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Rhetorische Präsenz und staunenswerte Zeitgenossenschaft

Im Alter von 102 Jahren in Heidelberg gestorben: Hans-Georg Gadamer – Stimmen zum Tod des Philosophen
Am 13. März 2002 ist in Heidelberg der Philosoph Hans-Georg Gadamer gestorben. Seit 1949 lehrte er als Nachfolger von Karl Jaspers an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und zählt heute zu den prägendenden Gestalten in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Gadamers Tod wurde weltweit mit großer Trauer aufgenommen, sein Leben und Wirken in der Presse ausführlich gewürdigt – auch Papst Johannes Paul II., der mehrmals mit dem Philosophen zusammentraf, schickte ein Kondolenztelegramm (www.uni-heidelberg.de/presse/news/2203papa.html).
Prof. Hans-Georg Gadamer
Hans-Georg Gadamer (1900-2002) (Foto : Rothe)

In keinem Nachruf fehlt natürlich die Hermeneutik, die mit Gadamers Namen untrennbar verbunden ist. Einflussreich weit über die Grenzen seines Fachs hinaus war sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode" (1960), das eine philosophische Grundlegung der Hermeneutik als einer universalen Theorie des Verstehens darstellt; einflussreich auch über die Staats- und Sprachgrenzen hinaus, so dass Rüdiger Safranski glaubt, ihn nun nachträglich sogar zum "Außenminister der deutschen Philosophie" ernennen zu müssen, wohingegen weniger salopp, aber wohl nicht weniger richtig Axel Honneth einfach resümiert: "Philosophisch gesehen war er ein kosmopolitischer Charakter".

"Im Laufe der letzten Jahre begann Gadamer immer mehr von sich selbst zu berichten. Hatte er doch ein saeculum gesehen, Freunde und Konkurrenten überlebt, politische Systeme und intellektuelle Moden an sich vorüberziehen lassen. Er war längst selbst ein Lehrer für Generationen von Philosophen sowie Studenten vieler Fakultäten geworden", schreibt der Heidelberger Philosoph Rüdiger Bubner in der "Zeit" und repräsentiert damit jenes Staunen über die Zeitgenossenschaft eines Lebens, das – emphatisch gesprochen (wie viele Nachrufe es tun) – ja eigentlich sogar drei Jahrhunderte umfasst. Und überhaupt sind es immer wieder persönliche Begegnungen, zumal auch mit dem Redner Hans-Georg Gadamer, der schlicht aufgrund seiner rhetorischen Präsenz in Bann zog, wie den Kulturstaatsminister Julian Nida-Rühmelin: "Wer [ihn], wer seine geistige Konzentration, die Klarheit der Formulierungen und die Abgewogenheit des Urteils persönlich erlebt hat, konnte sich einer besonderen Faszination nicht entziehen. Zu dieser Faszination trug bei, dass er gerne – und in späteren Jahren wegen seines schwächer werdenden Augenlichtes gezwungenermaßen – frei sprach."

Anekdoten über sich hat Gadamer selbst schon zum Besten gegeben, am bekanntesten vielleicht jene von der ersten Heidelberger Nacht auf einer Parkbank am Bismarckplatz. Über eine Begegnung mit dem Philosophen schreibt jetzt Marius Meller in der Frankfurter Rundschau: "Einmal, in dem Jahr, als Gadamer schon hundert war (es war ein dunstiger Vorfrühlingstag), beobachtete ich, wie der alte Herr langsam, ganz langsam, aber ohne fremde Hilfe aus einem Taxi stieg und sich, gestützt von einem edlen Krückstock, Schrittchen für Schrittchen in Richtung Treppe vorarbeitete. Das Pflaster war rutschig, das Taxi war bereits losgefahren, und ich wollte lieber warten, bis der Philosoph in der Tür des Seminars verschwunden sein würde. Er erreichte endlich glücklich die Treppe, erklomm die erste, die zweite Stufe und auch die dritte und verharrte. Er blieb stehen und machte eine Pause, eine Minute, zwei Minuten. Ich fragte laut und sorgfältig phrasierend: "Herr Gadamer... Alles in Ordnung?" Es dauerte einige Sekunden bis sein Kopf, sein Oberkörper sich in Zeitlupe in meine Richtung drehten, ich dachte an eine Urzeit-Echse. Seine leuchtenden Augen, die mich wohl nur undeutlich sehen konnten, fixierten mich. Wieder einige lange Sekunden später sagte er – ebenso überdeutlich artikuliert, wie ich gefragt hatte -: "Bei mir schon!" Ich wünschte einen guten Tag und tat so, als ginge ich, wartete aber an der Ecke, bis Gadamer die oberste Stufe erreicht, die Tür aufgeschlossen hatte und im Institut verschwunden war."

Einen Nachruf von Jens Halfwassen, Professor am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg findet man unter www.uni-heidelberg.de/presse/news/2203gadamer2.html.

Oliver Fink ende

 

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Updated: 12.05.2002