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"Frauen bringen den Universitätsbetrieb durcheinander"

Frauenstudium begann vor 100 Jahren
Im Sommersemester 1900 durften sich die ersten Frauen an der Universität Heidelberg immatrikulieren. Heidelberg war damit neben Freiburg die fortschrittlichste Universität im Deutschen Reich. Erst 1909 war das Frauenstudium überall in Deutschland erlaubt.

Frauen im Hörsaal
Foto : Uli Reinhardt
Die Proteste gegen die Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten waren groß. Vor allem Akademiker warnten mit ideologischen und biologischen Argumenten: Moralisch unverantwortlich wäre Damenanwesenheit im Hörsaal, da sie die erotischen Sinne der Studenten wecke und diese so von der Wissenschaft ablenke. Ein völliges Durcheinander des Universitätsbetriebs sei die fatale Folge. Auch sei die reine Wissenschaft durch die angebliche Verflachung und Verweichlichung, die durch Frauen eingebracht würden, existenziell gefährdet. Außerdem hatten Anatome bereits 1872 den Frauen die grundsätzliche Untauglichkeit für jedes Studium ausgestellt: Ihr angeblich geringeres Gehirngewicht mildere die intellektuelle Leistungsfähigkeit und verhindere logisches und wissenschaftliches Denken. Gynäkologen wiederum warnten Frauen vor Hysterie und Geisteskrankheiten, die ihnen bevorstünden, sobald sie von ihrer natürlichen Aufgabe der Ehe und Mutterschaft abwichen.

Gefahr für Wissenschaft, Studenten und Frauen

Trotz all dieser "Gefahren" für die Wissenschaft, die Studenten und die Frauen selbst, beschloss die Regierung Badens im Februar 1900, fortan Frauen an den beiden badischen Universitäten Heidelberg und Freiburg versuchsweise zum Studium zuzulassen. Bis dahin war das Frauenstudium zwar nicht generell verboten gewesen, aber welche Frau konnte schon ein deutsches Abitur nachweisen, wenn das Mädchenschulsystem noch bis Ende des 19. Jahrhunderts einen Schulabschluss mit Abitur ganz einfach nicht vorsah? Ein deutsches Abitur war aber zentrale Eingangsvoraussetzung für die Immatrikulation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die bürgerliche Frauenbewegung für das Frauenstudium über ihre Vereine mit Schriften und Petitionen engagiert, war aber zumeist verlacht worden. Über die Großherzogin Luise, der Gründerin der badischen Frauenvereine, war dann der entscheidende Einfluss auf die Bildungspolitik des Landes gelungen: die beiden Universitäten Badens wurden veranlaßt, Frauen zum Studium zuzulassen. Als erste Studentinnen schrieben sich an der Ruperto-Carola zum Sommersemester drei Frauen für Medizin und eine für Philologie ein. Doch nur die 19-jährige Rahel Gotein aus Karlsruhe ist Studienanfängerin. Die anderen hatten bereits ihr Studium im Ausland begonnen.

Studium im Ausland

Diese und andere herausragende Frauen wie Ricarda Huch, Rosa Luxemburg und Marie Baum waren aufgrund der deutschen Repressionen zum Studium nach Zürich ausgewichen. Die Schweiz hatte bereits seit 1864 Frauen zugelassen (die USA schon 1833, Frankreich 1863, England 1869). In Zürich konnten Frauen in einem Ein-Jahres-Kurs zunächst die Hochschulzugangsberechtigung erwerben und danach ein Studium aufnehmen und abschließen. Doch waren damit die Probleme nicht gelöst. Die erste deutsche Ärztin, Franziska Tiburtius, hatte zwar in Zürich studiert und promoviert, aber arbeiten in ihrer Heimatstadt Berlin durfte sie nicht, denn Frauen waren im Deutschen Reich per Gesetz von jeder akademischen Berufstätigkeit ausgeschlossen. Dieses Problem konnte im Deutschen Reich auch nur zögerlich und schrittweise abgeschafft werden. Waren Ärztinnen ab 1900 und (Gymnasial)Lehrerinnen ab 1905 in einzelnen deutschen Ländern zugelassen, so hielt sich das Berufsverbot für Juristinnen und Theologinnen noch hartnäckig bis in die 20er Jahre. Dementsprechend wählten die Frauen ihr Studienfach: Medizin und Philologie waren die Renner. Innerhalb von zwei, drei Jahren wurde die Philologie von circa der Hälfte aller deutschen Studentinnen belegt. Ein gutes Viertel der jungen Frauen wählte die Medizin, und einige Frauen verschrieben sich der Mathematik und den Naturwissenschaften. Andere Disziplinen waren zunächst kaum nachgefragt.

Heidelberg blieb im übrigen lange Jahre eine der beliebtesten Universitäten bei Frauen: 1917 erreichte die Universität mit 52,9 Prozent Frauenanteil an den Studierenden den absoluten Spitzenreiterplatz im deutschlandweiten Vergleich von durchschnittlich acht Prozent Studentinnen.

VD magenta

 

 

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Updated: 14.06.2000