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Stifter und Sponsoren

"Die Neugier muss einen treiben"

Das Ehepaar Heinz und Chica Schaller stiftete eine Professur für Virologie – Hepatitis B-Impfstoff brachte Vermögen
Die "Unispiegel"-Serie "Stifter & Sponsoren" widmet sich jenen Privatleuten, die die Ruprecht-Karls-Universität nicht nur ideell, sondern auch materiell unterstützen. Nach Viktor Dulger, Manfred Lautenschläger, Curt Engelhorn und Friedrich Reutner lesen Sie heute ein Porträt über das Ehepaar Heinz und Chica Schaller.
Der Mikrobiologe Heinz Schaller

Der Mikrobiologe Heinz Schaller

Für eine Hochschule ist es schon ein ungewöhnliches Geschenk, wenn sie von einem ihrer Professoren einen Lehrstuhl erhält. Genau damit überraschte vor drei Jahren Prof. Dr. Heinz Schaller die Universität Heidelberg. Er stellte 1,25 Millionen Euro zur Verfügung, um eine interdisziplinäre Professur für Molekulare Virologie einzurichten. Die Mittel stammten aus einer Stiftung, die er gemeinsam mit seiner Frau, Prof. Dr. Chica Schaller, gegründet hatte. "Es ist eines der bedeutendsten Zeichen der Verbundenheit, wenn ein Professor seiner Alma Mater eine so großzügige Unterstützung zukommen lässt", freute sich Rektor Prof. Dr. Peter Hommelhoff.

Prof. Heinz Schaller, emeritierter Ordinarius für Molekularbiologie und Mikrobiologie und noch immer Forschungsgruppenleiter am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg (ZMBH), zählt in Europa zu den Pionieren bei der Entwicklung der Gentechnik. In Heidelberg hatte er 1982 das ZMBH als interdisziplinäres Forschungszentrum mit begründet und war dessen Geschäftsführender Direktor in der Aufbauphase.

Chica Schaller

Und seine Frau: Chica Schaller. Fotos : privat

Reichtum sei nie sein Ziel gewesen, sagt Schaller. Getrieben habe ihn immer die wissenschaftliche Neugierde. Dass ihm seine Karriere als Forscher dabei auch eine Menge Geld bescherte, sieht er eher als willkommenen Nebeneffekt. Dennoch: Woher stammt das Vermögen, von dem heute nicht zuletzt die Universität Heidelberg so sehr profitiert?

Die Geschichte beginnt in Amerika

Die Geschichte beginnt gegen Ende der 70er Jahre in Amerika. Die Venture-Capital-Abteilung einer kanadischen Schwermetall-Mining-Company entdeckte die Gentechnologie als mögliches lukratives Geschäftsfeld. Die Investoren hatten zwar von der Materie wenig Ahnung, kamen aber auf die Idee, die Spitzenforscher aus der ganzen Welt, insbesondere aus dem kommerziell noch wenig erschlossenen Potenzial in Europa, an einen Tisch zu holen, was auch gelang: Im Frühjahr 1978 traf sich in einem Genfer Hotel eine Gruppe von Gentechnologen aus den USA und Europa. Unter ihnen war auch Prof. Schaller. "Wir suchten nach Projekten, die sowohl wissenschaftlich als auch kommerziell interessant sein könnten", erinnert er sich an das Treffen.

Weder Schaller noch die anderen Teilnehmer ahnten, dass sie damit bereits den Grundstein für eine der weltweit erfolgreichsten Biotech-Firmen legten – nämlich die Firma Biogen mit Hauptsitz zunächst in Genf, dann in Cambridge (Massachusetts). Noch heute blickt das Unternehmen mit Stolz auf seine Geburtsstunde zurück: "1978 traf sich eine Gruppe weltweit anerkannter Biologen in Genf, um über die Gründung einer neuartigen pharmazeutischen Firma zu diskutieren", heißt es auf der aktuellen Internetseite des Unternehmens (www.biogen.com). "Jeder dieser Forscher war ein Pionier auf dem sich neu formierenden wissenschaftlichen Gebiet, bekannt als Gentechnologie. Jeder von ihnen erkannte das enorme Potenzial, das die Nutzung der Kenntnisse des menschlichen Genoms auf die Verbesserung der menschlichen Gesundheitsvorsorge haben könnte. Diese Zusammenkunft führte zur Gründung von Biogen."

Gründungsmitglied der Firma Biogen

So kam es, dass Prof. Schaller – zusammen mit sechs anderen europäischen und zwei US-amerikanischen Wissenschaftlern – im Frühjahr 1978 Gründungsmitglied der Firma Biogen wurde. "Wir haben das damals gemacht aus Spaß an einer gemeinsamen Forschung mit der Perspektive einer ersten Anwendung unseres gentechnischen Repertoires", sagt er. "Aber anders als viele heutige Firmen-Gründer erwarteten wir nicht, hier besonders reich zu werden." So nutzten nicht einmal alle Gründer die Möglichkeit, zusätzliche Firmenanteile zu erwerben. "Ich habe damals, wie beim Lotto, 10.000 US-Dollar gesetzt. Diese Anteile sind heute ein wesentlicher Teil des Stiftungsvermögens."

