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Kinder, Kinder

Internationales Symposion zur Theoriebildung
Unter dem Titel "Kinder und Kindheit(en) im Fokus sozialpädagogischer Theoriebildung" fand ein internationales Symposion am Erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg statt. Veranstaltet wurde es von Dr. Sabine Andresen – frühere Mitarbeiterin am Seminar, inzwischen Vertretungsprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie Mitarbeiterin am Pädagogischen Institut der Universität Zürich – und PD Dr. Isabell Diehm, die drei Semester lang die vakante Professur für Sozialpädagogik in Heidelberg vertreten hat. Finanziert wurde das Symposion von der Volkswagen Stiftung.

Es war die erklärte Absicht der Veranstalterinnen, mit dieser Tagung der Theoriebildung in der Sozialpädagogik einen nachhaltigen Impuls zu geben. In der ausdifferenzierten und heterogenen Landschaft sozialpädagogischer Institutionen stellen Kinder zwar eine herausragende Klientel dar, gleichwohl ist die Theoretisierung von Kindheit in der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin Sozialpädagogik bislang eher marginal geblieben. Vielmehr kann von einer traditionell verankerten Verengung der sozialpädagogischen Aufmerksamkeit auf Jugendliche und Jugend gesprochen werden. Für die Sozial- und Bildungspolitik ist zudem eine starke Konzentration auf Familie und Schule zu konstatieren. Eine kindheitstheoretische Reflexion stellt mithin ein Desiderat der Sozialpädagogik dar. Dieses bildete den Ausgangspunkt des interdisziplinär angelegten Symposions.

Kindheit als historisch und kulturell verstandene Konstruktion

Prof. Leena Alanen von der Universität Jyväskulä (Finnland) und Prof. Michael-Sebastian Honig von der Universität Trier steckten in ihren Beiträgen den sozialwissenschaftlichen Rahmen der neueren Forschung zu Kindern und Kindheit ab, der insbesondere im anglo-amerikanischen Raum die Vorstellung von Kindern als Akteuren und von Kindheit als einer historisch und kulturell zu verstehenden Konstruktion zur Geltung bringt. Das "sozialpädagogische Doppelmotiv von Armutsverhinderung und Entwicklungsförderung" (Honig) sei angesichts einer zunehmenden Institutionalisierung von Kindheit innerhalb dieses Kontextes neu zu definieren und zu entfalten.

Empirische Befunde präsentierten Prof. Volker Lenhart (EWS / Universität Heidelberg), der mit seinem Zugang über Kindheit in der Dritten Welt die dominante "westliche" Sicht auf Kindheit eindrücklich zu relativieren vermochte, und Dr. Karin Bock (Universität Chemnitz), die in einer Studie zum Dreigenerationenverhältnis (Großmutter, Mutter, Tochter / Enkelin) das Aufwachsen in der DDR und unter Bedingungen der Vereinigung fokussierte.

Den 10. Kinder- und Jugendbericht von 1998 nahm Prof. Michael Winkler (Universität Jena) in den Blick. Das Kind, welches sich historisch zur "Metapher des Sozialen" ausgeprägt habe, werde hier nun von seiner Lebenssituation her thematisiert. Insofern setze dieser Bericht einen deutlich sozialwissenschaftlichen Akzent gegenüber einer bis dahin vorherrschenden sozialhistorischen Betrachtungsweise. Dem Theorem einer "Kultur des Aufwachsens" verpflichtet, nähme er zwar Semantiken, Sinn- und Symbolsysteme in Anspruch, die Kinder und Kindheit empirisch zu fassen suchten, gleichwohl enthielte der Bericht pädagogisch-anthropologische wie subjekttheoretische Hintergrundannahmen. Im Bereich der Frühen Kindheit (Krippen- und Kindergartenpädagogik) sei, so Prof. Heide Kallert (Universität Frankfurt/M.) in ihrer systemvergleichenden Analyse sozialpädagogischer Ansätze der DDR und BRD, ein "streitbarer Diskurs" zwischen Vertretern systemisch orientierter wie kindzentrierter Positionen auszumachen.

Dr. Sabine Andresen (Frankfurt/M. und Zürich) rekonstruierte in ihrem Beitrag zur historischen Sozialpädagogik für die Zeit von 1871 bis 1930 eine Inanspruchnahme sozialwissenschaftlicher Theorieangebote und internationaler Diskurse durch die deutsche Sozialpädagogik bzw. durch eine präventiv wirkende Sozialpolitik. Im Gegensatz zu den damals gängigen reformpädagogischen Strömungen ging es dabei um die Offenlegung von Mechanismen, welche soziale Ungleichheit hervorbrachten und perpetuierten, sowie um ein neues Verständnis des Verhältnisses von öffentlicher und privater Verantwortung.

Die Beiträge von PD Dr. Barbara Rendtorff (Universität Osnabrück), Prof. Micha Brumlik (Universität Frankfurt/M.) und Prof. Reinhard Fatke (Universität Zürich) zeigten in je unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Zugängen – psychoanalytisch, philosophisch-evolutionstheoretisch und anthropologisch – auf, dass eine (sozial-) pädagogische Theoretisierung von Kindern und Kindheit ohne die Berücksichtigung der "Entwicklungstatsache" (Siegfried Bernfeld) und der Leiblichkeit nicht auskommen könne.

Alle während des Symposions versammelten Beiträge wie die anschließenden Diskussionen verwiesen auf ein spannungsreiches Verhältnis der ins Spiel gebrachten Theorieperspektiven: Sozialkonstruktivistische Zugänge scheinen anthropologischen Sichtweisen unvereinbar gegenüberzustehen. Und allenthalben mag es so aussehen, als seien empirische Befunde zu aktuellen Lebenslagen von Kindern, historische Kontextualisierungen von Kindheit oder Reflexionen sozialpädagogischer Ansätze entweder der einen oder der anderen Theorielinie zuzuschlagen.

Sozialpädagogische Theoriebildung zu Kindern und Kindheit jedoch kann, so der Ertrag des Symposions, auf keinen der beiden Zugänge verzichten. Sie bedarf einer Theoretisierung des Sozialen wie des Subjekts. Sie hat die Entwicklungs- wie die Erziehungstatsache in Rechnung zu stellen, ohne hinter den erreichten sozial- und erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisstand zurückzufallen und theoretische Differenz auflösen zu wollen. Differenzen müssen schon deshalb offen gehalten werden, um dem Gegenstand und dem jeweiligen Erkenntnisinteresse theoretisch adäquat zu entsprechen. Das gilt es in einer Publikation zur Tagung zu vertiefen und fruchtbringend fortzuentwickeln.

Oliver Fink ende

 

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Updated: 12.05.2002