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Draußen Schnee, drinnen "Strand"

Ein Blick hinter die Kulissen: Seit 1995 machen die "Anstifter" Theater und es macht nach wie vor "großen Spaß"
Merlind ist die erste. Sie öffnet das schmiedeeiserne Tor, stapft über die verschneite Zufahrt und bleibt vor einem Schaukasten stehen. "Strand" steht in dicken Lettern auf einem blauen Plakat. Fröstelnd verschwindet Merlind im Kellereingang eines riesigen Altbaus. Heute abend ist Premiere.
Die aktuelle "Anstifter"-Produktion ist eine Inszenierung von Karst Woudraws "Strand".

Die aktuelle "Anstifter"-Produktion ist eine Inszenierung von Karst Woudraws "Strand". Das Stück des niederländischen Autors spielt auf einem Campingplatz und zeigt jugendliche Urlauber beim Filmdreh – ein beliebtes Spiel: Theater im Theater. Unser Bild zeigt von links nach rechts: Friedrich Foerster, Ulrich Weihe und Carmen Fehrenbach. Foto : Schlag

Ein Abend, für den die "Anstifter" fünf Monate lang geprobt haben. Anfangs einmal pro Woche, in der vergangenen Woche täglich. "Das Spielen macht einfach am meisten Spaß", sagt die 25jährige Judith Hufnagel, die sich auch um den Internet-Auftritt der Gruppe kümmert. Für die Sinologie-Studentin ist das Drama "Strand" von Karst Woudstra bereits die vierte Produktion mit dem Heidelberger Theaterensemble. Wie ihre Kommilitonen Jan Schulte Holthausen, 25, und Carmen Fehrenbach, 26, gehört sie zur vierten Generation der 1995 gegründeten Gruppe. Deren Name erinnert noch an die Anfänge: Die Idee, Theater zu spielen, entstand während einer Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes, die das Ensemble zunächst auch finanziell unterstützte. Seit 1997 sind die "Anstifter" jedoch an keine Institution mehr gebunden und stehen in Sachen Geld auf eigenen Füßen.

Marit Günther, 26, studiert Theologie und kümmert sich heute abend um die Kasse. 83 Karten wurden vorbestellt – ein guter Schnitt für das Theater im Romanischen Keller, in dessen Gewölbe 99 Zuschauer Platz finden. Zwischen 6 und 8 Euro kostet eine Karte. Mit den Einnahmen finanzieren die "Anstifter" die Miete des Universitätstheaters, die Aufführungsrechte des Theaterstücks und den Jahresbeitrag für den Bund Deutscher Amateurtheater. Der versichert seine Mitglieder gegen Unfälle. Ein Mannheimer Möbelhaus hat den "Anstiftern" die Requisite zur Verfügung gestellt: ein rotes Ledersofa, einen Couchtisch, einen bunten Schrank und einen hellen Teppich.

Auf den Möbeln haben es sich die sechs Schauspieler bequem gemacht: zwei Stunden noch bis Vorstellungsbeginn. Während sich Medizin-Student Friedrich Foerster, 20, genießerisch der Kaffee-Sahne-Schokolade widmet, diskutieren Jan und Judith das Fernsehprogramm vom Vorabend: "Die Todeskralle schlägt wieder zu". Keine Spur von Aufregung. "Meine Taktik: die Nervosität auf andere übertragen", grinst Jan und vollführt Karate-Übungen. Ulrich Weihe, 29, der eine Dissertation in Molekular-Biologie schreibt und von allen die meiste Schauspielerfahrung besitzt, wehrt sich mit einer überdimensionierten Stoff-Ente. Die 24jährige Merlind David teilt sich mit Marit die Regieassistenz. Sie schleppt Getränke an, kontrolliert den CD-Player und steckt der erkälteten Judith ein Spray gegen Heiserkeit zu. "Ein Leben ohne Theater kann ich mir gar nicht mehr vorstellen", sagt Merlind, die für die kommenden Monate eine Regieassistenz am Stadttheater in Aussicht hat.

Bei der aktuellen "Anstifter"-Produktion führt Raphael Utz Regie. Der 30jährige Doktorand gehört schon zu den alten Hasen der Truppe. Eine kurze Besprechung, dann bildet er mit den Darstellern auf der Bühne einen Kreis: Konzentrationsübungen. "Die Regie ist das organisatorische Zentrum einer Produktion", erläutert Raphael. Er hat das Theaterstück ausgewählt, die Rollen besetzt, Bewegungsabläufe festgelegt – und immer wieder kritisiert. Mit einem dicken Schlüsselbund um den Hals betritt er die Garderobe, gibt letzte Anweisungen.

Währenddessen hat die 27jährige Natascha Petersen ihr Kostüm angezogen. In einer Woche steht ihre Magisterprüfung an, doch daran denkt sie jetzt nicht. Im kurzen roten Strandkleid läßt sie sich von Merlind das Gesicht pudern. "Habt ihr eure Handys ausgeschaltet?", fragt Judith, die sich an die Klingeltöne während der Generalprobe erinnert. Sie überprüft auch die anderen Kleinigkeiten, die später auf der Bühne gebraucht werden: Champignons, Ziegenkäse, Trinkjoghurt – alles da. Eine Viertelstunde noch. "Der Saal ist voll, Leute!" ruft Merlind in die Garderobe, denn die Schauspieler dürfen schon nicht mehr raus. Carmen tigert durch den engen Raum – sie muß als erste auf die Bühne. Uli hockt sichtlich angespannt auf einer Eckbank. Friedrich hat vergessen, sein Haar zu scheiteln. "Gel her!" Jetzt muß Merlind wieder ran. Raphael erscheint, sagt "toitoitoi", die Schauspieler spucken sich gegenseitig über die Schulter – und los! Carmen verschwindet ins Rampenlicht.

Bis zur Pause läuft alles glatt. Raphael lobt das schnelle Tempo, Uli und Friedrich gehen noch einmal ihre Kampfszene durch. Schon läuft es weiter. Auf der Bühne macht Uli sich an Carmen ran. "Boah, ich kann es nicht mehr hören!" flüstert Jan. Und dann: die Filmszene. Irgendwas funktioniert nicht, auf der Leinwand bleibt ein Streifen weiß. Raphael hält sich die Augen zu. Das kann er nicht mitansehen – in dieser Situation ist er völlig machtlos. Doch die Schauspieler halten die Spannung und spielen souverän zu Ende. Das Publikum applaudiert begeistert.

Hinter der Bühne: etwas Enttäuschung und viel Erleichterung. Raphael will erstmal entspannen, Jan und Judith beeilen sich, um ihre Freunde im Foyer zu treffen. Dort wird gefeiert. "Genieß es!" raunt Raphael Friedrich zu und folgt ihm an die Bar. Merlind verkauft Sekt und Laugenbrötchen. Erst nachts um vier wird sie hier nicht mehr gebraucht. Dann geht sie – als letzte.

Anne Allmeling ende

 

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Updated: 09.02.2003