Interview

"Nur Grundlagenforschung, das hätte mich nicht richtig gefesselt!"

Ihr Projekt ist – sehr verkürzt gesagt – "Medizintechnik", das heißt, neue technische Verfahren ermöglichen neue Diagnostikverfahren und Therapiemöglichkeiten.

Prof. Bille: Es geht bei diesem Projekt einmal um Grundlagenforschung, um adaptiv-optische Messverfahren, mit denen wir uns hier am Institut für Angewandte Physik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg seit 20 Jahren beschäftigen. Zum anderen geht es um die Weiterentwicklung der Lasertechnologie, die sich dieser Erkenntnisse bedient, um neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu erschließen. Zur Anwendung kommt diese Technologie heute wesentlich bei der Vermessung und Korrektur von refraktiven Fehlern des menschlichen Auges und, als intelligentes Mikro-Laserskalpell, in der Hirnchirurgie oder demnächst auch in der Orthopädie.

Was war der Impuls für die Innovation? War es der Bedarf im Medizinischen, die Erkenntnis, dass da Behandlungsmethoden gesucht waren, oder war Ihre Innovation eine technische Erfindung, aus der plötzlich Anwendungsbereiche resultierten?

Preis

Prof. Bille: Ich bin von meiner Grundforschungsrichtung her Festkörperphysiker und habe mit Medizin nichts zu tun gehabt. Ich habe mich von Anfang an, schon seit meiner Diplomarbeit 1966 – das war sechs Jahre nach der Erfindung des Lasers – damit befasst, Kurzpulslaser zu bauen, Festkörperlaser für die Anwendung in der Grundlagenforschung. Auf dem Gebiet habe ich auch habilitiert. Dann habe ich entdeckt, dass es zwei Wege für mich gibt: Entweder bleibe ich bei Kurzpulslasern, untersuche grundlegende Eigenschaften von Festkörpern, deren elektronische Eigenschaften und so weiter, oder ich versuche das anzuwenden, was im Laser als Möglichkeit impliziert ist.
Dabei habe ich von vorneherein an die Medizin gedacht, bin aber nicht in den Bereich hineingekommen. Damals hat sich noch keiner dafür interessiert, Laser in der Medizin anzuwenden, es war zu früh. Als es 1978 die Möglichkeit gab, nach Heidelberg zurück zu kommen, habe ich das verwirklicht. Mein Ziel war, den Laser zu nehmen, den ich beherrsche, und die Datenverarbeitung zu nehmen, die ich auch beherrsche und sie zusammenzubringen. Und genau das habe ich getan, bis zum heutigen Tag!
Die laserrefraktiven Methoden werden in der hochindustrialisierten Welt – an erster Stelle in den USA und in Europa, Japan und Südamerika – Brillen und Kontaktlinsen in den Hintergrund drängen. Man kann damit etwas erreichen, was mit der Brille und Kontaktlinse nicht geht: ein 200%-Auge. Und man kann ein Auge modellieren, das bei Dämmerung fünf- bis zehnmal so gut sieht wie ein anderes Auge mit Korrekturen.

Auf der einen Seite also die Diagnostik, sie ist Basis für die notwendige Korrektur. Weitergehend wollen Sie das "perfekte Sehen" gestalten. Ist das notwendig oder eine Hybris?

Prof. Bille: Der entscheidende Punkt bei dem perfekten Sehen ist die Verbesserung des Kontrastsehens. Das spielt im täglichen Leben eine grosse Rolle, es kann, zum Beispiel beim Auto fahren, der Unterschied zwischen Leben und Tod sein. Wenn das umgesetzt wird, ist es keine Schönheitsoperation. Für einen großen Bereich des Lebens kann der Komfort des Sehens, die Sicherheit des Sehens, durch Sehen ohne Brille mit dieser Technologie verbessert werden.

Wie kann man sich das ganz pragmatisch vorstellen, hat man dann eine Art "Mini-Operation"?

Prof. Bille: Wenn es mit unserem Femtosekundenlaser stabil funktioniert, dann ist es keine Operation, das merkt man gar nicht. Es wird nicht geschnitten. Etwa 20 Sekunden sieht man in das Gerät, das wir da unten stehen haben. Das misst und gleichzeitig modifiziert es etwas.

Bis wann kann das Ganze einsatzfähig sein?

