Frauenforschung
Wahnsinn – interdisziplinär betrachtet
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Medizin, Psychologie, Kunst- und Musikwissenschaft, Physik und Theologie fanden sich beim 8. Heidelberger Herbstsymposium zur Frauenforschung zusammen.

"Hysterie und Wahnsinn im Kultur- und Geschlechtervergleich": das Thema lockte eine große Zuhörerschaft ins Internationale Wissenschaftsforum der Universität Heidelberg. Die Frauenbeauftragte und Initiatorin des Symposiums Silke Leopold verwies in ihren einleitenden Worten darauf, dass Wahnsinn in der Vergangenheit unterschiedlich verstanden wurde. Sich dem Phänomen aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern, war Ziel der Veranstaltung.

Der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang Eckart gab zunächst anhand zahlreicher Quellen einen Überblick zur Geschichte des Wahnsinns aus medizinischer Sicht. Bis ins 17. Jahrhundert herrschte die Vorstellung, dass ein Übermaß an schwarzer Galle für den als Melancholie bezeichneten Wahn verantwortlich sei. Seit dem 18. Jahrhundert wurde die Ursache im Gehirn gesucht und eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und zugeschriebener Bedeutung konstatiert. Erst im 19. Jahrhundert wurde Wahn als Hysterie den Frauen zugeordnet (hystera = Gebärmutter); eine Assoziation, die bis heute vorherrscht, obwohl seit dem Ersten Weltkrieg eine Häufung von Kriegshysterien bei Männern die geschlechtsspezifische Zuweisung widerlegte.

Der Hysterie bei Frauen wandte sich Vera King (Frankfurt) zu. Sie untersuchte den Zusammenhang von Adoleszenz und Hysterie: Im Übergang vom Kindsein zum Erwachsenenleben führt die Konfrontation mit dem sexuellen Körper zu Spannungen, die mittels hysterischer Reaktionen gelöst werden. Hysterie – das Schwanken zwischen Extremen, zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen oder zwischen Verschmelzungswünschen mit dem Du und narzisstischer Abgrenzung – ist also ein notwendiges Übergangsstadium, bis die erforderlichen Integrationsprozesse auf dem Weg zum erwachsenen Individuum erreicht sind. Fehlen in dieser Phase Entwicklungsspielräume, fixiert sich die Hysterie: Die Findung einer erwachsenen Identität misslingt.

Von anderer Seite näherte sich Gabriele Ende (Mannheim) dem Wahnsinn. Sie stellte pathophysiologische Untersuchungen der Schizophrenie vor. Mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomographie wurden Schizophrene auf Veränderungen der Gehirnaktivität untersucht. Tatsächlich ließen sich bei visueller und akustischer Reizung Unterschiede in den aktivierten Gehirnregionen nachweisen. Beeindruckend das Beispiel eines Mannes, der Stimmen hörte: Seine Gehirntätigkeit unterschied sich nicht von der bei Wahrnehmung realer akustischer Reize.

Von den Naturwissenschaften zu den schönen Künsten: Am Beispiel von drei Opern führte Dorothea Redepenning (Heidelberg) die Darstellung hysterischer Frauen um 1900 vor. Widernatürlich, animalisch, artifiziell: Dass es sich bei den liebesgierigen, hingabewilligen Frauen um männliche Projektionen handelt, liegt auf der Hand. "Salome" von Richard Strauss ist ein Beispiel für die Zelebration erotischer Phantasien. Salome wird mit Wahnsinn und Tod bestraft – die bizarre, an Irrsinn grenzende Musik des Schlusses der Oper weist darauf hin. Andere Opern hingegen bieten den Heldinnen die Möglichkeit, in eine Traumwelt zu entrücken und sich so der engen, bedrohlichen Realität zu entziehen – Wahnsinn als Form des Widerstands gegen bestehende Zwänge.

Nicht Wahnsinn in der Kunst, sondern Kunst von Wahnsinnigen präsentierte Inge Jádi, Kustodin der in den 20er Jahren zusammengestellten Prinzhorn-Sammlung der Psychiatrischen Universtiätsklinik, die 6000 Objekte von Anstaltsinsassen der Psychiatrie umfasst. Aus den vorgestellten Werken von zehn Frauen spricht die Innenwelt der Kranken mit eindringlicher, oft erschütternder Unmittelbarkeit: Überlebenskunst, die sich aus Verzweiflung an der Welt eine eigene Welt schafft. Einige Werke zeigten eine erstaunliche Nähe zur modernen Kunst: Die Grenzen zwischen der Kunst Wahnsinniger und der Kunst Gesunder verschwimmen und werfen einmal mehr die Frage nach der Definition von Wahnsinn auf.

Elisabeth Strowick (Hamburg) legte dar, wie das für Medizin und Psychologie des späten 19. Jahrhunderts gültige Sichtbarkeitskriterium von körperlichen Reaktionen durch die Beschäftigung mit Hysterie hinterfragt werden muss, etwa wenn hysterische Phantomschmerzen auftreten. In einem zweiten Schritt erläuterte sie den besonderen körperlichen Bezug von Hysterie und Rhetorik: eine als "Schlag ins Gesicht" empfundene Kränkung löste bei einem Hysterischen Gesichtsneuralgie aus.

Wie abhängig die Einordnung von Verhaltensweisen von sozialen und geschlechtlichen Faktoren ist, machte abschließend Claudia Nauerth (Greifswald) deutlich. Sie ging der Frage nach, ob Frauen in der Alten Kirche Prophetinnen und Apostolinnen sein durften. Während Frauen und Männern eine prophetische Gabe zunächst gleichermaßen zuerkannt wurde, verunglimpften die Kirchenväter Prophetinnen rückblickend als wahnsinnig und verglichen sie mit heidnischen, der Dämonie bezichtigten Frauen. Dies zeigt, wie eng die Einordnung als wahnsinnig mit Andersartigkeit verbunden ist. Ob es sich um das kulturelle oder das geschlechtliche Andere handelt: Mit der Zuschreibung "verrückt" schwindet die Notwendigkeit, dieses Andere ernst zu nehmen, und damit auch die Bedrohung des eigenen Standpunktes.

Ob die Herren der Schöpfung sich der Veranstaltung aus Furcht vor dem hysterischen Geschlecht fernhielten? Schade jedenfalls, denn der Erkenntnisfülle nach zu urteilen, die der Dialog zwischen den verschiedenen Fächern mit sich brachte: Sollte ein Dialog der Geschlechter nicht ähnlich fruchtbare Ergebnisse erwarten lassen?

Philine Lautenschläger


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Updated: 31.01.00