Die Firma Biogen verstand es, die Fähigkeiten exzellenter Forscher, von denen zunächst jeder in seinem Land und seinem Labor, ab 1980 dann im Genfer Biogen-Labor arbeitete, zu bündeln und für Produkte nutzbar zu machen. Zu den großen Erfolgen des Unternehmens zählt ein gentechnisch hergestellter Impfstoff gegen Hepatitis B, an dessen Entwicklung Schaller maßgeblich beteiligt war. Obwohl es damals weder Fax noch E-Mail gab, funktionierte die weltweite Zusammenarbeit hervorragend. "Wir haben damals am Telefon Gensequenzen vorgelesen", erinnert sich Schaller an ein mehrstündiges Telefonat, das er in der Nacht mit einem Kollegen in Harvard führte. Beide Wissenschaftler hatten an verschiedenen Teilen des Virus-Genoms gearbeitet, die sie nun am Telefon zusammenfügten. Tatsächlich gelang es in dieser Nacht im Frühsommer 1979, die Sequenz zu bestimmen.

Damit waren Schaller und seine Kollegen zwei Wochen schneller am Ziel als eine Konkurrenzgruppe der University of California. Hätte Biogen diesen Wettlauf verloren, wäre das junge Unternehmen kaum überlebensfähig gewesen. Es war damals auf die Lizenzeinnahmen des Hepatitis B-Impfstoffs – neben denen aus dem Interferon-Patent – dringend angewiesen. Seit 1985 wird dieser Impfstoff millionenfach gegen Hepatitis B, eine der weltweit häufigsten Infektionskrankheiten, eingesetzt.

Die Arbeiten für Biogen am Hepatitis-Virus hatten Schallers wissenschaftliche Neugier geweckt. "Es handelt sich um eines der kleinsten Genome mit nur vier Genen, während Viren normalerweise zwischen 10 und 100 Gene haben", erläutert er. Dieser Winzling lebt in der Leber, zunächst ohne sie zu schädigen: "Erst die Immunabwehr des Körpers führt zu einer permanenten Belastung, die dann zu Entartungen in der Leber führt, zuerst zur Leberzirrhose und dann auch zum Lebertumor." Um eine mögliche Therapie zu entwickeln, war es zunächst notwendig, die molekularbiologischen Mechanismen zu verstehen. Schon ein Jahr nach dem Biogen-Projekt stellte Schaller deshalb bei der Deutschen Forschungsgesellschaft einen Antrag, um Mittel für die Grundlagenforschung am Hepatitis-Virus zu erhalten.

Heute ist Schaller emeritiert, doch das Virus lässt ihn nicht los. "Wir versuchen noch immer, ein Zellinfektionssystem für das Hepatitis B-Virus zu entwickeln, und so einen Beitrag zu einem zentralen Problem zu leisten, das bisher von vielen erfolglos bearbeitet wurde. Das Virus repliziert ausschließlich in Hepatozyten in der Leber des Menschen. Der Traum ist eine zur Leberqualität differenzierbare Zelllinie zu finden. Dies wäre auch von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung eines wirksamen Medikamentes gegen die chronische Hepatitis B."

Stiftungsprofessur zur Infektions-Forschung

Auch die Professur, die Schaller für die Universität stiftete, soll die Infektions-Forschung in Heidelberg verstärken und voranbringen. Zudem soll sie dazu beitragen, ein interdisziplinäres Forschungszentrum für Infektiologie ins Leben zu rufen. Für den Lehrstuhl holte die Universität vor gut einem Jahr Prof. Ralf Bartenschlager, einen international führenden Forscher auf dem Arbeitsgebiet des Hepatitis C-Virus, nach Heidelberg. Hepatitis C ist eine heimtückische Viruskrankheit, die man erst seit etwa zehn Jahren kennt. Ihre Erforschung ist dringend notwendig, weil allein in Deutschland rund eine halbe Million Menschen an Hepatitis C erkrankt sind. Die durch das Virus ausgelösten Erkrankungen stellen weltweit, vor allem in Afrika und Ostasien, eines der großen medizinischen Probleme dar.

Wie erfolgreich der neue Lehrstuhl unter Prof. Bartenschlager arbeitet, wurde der Öffentlichkeit vor wenigen Wochen deutlich: Die "Bristol-Myers Squibb Foundation" erkannte Bartenschlager einen Preis in Höhe von 500.000 US-Dollar zu, die er ohne jegliche Vorgaben für seine wissenschaftliche Arbeit einsetzen kann. Der "Unrestricted Infectious Diseases Research Grant", der erstmalig nach Deutschland geht, zeichnet ihn für seine Arbeit auf dem Gebiet der chronischen Hepatitis C aus.

