1941 während eines Pogroms von ukrainischen Kollaborateuren auf dem Friedhof von Tarnopol gefoltert und erschlagen. Seine Frau Khana kam im Vernichtungslager Belzec um.

Zwar wurden Alter Kacyznes Fotografien nach Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise nachgedruckt, doch blieb er als Fotograf weitgehend unbekannt. Mehr als sechzig Jahre lang waren seine Fotografien für den New Yorker „Forverts“ unentdeckt geblieben. Eine Ausstellung des Berliner Aufbau-Verlags in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, der hiesigen Hochschule für Jüdische Studien sowie dem Kulturamt der Stadt bietet nun die Gelegenheit, Alter Kacyznes „Poyln“ wieder zu entdecken.

Bis zum 22. Februar 2004 zu sehen im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg. Nähere Informationen finden sich unter: www.sintiundroma.de.

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Updated: 11.02.2004