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Terror und Krieg

Zwei Vortragsreihen zum Thema 11. September
"Der 11. September – Ursachen und Folgen" lautet das Thema des Studium Generale im Sommersemester (www.uni-heidelberg.de/presse/kalso2002/generale.html). Bereits im vergangen Semester veranstaltete das Institut für Soziologie in Kooperation mit dem Institut für Politologie und dem Deutsch-Amerikanischen Institut eine Vortragsreihe zum Thema "Fundamentalismus, Terrorismus, Krieg", die auf breites Interesse stieß.

Prof. Dr. Wolfgang Schluchter (Heidelberg) ging in seinem Eröffnungsvortrag von dem Phänomen aus, dass in unseren Breitengraden eine abnehmende Bindung zu religiösen Gemeinschaften zu diagnostizieren sei, während sich diese Situation in anderen Weltgegenden ganz anders darstelle. Der dort zunehmende Einfluss der Religion auf die Politik brachten Samuel P. Huntington zur These vom "Kampf der Kulturen", die Schluchter allerdings nicht teilt: Kulturen seien keineswegs rein und vereinzelt, sondern hybrid, heterogen, hochdifferenziert und nichtmonolithisch. Wenn es denn einen Kampf der Kulturen geben sollte, so weniger zwischen den Kulturkreisen als in ihnen selbst. Dennoch beruhe Huntingtons Analyse teilweise auf tatsächlich beobachtbaren Trends wie der Revitalisierung der Religionen, der Entwestlichung der Moderne und Tendenzen der Entsäkularisierung. Der damit verbundene religiöse Fundamentalismus will die vor allem im Westen entstandene Ausdifferenzierung von Politik und Religion rückgängig machen.

Die These von Prof. Dr. Wolfgang Merkels (Heidelberg) Vortrag lautete, dass eine nicht säkularisierte religiöse Kultur die Verbreitung von demokratiestützenden Normen und Verhaltensweisen behindere. Durch das Primat der Religion werde demokratischen Institutionen eine eigenständige Legitimität versagt und damit die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft belastet. Deshalb hätten sich islamische Gesellschaften als ausgesprochen resistent gegenüber demokratischen Normen erwiesen. Das könne nicht allein durch Armut, Ungleichheit oder ein niedriges Bildungsniveau erklärt werden. Das zentrale Hindernis für die Vereinbarkeit von Demokratie und Islam sieht Merkel vielmehr darin, dass der Islam bis heute keine Aufklärung erfahren habe. Der islamische Fundamentalismus basiere auf dem Anspruch, die Scharia als Normeninstanz für das private wie das öffentliche Leben verbindlich zu machen – eine für Demokratisierungsprozesse folgenschwere Hypothek, wie Merkel hervorhebt. Andererseits sei an der islamischen Peripherie (Europa, Ostasien) eine partielle Trennung von Politik und Religion zu erkennen, die auf eine prinzipielle Vereinbarkeit von Demokratie und Islam als Religion hindeuten.

Prof. Dr. Gudrun Krämer (Berlin) widmete ihren Vortrag der viel zitierten Formel: Der Islam ist Religion und Staat. Eine Minimalforderung an den Moslem sei das Glaubensbekenntnis zu Gott als dem einzigen Gott und seinem letzten Propheten Mohammed. Während viele Muslime damit zufrieden seien, verlangten Fundamentalisten mehr: kein wesentlicher Aspekt menschlichen Lebens solle göttlicher Regelung entzogen sei – die Scharia, die islamische Rechts- und Werteordnung, umfasse alle Lebensäußerungen. Die Vorstellung aber, dass die Scharia systematisiert, in Gesetzesform gegossen und dann auf einem bestimmten Territorium ohne Ausnahme angewandt werden müsse, habe sich erst in der Moderne entwickelt. So müsse man den Ruf nach ihrer Anwendung und der Einheit von Religion und Staat als eine besondere Ausprägung des Islam verstehen, dem keineswegs alle Moslems zustimmen würden.

Prof. Friedemann Büttner (Berlin) widmete sich in seinem Vortrag dem israelisch-palästinensischen Konflikt, der nach dem 11. September vielfach als Symbol für den Grundkonflikt zwischen westlicher und islamischer Welt gesehen wurde. Büttner ging auf den Friedensprozess ein, seine Probleme und sein vorläufiges Scheitern. Als Premierminister Ehud Barak im Sommer 2000 in Camp David mit dem verzweifelten Versuch gescheitert sei, den Palästinensern eine Paketlösung für alle offenen Fragen des Konfliktes (Grenzen, Jerusalem, Siedlungen, Flüchtlinge, Wasser) anzubieten, bedurfte es nur noch eines kleinen Anlasses, um eine neuerliche Intifada auszulösen. Ariel Scharon habe ihn wissentlich geliefert, als er einige Wochen darauf mit mehreren hundert bewaffneten Polizisten ‚in friedlicher Absicht' den muslimischen heiligen Stätten auf dem Tempelberg einen Besuch abstattete. Beide Seiten sehen in diesem Konflikt den anderen als Aggressor an – und sich selbst als Opfer.

Der Vortrag von Prof. Dr. Peter Waldmann (Augsburg) kreiste um die Fragen, was die Terroristen wollen, wie sie vorgehen, um ihre Ziele zu erreichen. Deren Erfolgsstrategie sei unter zwei Bedingungen gewährleistet: Erstens müsse der angegriffene Staat überreagieren und als der eigentliche Angreifer erscheinen. Zweitens müsse diese Überreaktion die Masse der stillen Sympathisanten der Terroristen aus ihrer Reserve locken, aus passivem Widerstand eine offene Rebellion werden lassen. Unter diesen Voraussetzungen seien, so Waldmann, rein militärische Gegenmaßnahmen zum Scheitern verurteilt. Eine effektive Bekämpfung des Terrorismus setze ein Verstehen der Terroristen voraus. Und man solle sich insbesondere davor hüten, zu glauben, man könne den Terrorismus ausmerzen.

"Nichts wird mehr sein, wie es vor dem 11. September war." Diese vielzitierte Einschätzung hält Prof. Dr. Klaus von Beyme für nicht sehr realistisch. Natürlich hatte der 11. September Folgen: negative und möglicherweise auch positive Folgen. Von einem Wendepunkt in der Weltpolitik könne jedoch nicht gesprochen werden. Erstens sei ein Kampf der Kulturen nicht zu erkennen, stattdessen habe ein Ausmaß an kollektiver Solidarität stattgefunden, wie man es vorher nicht kannte. Zweitens sei der Nationalstaat gestärkt und nicht durch die Gefahr des internationalen Terrorismus geschwächt worden. Drittens könne die Schockeinwirkung dazu beitragen, dass Reformstaus aufgelöst und Innovationen vorangetrieben werden. Viertens dürfte das hegemoniale System der USA nur vorrübergehend triumphieren. Langfristig hält von Beyme es für wahrscheinlicher, dass die internationale Governance wächst und ein internationales universales Rechtssystem notwendigerweise gestärkt werde.

Gert Albert / Claus Wendt ende

 

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Updated: 12.05.2002