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Fahrplan für den akademischen Wiederaufbau Afghanistans

Der Geograph Dr. Jürgen Clemens vom Heidelberger Südasien Institut (SAI) gibt Unterricht an der Universität Kabul
Nach über zwei Jahrzehnten beginnen afghanische Wissenschaftler an der größten Universität des Landes wieder mit der Arbeit. Mit dem Petersberger Abkommen über die provisorische Regierung in Kabul fiel im Dezember 2001 der Startschuss: Im Auftrag des Auswärtigen Amtes organisierte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) einen Fahrplan für den "akademischen Wiederaufbau", insbesondere der Universität Kabul. Wissenschaftler mehrerer deutscher Universitäten gestalten jetzt – gemeinsam mit ihren Kabuler Kollegen – Lehrpläne, Weiterbildungsseminare und Curricula.
Dozierende der Kabul-Universität beim Training mit GPS-Empfängern

Aller Anfang ist schwer: Dozierende der Kabul-Universität beim Training mit GPS-Empfängern. Foto : Clemens

Mit dabei: Dr. Jürgen Clemens, Geograph am Heidelberger Südasien-Institut. Für ihn ist es die erste Reise in das noch immer vom Krieg gezeichnete Land: "Eine Kombination aus Neugier und dem Wunsch, konkret zu helfen", hat den Pakistan-Kenner bewogen, sich der Initiative seines früheren Bonner Kollegen Prof. Dr. Andreas Dittmann anzuschließen und als Kurzzeitdozent nach Kabul zu reisen. Als einziger Heidelberger hat er afghanische Kollegen in die moderne empirische Sozialforschung und aktuelle Methoden der Geowissenschaften eingeführt. Der Nachholbedarf ist denkbar groß, das Interesse der afghanischen Wissenschaftler sehr rege, waren sie doch seit Kriegsbeginn 1979 weitgehend von der internationalen Entwicklung ausgeschlossen.

Die in diesem Sommer begonnenen zwei- bis siebenwöchigen Kurzzeitdozenturen für die Bereiche Natur- und Geowissenschaften folgen als zweite Phase der "Soforthilfemaßnahmen" (so der offizielle DAAD-Titel) den Sommer- und Winter-"Academies" des Vorjahres. Damals reisten 160 afghanische Forscher an deutsche Hochschulen, um als "Multiplikatoren" (DAAD) aktuelle Kenntnisse moderner wissenschaftlicher Forschung mit in ihre Heimat zu nehmen. Das Echo fiel sehr positiv aus: "Rückmeldungen der Kabuler Dozierenden haben deutlich gezeigt, dass diese Art der Unterstützung erforderlich ist und auch gewünscht wird", so Clemens. Gerade die jüngere Generation der Kabuler Lehrenden zeige großen Elan bei der Umsetzung der empfohlenen Reformen: Lehrpläne müssen neu erstellt, eigenständiges Denken geschult und neue Methoden gelehrt werden.

Noch liegen weite Bereiche des akademischen Lebens brach: Während die Einschreibungsbüros dem Ansturm der neuen Studenten kaum Herr werden, zimmern Handwerker Tische und Stühle im Hof des Campus, verlegen Techniker Stromleitungen, schließen deutsche Informatiker eben gelieferte Arbeitsgeräte an. Viele Gebäude zeugen noch vom widrigen Schicksal der ältesten Hochschule des Landes: Einst Gefangenenlager, dann militärische Kommandozentrale von Warlords, wurde die Universität Kabul – in einem strategischen Viertel gelegen und besonders heftig umkämpft – zuletzt als mutmaßliches Einfallstor für verwerfliches Gedankengut durch die letzten Herrscher, der Taliban, ganz geschlossen. Geplündert wurde, was der Verwahrlosung und Zerstörung entgangen war: Bücher, Mobiliar, elektrische Anlagen, sogar Kupferdrähte.

