Editorial

Am Schalter
Es stand in unserem Pressetext: Die Universitätsbibliothek Heidelberg richtete bereits Mitte Oktober einen "Millennium-Schalter" ein – um den Service zu verbessern. Nun wissen wir alle, was ein Lichtschalter ist: Man knipst das Licht an, wenn es dunkelt, und man knipst es aus, wenn die Dunkelheit nachlässt oder man Nacht um sich sucht. Die gesamte Logik der computer-dominierten Welt basiert heute auf "1" und "0" – nicht wahr? Und was ein Genschalter ist, kann der Laie auch noch einigermaßen stringent ableiten: Ein Gen wird angeschaltet, wenn man es braucht, und abgeschaltet… – Sie wissen schon. Was mag also der Millenniumschalter sein? Ein Schalter für das neue Jahrtausend? Vielleicht sogar: ein Schalter für ein besseres Jahrtausend (denn immerhin geht es bei der UB ja um einen verbesserten Service)? Die Vorstellung ist schon verführerisch, erotisch, dass das zukünftige Jahrtausend besser als das alte wird – aus den vielen Kriegen zum Beispiel sollte die Menschheit ihre Lehren ziehen. Eine sehnsuchtsvolle Idee: Wir stehen an einem Schalter in der UB und knipsen das bessere Millennium an. "Hoffnung ist ein nebelhaftes Gebilde, sie ist greifbar oder nicht, sie nimmt Gestalt an oder verliert Gestalt, sie löst sich in Luft auf, verschwindet wie ein Luftschloss" (Rolf Verres über "Sehnsucht und Erfüllung"). Zurück auf den Boden der Realität. Wenn wir ein besseres Jahrtausend anknipsen wollen, ist Bildung der Schlüssel. Nur hier, im "lebendigen Geist", der natürlich auch Neinsagen trainiert, liegt die Zukunft für unser Überleben – für die Frage, ob es die Menschheit sein wird, die das kommende Jahrtausend auch beendet, nachdem sie es angeknipst hat.

Michael Schwarz


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Updated: 30.01.00