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Bereichsbild

Neue Ideen, größere Flexibilität

Nur durch den Verzicht auf starre Rahmenbedingungen lassen sich die derzeitigen Probleme der Bachelor- und Master-Studiengänge lösen
von Heinz-Dietrich Löwe

 

Prof. Dr. Heinz-Dietrich Löwe  

Bei der Beurteilung der vielen verschiedenen Bachelor- und Master-Studiengänge ist jede generalisierende Aussage falsch. Dennoch bin ich, bei aller Vorsicht, der Meinung, dass wir mit unseren Studiengängen in Heidelberg eine gute Arbeit geleistet haben. Wenn die Bachelor-Studiengänge – wie vielfach bei uns in Heidelberg – inhaltlich möglichst wenig vorschreiben, bleibt die Lernfreiheit der Studierenden und die Lehrfreiheit der Dozenten garantiert.

Nichtsdestoweniger verlangt der Bachelor – was zuvor niemand hören wollte – einen gesteigerten Lehraufwand. Heidelberg bietet hier eine wegweisende Lösung: Die Studiengebühren kommen bei uns in einem Umfang von bis zu 80 Prozent unmittelbar der Lehre und den Fächern zugute. Kleinteilige Studiengänge indes machen Sorgen. Hier waren Korrekturen nötig, die derzeit umgesetzt werden.

Die Probleme, die wir mit den Bachelor- und Masterstudiengängen haben, sind meines Erachtens nach darauf zurückzuführen, dass in der Vergangenheit nirgendwo eine echte Diskussion stattgefunden hat: Einwände wurden einfach weggewischt. Die Hochschulrektoren stimmten den Neuerungen zwar zu – aber auch die Rektoren haben ihre Kollegen meist nicht um ihre Meinung gefragt. Hinzu kam der Druck aus den Ministerien. Umfangreiche Vorgaben und die fehlende Möglichkeit, ihnen widersprechen zu können, haben zu einer Überfrachtung der Bachelor-Studiengänge mit Veranstaltungen und Prüfungen geführt. Das war politisch von Anfang an so vorgegeben.

Die Politiker erfanden Bachelor- und Master-Studiengänge als „Eier legende Wollmilchsau“, was folgende Aufzählung belegen mag:

Die neuen Studiengänge sollten

  • die Zahl der Studenten verringern und Kosten reduzieren (indem man den Master nur für eine Minderheit der Studenten plante und die Studienzeiten begrenzte);
  • die hohen Abbruchquoten senken (ohne eine bessere Ausstattung oder mehr Stipendien zu gewähren);
  • die Mobilität der Studierenden steigern (obwohl Bachelor-Studiengänge per se und par excellence mobilitätsfeindlich sind, wie Erfahrungen in England und Amerika unter vergleichbaren Rahmenbedingungen schon seit langem zeigen).

Die Studierenden sorgen sich unterdessen um die Studierbarkeit ihrer Fächer, wegen der zunehmenden Verschulung und darum, jemals eine Anstellung zu finden. Besonders diejenigen, die „nur“ mit einem Bachelor abschließen, fürchten um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Nicht einmal der Öffentliche Dienst eröffnet Bachelor-Absolventen Karrieremöglichkeiten. So wird es denn bald ein weiteres politisches Problem geben, wenn es die Frage zu beantworten gilt, wie viele Studierende wohl einen Master-Abschluss machen dürfen.

Und wo liegt die Lösung? Ich denke in einem weitgehenden Verzicht auf Rahmenbedingungen. Wir brauchen viele unterschiedliche Modelle, die miteinander in einen Wettbewerb treten. Auch die Koexistenz von drei- und vierjährigen Bachelor-Studiengängen darf nicht tabu sein, und der Zugang zum Master-Abschluss muss für die Studierenden weit geöffnet sein. Die Studierbarkeit könnte gesichert und der Verschulung entgegengewirkt werden, indem man die „Credit-Points“ generell kürzt (um rund 20 Prozent, kombiniert mit einer individuellen Prüfung). Vor allem aber müssen die Akkreditierungsunternehmen weg, die den Universitäten einen Studien-Einheitsbrei aufzuzwingen drohen. Stattdessen gilt es, die Studiengänge kreativ zu gestalten, beispielsweise indem man eine veranstaltungsfreie „Lesewoche“ in der Mitte des Semesters anbietet.

Mit neuen Ideen und mehr Flexibilität lässt sich meiner Meinung nach erreichen, dass der Streit um Bachelor und Master oder alter Magister an Schärfe verliert. Aufgrund der persönlichen und professionellen Integrität der Lehrenden wird den Lernenden auch heute ein Studium von hoher Qualität geboten – und genau das muss das Ziel aller Bemühungen sein.

Kontakt: heinz-dietrich.loewe@urz.uni-heidelberg.de

Professor Heinz-Dietrich Löwe ist Dekan der Philosophischen Fakultät und Erster Sprecher des Senats.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 11.07.2014