Chica und Heinz Schaller-Stiftung

Mit der "Chica und Heinz Schaller-Stiftung" (C.H.S.-Stiftung) möchte das Ehepaar Schaller Impulse für die Forschung auf dem Gebiet der Biomedizin geben. Schaller: "Wir möchten die Forschungsintensität und Attraktivität universitärer Forschungseinrichtungen in der Grenzzone zwischen Molekularbiologie und Medizin fördern – und dies mit Schwerpunkten in Neurobiologie und Infektiologie." Dieses Ziel soll – wie es in der Satzung der Stiftung heißt – erreicht werden "durch unbürokratische Vergabe flexibel handhabbarer Starthilfen, insbesondere zu solchen innovativen Maßnahmen, die in der derzeitigen Universitätsstruktur nur sehr begrenzt realisierbar sind".

Neben der Stiftungsprofessur fördert die C.H.S.-Stiftung den wissenschaftlichen Nachwuchs. Dies geschieht direkt durch die Vergabe von Stipendien und indirekt beim Aufbau des neu eingerichteten internationalen Masterstudiengangs "Molecular and Cellular Biology". Für das Ehepaar Schaller war es immer – und ist es auch heute noch – ein ganz besonderes Anliegen, jungen Wissenschaftlern dabei zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. In dieser menschlichen und wissenschaftlichen Hilfestellung sehen die Schallers einen wesentlichen Teil ihres persönlichen und wissenschaftlichen Erfolgs. Den Studenten geben sie einen Ratschlag mit auf den Weg, der auch ihr eigenes Leben geprägt hat: "Ganz offen bleiben, suchen, was auch Spaß macht, das aber dann mit vollem Einsatz verfolgen. Die Neugierde muss einen treiben."

Der Lebensweg des Ehepaars Schaller ist eng mit Heidelberg verbunden. Die beiden lernten sich hier beim Studium kennen. Heinz Schaller studierte Chemie, seine Frau Sprachen am Dolmetscher-Institut. Sie heirateten in Heidelberg, kurz bevor Heinz Schaller in die USA und einige Jahre später 1963 nach Tübingen ans dortige Max-Planck-Institut für Virusforschung ging. 1973 nahm er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Mikrobiologie der Ruprecht-Karls-Universität an und gründete hier zusammen mit anderen Wissenschaftlern 1982 das ZMBH.

Zwar hatte Schaller Ende der 70er Jahre, als die Gentechnik vor dem Durchbruch stand, auch erwogen, nach Genf oder in die USA zu gehen. Rückblickend ist er jedoch mit seiner Entscheidung für Heidelberg sehr zufrieden. "Es war zunächst nicht absehbar, dass Heidelberg im Bereich der Molekularbiologie eine führende Rolle spielen würde", erinnert er sich. "Auch die Landesregierung dachte bei der Entwicklung der modernen Biologie bis dahin an Freiburg, Konstanz und Tübingen, nicht aber an Heidelberg."

Heidelberger Potenzial für Molekularbiologie

Anders als noch die Hochschul-Planer in Stuttgart spürte Schaller schon bei seiner Entscheidung für Heidelberg, dass hier das Potenzial für eine herausragende Entwicklung der Molekularbiologie durchaus vorhanden war. Das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) wurde gegründet, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) zog in einen Neubau um. Die Wissenschaftler kannten und tauschten sich aus. Was jedoch fehlte, war der politische Wille, die in Ansätzen bereits vorhandene Gentechnik in Deutschland voranzubringen. Erst als der Chemiekonzern Hoechst gentechnische Forschung in den USA großzügig finanziell unterstützte, schrillten bei den Politikern in Bund und Land die Alarmglocken. Schaller: "Plötzlich war das Geld da. Wir konnten etwas bewegen." Es erfolgte in einer konzertierten Aktion von Bund und Land unter Beteiligung der BASF die Gründung des ZMBH, das sich unter Schaller und seinen Kollegen zu einer Modelleinrichtung entwickelte.

Chica Schaller absolvierte in Tübingen ein Zweitstudium in Biologie mit Schwerpunkt Genetik und promovierte mit einem Thema aus der Entwicklungsbiologie. Ab 1974 war sie in Heidelberg als Arbeitsgruppenleiterin am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL), am Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung und schließlich am ZMBH tätig. In den Jahren als Professorin der Universität war sie maßgeblich am Aufbau der Neurobiologie und der Gewinnung renommierter Wissenschaftler für Heidelberg beteiligt. Seit 1991 ist sie Direktorin am Zentrum für Molekulare Neurobiologie der Universität Hamburg.

Doch ist inzwischen auch ihre Emeritierung absehbar. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Bleiben die Schallers der Stadt am Neckar treu? Oder geben sie dem Großstadtleben und ihrer Wohnung an der Alster den Vorzug? Heinz Schaller lässt durchblicken, dass die Entscheidung für die Neckarstadt fallen könnte. Für Heidelberg und seine Universität wäre das ein schönes Kompliment.

Christian Deutsch ende

 

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Updated: 29.04.2003