Prof. Bille: Wir werden die Umsetzung demnächst erstmalig am Menschen vornehmen, höchstwahrscheinlich durch einen refraktiven Chirurgen in London. Nach dem Plan der Firma Perfect Vision soll die Umsetzung auf der Academy nächstes Jahr in Dallas erstmals demonstriert werden, am Markt wird die Femtosekundentechnik in einem guten Jahr sein. Wenn man 20 Jahre dran arbeitet, ist ein gutes Jahr nicht mehr viel.

Alle, die heute erst dreißig sind, bei denen die Probleme mit dem Sehen erst noch anfangen, haben eine realistische Chance, dass sie damit keine Malaise erleben?

Prof. Bille: Wir machen noch viel schönere Sachen: Es gibt etwas, das alle Menschen betrifft, Altersweitsichtigkeit. Das dauert aber noch ein bisschen länger, nicht nur ein Jahr. Wir werden auch das Glaukom beherrschen.
Was ich am Auge erklärt habe, das kann man in entsprechender Form auch in jedem delikaten Operationsgebiet des menschlichen Körpers nutzen.

Ihr Projekt ist ein "Verbundprojekt" zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das ist, wenn man den typisch deutschen Wissenschaftsbetrieb ansieht, nicht üblich. Wie funktioniert diese Verbindung?

Prof. Bille: Wenn man etwas in die Medizin einbringen will, so wie ich das jetzt tue, Optik in die Medizin, Laser in die Medizin, dann ist Forschung 10% des Weges. 90% des Weges sind es, daraus ein medizinisch einsetzbares Gerät zu machen, ganz zu schweigen von der Vermarktung, Zulassung, FDA und so weiter. Die Umsetzung einer neuen Idee bis in die Klinik hinein lässt sich nicht innerhalb der Universität realisieren. Ich kann nur diesen ersten Schritt tun, die ersten 10%. Und die 90%, das müssen die kleinen High-Tech-Firmen leisten.

Eine Zielsetzung des Preises des Bundespräsidenten ist es, der Öffentlichkeit die Leistungen der Wissenschaft bewusst zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern. Ihr Projekt ist, von einer Fachöffentlichkeit abgesehen, für die Öffentlichkeit im Geheimen entstanden. Wie halten Sie und Ihre Kollegen es mit diesem Dialog, warum bleibt die Wissenschaft in ihrem Türmchen und kommt nicht heraus mit diesen doch phantastischen Projekten?

Prof. Bille: Schwierig auszudrücken. Es ist ganz klar, dass es da bei uns ein Riesendefizit gibt. Nicht nur, dass die Art, wie ich arbeite, in Deutschland nicht so stark verbreitet ist, anders als in den USA. Dort ist die Öffentlichkeit, auch durch die Medien, ganz anders informiert über das, was in der Wissenschaft stattfindet. Es wird nicht transportiert und darum ist die Öffentlichkeit bei uns auch nicht bereit, darüber nachzudenken. Da ist sicher sehr viel mehr nachzuholen auf diesem Sektor, als dass die deutsche Forschung aus den Unis heraus Innovationen in die Wirtschaft hineingibt. Da läuft schon sehr viel im Moment, aber im Verborgenen.

Gibt es so etwas wie ein Motto, eine formulierbare Motivation für das, was Sie tun? Sie sagten, dass Sie immer wussten, dass Sie in die Medizin wollten?

Prof. Bille: Es ist eine persönliche Lebenseinstellung, dass ich hier etwas tun möchte. Ich habe selbst schlechte Augen, das ist schon eine gewisse persönliche Motivation dafür, dass es gerade die Augenheilkunde ist. Ich hätte mich ebenso auf die Krebs-Chirurgie konzentrieren können. Es ist auch für meine Mitarbeiter sehr befriedigend, dass unsere Forschungsarbeiten umgesetzt werden und die daraus entstehenden Produkte und Verfahren allen Menschen – in jedem Teil der Welt – eine höhere Lebensqualität ermöglichen können. Ein Großteil der Motivation kommt aber einfach aus dem persönlichen Umfeld. Wie schon gesagt, nur Technik und nur Grundlagenforschungen, das hätte mich nicht richtig gefesselt.

Der Begriff Innovation ist in aller Munde: Wie definieren Sie Innovation, insbesondere im Zusammenhang mit ihrem Projekt?

Prof. Bille: Innovation ist – wenn ich mein Gebiet nehme – , dass man etwas macht, das aus meiner Sicht völlig neu ist, und versucht, das wirklich umzusetzen, so dass sie schließlich auch wirtschaftlich genutzt werden kann. Innovation, die im Schreibtisch ruht, ist eigentlich keine.


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 31.01.00