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Nanu, Schillers Wallenstein ein Landesverräter?

China interessiert sich nicht nur für Magnetschwebebahnen: Symposion an der Shanghai International Studies University
Ob Goethe oder Heine, Döblin oder Brecht – kaum ein Dichter, der sich nicht von Motiven aus der chinesischen Geschichte und Kultur hätte inspirieren lassen. Auch die fernöstlichen Weisheiten eines Konfuzius oder eines Laotse verzeichnen bis heute eine reiche Rezeption in der abendländischen Literatur. Im Reich der Mitte wiederum genießt die deutsche Literatur hohes Ansehen; zwar gilt sie als schwierig, doch eine Übersetzung des Werther erreicht problemlos eine Auflage in Millionenhöhe.
Symposion an der Shanghai International Studies University

Die Germanistik hierzulande registriert denn auch seit Jahren eine steigende Nachfrage seitens chinesischer Studierender. Um das bilaterale philologische Interesse einmal unter einer gemeinsamen Fragestellung zusammenzuführen, wurde Ende des vergangenen Jahres an der Shanghai International Studies University ein Symposium über die deutsch-chinesischen Literaturbeziehungen abgehalten; entstanden war die Idee dazu in Heidelberg durch den persönlichen Kontakt und die bewährte Partnerschaft zwischen Professor Wilhelm Kühlmann vom Germanistischen Seminar und Professor Maoping Wei, der vor Jahren hier promoviert wurde und heute einen Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur in Shanghai bekleidet.

Die Veranstaltung, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert, kann in der Fachgeschichte der letzten Dezennien ihresgleichen suchen: Nicht nur aus Heidelberg, sondern auch aus Freiburg, Stuttgart, Tübingen, Gießen, Bielefeld, Rostock und Bern reisten namhafte Literaturwissenschaftler an, um sich mit ihren Kollegen aus der gesamten Volksrepublik auszutauschen, nachdem die Furcht vor SARS gebannt war, die im letzten Jahr eine Verschiebung des ursprünglichen Termins erzwungen hatte.

Zu den Themen, die im edlen Konferenzsaal des modernen Campus verhandelt wurden, zählten zum einen Probleme der chinesischen Rezeption deutscher Literatur, die häufig auch politischer Natur sind: Da war unter anderem zu erfahren, dass Schillers „Wallenstein“ lange Zeit nicht in chinesischer Übersetzung vorlag, weil der literarische Held als Landesverräter galt. Zum anderen ging es um die spezifische Wahrnehmung östlichen Denkens durch deutsche Autoren, wenn beispielsweise aufgezeigt wurde, wie Passagen aus dem „Tao-te-king“ um die Jahrhundertwende nicht mit sinologischer Präzision, sondern in lebensphilosophischer Euphorie „nachempfunden“ wurden. Einen dritten Schwerpunkt schließlich stellte das Chinabild dar, das sich von der Frühen Neuzeit bis heute als ein Konstrukt erstaunlich konstanter Klischees erweist, das zwischen Bewunderung und Furcht oszilliert, wie Einblicke in einschlägige Texte Christian Wolffs oder Karl Mays und in einige Kulturzeitschriften aus der Zeit deutscher Imperialismuspolitik ergaben. Mit Belegen bis in die unmittelbare Gegenwart hinein konnte dieser Teilbereich der Tagung abgerundet werden durch Untersuchungen zu deutschen China-Reiseführern sowie zu den zahlreichen deutschen Shanghai-Romanen des 20. Jahrhunderts.

Doch das Ereignishafte eines solchen Zusammentreffens besteht aus weit mehr als der bloßen fachlichen Diskussion – die Begegnung an sich ist bereits von eminenter Bedeutung, zumal wenn der akademische Empfang von solch verblüffender Gastfreundschaft geprägt ist wie in Shanghai unter der Organisation von Professor Wei. Die seltene Gelegenheit, das im Vergleich mit der Situation im westlichen Ausland überaus starke Interesse an deutscher Literatur einerseits und die beschränkten Arbeitsbedingungen der Forschung andererseits vor Ort kennenzulernen, motivierte zu weitergehenden Kooperationsabsprachen und ließ die Einschätzung zu, dass sich China nicht nur für Magnetschwebebahnen, sondern auch für Belletristik und Philologie aus Deutschland als Zukunftsmarkt erweisen wird.

Und ein letzter Aspekt: Die Faszination China, die gerade eben auch den Literaturbeziehungen zugrunde liegt und durch den aktuellen Wirtschaftsboom noch eher zu- als abnehmen dürfte, konnte auf Stadtführungen durch die heterogene 16-Millionen-Metropole und Exkursionen in die pittoreske Landschaft zu eigener Erfahrung werden.

Roman Luckscheiter ende

 

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Updated: 11.02.2004