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Internationales
Im australischen Adelaide auf den Spuren der Aborigines

 
Ethnologiestudentin Birgit Eißner über ihr Jahr an der University of Adelaide

UniSpiegel: Frau Eißner, Sie kommen gerade von einem einjährigen Studium in Australien zurück. Was hat Sie bewogen dorthin zu gehen?

Birgit Eißner: Ich wollte ins angelsächsische Ausland. Australien selbst finde ich so aufregend gar nicht. Ich war vor sieben Jahren für mehrere Monate als Tourist dort und fand es eigentlich langweilig. Unsere deutschen Freunde, die uns besucht haben, waren jedoch alle durchweg begeistert. Es ist wirklich auffällig, dass die Deutschen Australien oft mit sehr romantischen Vorstellungen verklären. Trotz meiner nüchternden Haltung Australien gegenüber bin ich dorthin, weil ich unbedingt ein verschulteres Universitätssystem kennenlernen wollte. Das war das wirklich Attraktive. Tatsächlich ist das australische Universitätssystem systematischer und straffer organisiert, in drei Jahren hat man seinen Abschluss. Die Seminare sind kleiner und die Dozenten sind sehr viel mehr für die Studierenden da. Insofern haben sich meine Hoffnungen erfüllt.

UniSpiegel: Die Umstellung war wahrscheinlich besonders für ihre damals zweieinhalbjährige Tochter schwer. Wie haben sie die Betreuung geregelt, hat ihr Freund aufgepasst?

Birgit Eißner: Nein, schön wäre es gewesen! Er hat dort weiter Architektur studiert – übrigens musste er sein Studium in Australien selbst finanzieren und organisieren. Für mich war es ungleich leichter, weil hier alles über das Akademische Auslandsamt lief. Und auch in Australien selber war die Betreuung für uns Programmstudierende ausgezeichnet. Mit der Betreuung von Zoé haben wir uns abgewechselt und sie natürlich auch in einen Kindergarten gegeben, die dort teuer sind (wir haben teilweise 1000 Mark pro Monat bezahlt), aber dafür richtige Dienstleitungsunternehmen: die Betreuungszeiten können sehr flexibel gehandhabt werden und Wartezeiten bis zur Aufnahme gibt es gar nicht. Da wir das aber vorher nicht gewußt hatten, haben wir uns für das Studium an der University of Adelaide entschieden, die uns als einzige Informationen über die Kinderbetreuung gegeben hat.

UniSpiegel: Wie hat Ihre Tochter das Leben im fremden Land verkraftet?

Birgit Eißner: Zoé fand es anfangs furchtbar, sie fühlte sich wegen der fremden Sprache völlig entmachtet. Hier in Deutschland hatte sie gerade richtig zu sprechen angefangen, konnte prima streiten und bezirzen. Sie hatte also das Sprechen in seinen für sie wichtigen Funktionen gerade erst erlernt gehabt. In Australien ging das alles nicht mehr. Sie war anfangs fest entschlossen, kein Englisch zu lernen. Außerdem war sie während der ersten sieben Monate ständig krank gewesen, was es auch nicht leichter gemacht hat. Freunde aus dem Kindergarten und unsere Nachbarn dort waren schließlich der Anreiz für sie, Englisch zu lernen. Komischerweise hat sie die letzten Monate mit uns im Garten Englisch geredet, im Haus aber weiter auf Deutsch. Den Anfang hatten wir uns nicht so schwer vorgestellt, wir hatten gedacht, dass Kinder in dem Alter weniger ortsbezogen als vielmehr elternbezogen seien. Aber sie hatte Heimweh. Ich dagegen hatte eher "Leuteweh"! Mir hat es manchmal schon gefehlt, mich mit Freunden, die auch Ethnologie studieren, über Aboriginal Studies von unserer Ethnologen-Perspektive aus zu unterhalten. Hier studiere ich Ethnologie und Pädagogik, aber in Australien hatte ich mich für Aboriginal Studies eingeschrieben und die Erfahrung gemacht, dass Ethnologen nicht sonderlich beliebt sind, um es milde auszudrücken. Als Ethnologe übernimmt man in Aboriginal Studies die Funktion des "whipping boys". Das liegt daran, dass Ethnologen in der Vergangenheit viel über die Aboriginal people geschrieben haben, wovon viele Aussagen vom heutigen Standpunkt aus heftig kritisiert werden. Zum Teil mit gutem Grund, denn die Aboriginal people wurden lange Zeit mit eurozentrischen Wertmassstäben gemessen und zum Beispiel als "Steinzeitmenschen" bezeichnet. Sie wurden als "primitiv" und "zurückgeblieben" disqualifiziert, und auch wenn das in der Ethnologie schon längst als falsch abgetan wurde, findet sich immer noch ein latenter Rassismus im Land, vor allem bei den Farmern. Eben diesem Rassismus war früher durch die Aussagen der Ethnologen viel Vorschub geleistet worden. Dagegen sind in jüngster Zeit alle öffentlichen Einrichtungen inzwischen positiv diskriminierend für die Aborigines.

UniSpiegel: Gerade für einen Ethnologen muss es doch herausfordernd sein, nicht vom Schreibtisch aus fremde Völker zu studieren, sondern vor Ort, ja sogar mit dem Studienobjekt zusammen an einer Universität.

Birgit Eißner: Ja, ich hatte einen viel direkteren Zugang zu der Sichtweise der Aboriginal people, zumindest so, wie sie am Institut dort gelehrt wurde. Ich finde es auch prima, dass es Aborigines Studies als eigene Disziplin überhaupt gibt, aber das Problem für mich ist die starke Politisierung. Im Nachhinein gesehen bin ich ziemlich unreflektiert und linksliberal angetappt gekommen. Eine berechtigte Kritik an der ethnologischen Vergangenheit muss nicht in einen völligen Verriss ausarten, und sie allein reicht auch nicht aus, um das einen neuen, und noch dazu "aboriginal" Diskurs nennen zu dürfen.

UniSpiegel: Hat das Studium in Australien ihre Einschätzung zum deutschen Studium verändert?

Birgit Eißner: Ja, in mehreren Bereichen sogar. Zum einen würde ich mir die Ausbildung hier ganz allgemein viel systematischer wünschen – so wie ich es in Australien kennengelernt habe. Zum anderen habe ich nach den Erfahrungen in Australien mehr Interesse an Theorie und Geschichte der Ethnologie: In Australien konnte ich zu meinem großen Ärger anfangs den Vorwürfen gegen Ethnologen wenig entgegensetzen. Mit drei Studienkollegen habe ich deshalb unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Australien den "Ethnologischen Zirkel" gegründet. Wir wollen versuchen, uns ein flächendeckenderes Grundwissen über die Ethnologie zu erarbeiten, eben über Geschichte und Diskurslehre, aber auch über die Randgebiete der Ethnologie, die sich mit anderen Disziplinen überschneiden.

VD

 

 

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Updated: 14.06.2000