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Das Portrait

Musterknaben, Bummler und ein breites Mittelfeld

Heidelbergs jüngste Professorin heißt Tanja Börzel. Sie forscht und lehrt am Institut für Politische Wissenschaften
Seit diesem Sommersemester hat Prof. Dr. Tanja Börzel die C3-Professur für Politische Wissenschaft inne – Bereich Internationale Beziehungen (Nachfolge Prof. Pfetsch). Mit 33 Jahren ist sie Heidelbergs jüngste Professorin.
Geballte Jugendlichkeit: Prof. Dr. Tanja Börzel (Mitte) im Kreise ihrer Heidelberger Mitarbeiter. Foto : privat

Geballte Jugendlichkeit: Prof. Dr. Tanja Börzel (Mitte) im Kreise ihrer Heidelberger Mitarbeiter. Foto : privat

Die EU ist mit bald 25 Mitgliedstaaten ein sehr komplexes Gebilde. Da braucht es natürlich Regeln. Und wo es Regeln gibt, da gibt es Regelverstöße. Letztere haben es Tanja Börzel besonders angetan, präziser: Seit 2002 leitet sie eine Gruppe von Nachwuchswissen-schaftlern, die sich dem Thema "Wenn sich Staaten nicht an Regeln halten: Gewollte und ungewollte Verstöße gegen das EU-Gemeinschaftsrecht" verschrieben haben. Empirische Basis ist eine Datenbank, die sämtliche aktenkundige Verstöße gegen das europäische Recht in den Jahren 1971 bis 2000 umfasst. Gefördert wird das Projekt von der DFG im Rahmen des Emmy Noether-Programms – eine große Auszeichnung, kommen doch Geistes- und Sozialwissenschaftler eher selten in den Genuss dieser Förderung.

Letztlich geht es darum herauszufinden, warum sich Mitgliedstaaten der Europäischen Union nicht ans EU-Gemeinschaftsrecht halten. Da gebe es eine erhebliche Varianz, meint Börzel: "Einige Rechtsakte werden mehr verletzt als andere. Es gibt eine politikfeldspezifische Varianz wie auch eine Varianz zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten." Gearbeitet wird sowohl quantitativ als auch qualitativ, neben der Auswertung der Daten werden vergleichende Fallstudien angefertigt. Apropos: Wie steht eigentlich Deutschland da? Nicht ganz so gut, wie man vielleicht erwarten würde: "Man kann die Mitgliedstaaten im Prinzip in drei Gruppen einteilen. Es gibt die Musterknaben, die Bummler und dann gibt es das Mittelfeld. Deutschland bewegt sich im Mittelfeld, wobei das natürlich vom Politikfeld abhängt. Es gibt Bereiche, in denen Deutschland auch besser dasteht."

Etwa 6000 Regelverstößen insgesamt sind die Forscher auf der Spur. Und es gibt die These, dass eine einheitliche Durchsetzung von Regeln angesichts der Heterogenität der Mitgliedstaaten ohnehin nicht möglich ist. Börzel: "Eine Flexibilität wird häufig nicht eingeräumt, weil die EU-Kommission dazu tendiert, einerseits relativ klar gefasste Regeln zu setzen, zum anderen diese auch sehr formalistisch durchzusetzen. Das macht durchaus Sinn, weil nur bedingt Ressourcen vorhanden sind, die Einhaltung zu überwachen. Und je klarer die Regeln spezifiziert sind und je formalistischer sie die Sache verfolgt, desto einfacher ist es für sie." Desto schwerer kann es aber für manchen Staat im Einzelfall werden und so ersetzt die Regelverletzung die fehlende Flexibilität des Systems. Ob das so richtig ist, darauf möchte sich Tanja Börzel im Moment nicht festlegen. Aber so wird immerhin argumentiert.

Die Datenbank hat die Forschergruppe übrigens direkt von der EU-Kommission bekommen, sie ist bislang nicht veröffentlicht oder anderen zugänglich. Ein "Deal", meint Börzel, denn nach Abschluss der Untersuchung erwartet man in Brüssel auch konkrete Politikempfehlungen. Und das gefällt der frisch gebackenen Professorin: Neben den Anspruch, die Theoriebildung voranzutreiben, tritt ein ganz praktischer Nutzeffekt. Nützlich war dieses Projekt auch für den persönlichen Werdegang der jungen Wissenschaftlerin. Ganz klar, dass das Emmy-Noether-Programm die fehlende Habilitation zum Teil mit aufgewogen habe, sagt sie, macht aber zugleich deutlich, dass sie alle übrigen Voraussetzungen für die Professur zur Genüge abdecke: zahlreiche, zumeist englischsprachige Publikationen (darunter zwei Bücher), große Lehrerfahrung und Internationalität.

Geboren wurde Heidelbergs jüngste Professorin 1970 im hessischen Lange. Ihr Studium der Verwaltungswissenschaften erfolgte an der Universität Konstanz, promoviert wurde Tanja Börzel am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, Studien- und Forschungsaufenthalte führten sie außerdem nach Kanada und Spanien. Dass es jetzt so schnell mit einer Professur geklappt hat, war schon eine Überraschung, gesteht sie. Zur Zeit pendelt sich noch zwischen Berlin, wo ihre Forschungsgruppe (und auch ihr Mann) noch beheimatet sind, und Heidelberg. Zum Wintersemester sollen dann aber die Regelverstöße gänzlich am Neckar untersucht werden. Hier schätzt sie die Nähe zu den Studierenden, den Kontakt im Institut, die überschaubare Größe – von der Berliner Humboldt-Universität ist sie da ganz andere Dimensionen gewöhnt. Nur, was das Thema Frauen und Wissenschaft angeht, sieht sie noch Handlungsbedarf. Da wird ihr hochschulpolitisches Engagement ansetzen.

Oliver Fink ende

 

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Updated: 09.07.2003