Bis in die siebziger Jahre war auch das SAI mit einer Außenstelle in Kabul vertreten

Die Situation der afghanischen Wissenschaftler ist nicht besser: Bei Gehältern von weniger als umgerechnet 100 Euro im Monat sind Zweit- und Drittjobs gefragt. Das wirkt sich auf die Effektivität der Dozenten-Seminare aus: Nicht alle Fakultätsmitglieder sind regelmäßig anwesend. Gerade jüngere Wissenschaftler mit Englisch-Kenntnissen werden von internationalen Organisationen abgeworben. Bei den älteren Wissenschaftlern fehlen häufig Englisch-Sprachkenntnisse – viele wurden einst in der Sowjetunion ausgebildet. Computer-Fertigkeiten sind nur rudimentär vorhanden, sodass PC-Schulungen mit in das Programm aufgenommen wurden. Arbeitsgeräte der geowissenschaftlichen Fakultät stammen aus einer Spendenaktion von Studierenden und Wissenschaftlern der Universität Bonn.

Die dortige Deutsch-Afghanische Universitätsgesellschaft (DAUG) um den Afghanistan-Kenner Clas Naumann hat zusammen mit den Geographischen und Geologischen Instituten in Bonn wesentlich den Kooperationsprozess gesteuert: Mit dem Ziel, "Kooperationspotentiale zu sondieren", so Clemens, war kurz nach der richtungsweisenden Konferenz auf dem Petersberg eine Gruppe deutscher Forscher nach Kabul gereist, um sich ein Bild der Lage zu machen und ein konkretes Hilfsangebot zu entwickeln. Nach der Finanzierungszusage aus Berlin fungierte diese Gruppe als Koordinationsstelle der offiziell vom DAAD geleiteten Aktion. "Ein erster Einstieg in die Kooperation", so Jürgen Clemens, war geschafft. Dass gerade deutsche Wissenschaftler auf sehr positive Resonanz stoßen, hat historische Gründe: Schon 1962 – vier Jahre vor dem Beginn der offiziellen wissenschaftlichen Zusammenarbeit seitens der Bundesregierung – hatte die Bonner Universität den akademischen Dialog mit Kabul etabliert. Weitere Kooperationen folgten und blieben – formal – bis heute bestehen. In den siebziger Jahren war auch das Heidelberger Südasien-Institut (SAI) mit einer Außenstelle in Kabul vertreten.

Die aktuelle Zusammenarbeit mit den Kabuler Geographen steht unter dem Eindruck des langen akademischen Winters – und der wechselvollen politischen Geschichte: "Hohe politische Sensibilität", so hebt Jürgen Clemens hervor, zeichne gerade ältere Professoren aus, die skeptisch in die Zukunft blickten – zu häufig hätten sie Rückschläge erlitten unter den diversen Machthabern. Ihre oftmals mangelnde Eigeninitiative spiegelt weniger Resignation als vielmehr Vorsicht wider. Vereinzelte Rivalitäten zwischen einigen Lehrenden drücken die ethnisch-politische Spaltung der Gesellschaft aus. Viele Professoren wollten "eher den Staus quo erhalten, solange die politischen Rahmenbedingungen noch unklar sind", merkt Clemens an.

Vom Reformwillen des Rektors Mohammad Akbar Popal ist Clemens beeindruckt. Neue Lehrpläne nach internationalen Standards sind für ihn vordringlich. Am liebsten sähe er die deutschen Kollegen auch an der studentischen Ausbildung teilnehmen. Diese wird voraussichtlich Teil der dritten Phase des Pakts werden. Clemens, der schon lange nach Afghanistan reisen wollte, wünscht sich einen zweiten Einsatz im nächsten Jahr: Von den Mitgliedern der geowissenschaftlichen Fakultät wurde er bereits gebeten wiederzukommen, um spezielle Themen – etwa Bevölkerungsgeographie – zu behandeln. Auch seine methodischen Seminare finden großen Zuspruch. "Die Möglichkeit, in Absprache mit den Kabuler Kollegen Themen anzubieten", kommt dem Entwicklungsgeographen dabei sehr gelegen. Als Mitarbeiter der "Academies" im vorigen Jahr ist er einer der profiliertesten Teilnehmer des Programms.

Matthias Paukert ende

 

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Updated: 10.12.2003