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Die Verkabelung der Welt

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand aus zunächst bescheidenen Anfängen ein globales Telegrafennetzwerk, das spätestens zur Jahrhundertwende den gesamten Globus umspannte. Die Telegrafie ermöglichte die „Entmaterialisierung“ der Kommunikation über große Distanzen und entkoppelte den Informationsfluss von der Bewegung von Menschen oder Dingen. Heidelberger Wissenschaftler untersuchen, was es für bestimmte Regionen oder Personengruppen bedeutete, an die „Globale Sphäre“ angebunden zu sein oder nicht.

Wie die Telegrafie zum Motor der Globalisierung wurde
von Roland Wenzlhuemer

Kulturelle Austauschprozesse sind in den seltensten Fällen lineare, in nur eine Richtung verlaufende Vorgänge, in denen klar zwischen gebenden und empfangenden Kulturen unterschieden werden kann. Vielmehr handelt es sich üblicherweise um komplexe Beziehungsgeflechte, die alle beteiligten Kulturen nachhaltig verändern und zum Entstehen von etwas Drittem, etwas Neuem, führen. Um solchen Austausch aber überhaupt erst möglich zu machen, wird ein Mittler benötigt, der die jeweiligen Kulturen miteinander verbindet. Diese Rolle kann von Menschen (Händler, Pilger…), Dingen (Handel, Beutezüge…) oder Informationsflüssen wahrgenommen werden. Über lange Zeit waren Informationsflüsse eng mit den Bewegungen von Menschen und Dingen verknüpft. Informationen wurden entweder von den reisenden Menschen selbst aufgenommen und weitergegeben oder auf Materialien (Stein, Papier, Keramik…) festgehalten, die man dann zwischen den Kulturen austauschte.

Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts ist allerdings eine allmähliche „Entmaterialisierung“ der Kommunikation über große Entfernungen zu beobachten. Informationsflüsse werden von den traditionellen Trägern „Mensch“ oder „Objekt“ losgelöst. Obwohl bereits zuvor einzelne Techniken und Technologien die Übertragung von „entmaterialisierter“ Information erlaubten, trieb vor allem die Erfindung und Verbreitung der elektrischen Telegrafie diese Entwicklung entscheidend voran. Es ist hierbei interessant anzumerken, dass menschliche Kommunikation in ihren grundlegendsten Formen (Laute, Sprache, Gesten…) nichtmateriell ist, also kein Material als Medium benötigt. Die Vermittlung von Informationen über Raum oder Zeit hinweg machte aber die materielle Aufzeichnung nötig.

Bereits sehr früh waren Systeme bekannt, die zumindest über kleinere räumliche Distanzen hinweg wieder eine „entmaterialisierte“ Kommunikation möglich machten – man denke etwa an Leuchtfeuer, Rauchzeichen oder Signalhörner. Diese frühen Systeme waren in ihren Möglichkeiten aber eingeschränkt und konnten meist nur vorher vereinbarte Inhalte übertragen. Einen erheblichen qualitativen Sprung brachte erst die Erfindung und Verbreitung der sogenannten optischen Telegrafie. Vor allem in Frankreich, aber auch in England, Deutschland oder den Vereinigten Staaten von Amerika begann man in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts damit, Ketten von Signaltürmen zu errichten, die mit einer komplizierten Mechanik viele unterschiedliche Zeichen von Turm zu Turm – und damit entlang wichtiger Kommunikationslinien – übertragen konnten.
 

 

Bereits im Jahr 1851 waren London und Paris durch ein Kabel über den Ärmelkanal in telegrafische Verbindung getreten.  
Bereits im Jahr 1851 waren London und Paris durch ein Kabel über den Ärmelkanal in telegrafische Verbindung getreten. Fünfzehn Jahre später gelang auch eine transatlantische Verbindung. Zusammen mit der telegrafischen Anbindung Indiens an Europa gilt das transatlantische Kabel als Startschuss für die „Verkabelung der Welt“.

Die für eine weite Verbreitung und Anwendung nötige technische Reife und Effizienz erreichten nichtmaterielle Kommunikationssysteme aber erst mit der elektrischen Telegrafie. Seit den späten 1830er-Jahren wurde diese Technologie vor allem im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten getestet und zur Serienreife geführt. Mehrere miteinander konkurrierende Systeme verband die Gemeinsamkeit, dass Zeichen nunmehr in elektrische Impulse kodiert und entlang von Kabeln und Drähten übertragen werden konnten. Zur raschen Verbreitung half der Telegrafie die Symbiose mit einer anderen Schlüsseltechnologie dieser Zeit – der Eisenbahn.

Englische Eisenbahnplaner erkannten in den 1840er-Jahren die elektrische Telegrafie als einzig probates Mittel zur effektiven Koordination des Eisenbahnverkehrs. Sie begannen, entlang des Schienensystems Telegrafenlinien zu errichten. Durch diese Symbiose, aber auch durch das nun geweckte Interesse von Handel, Finanzwelt und Administration, bildeten sich im Laufe der 1840er- und 1850er-Jahre vor allem in den Ländern West- und Mitteleuropas sowie in den Vereinigten Staaten dichte Telegrafennetzwerke aus, die man Schritt für Schritt auch miteinander verband. Fortschritte in der Isolierung und der Kabelproduktion erlaubten es schließlich auch, Unterseekabel zu verlegen. Bereits im Jahr 1851 konnten London und Paris durch ein Kabel über den Ärmelkanal in telegrafische Verbindung treten. Fünfzehn Jahre später gelang nach mehreren Fehlversuchen auch eine transatlantische Verbindung. Zusammen mit der erfolgreichen telegrafischen Anbindung Indiens an Europa kann das transatlantische Kabel als Startschuss für die „Verkabelung der Welt“ gesehen werden, die in den 1870er-Jahren voll in Schwung kam und im Jahr 1902 mit der telegrafischen Umrundung der Erde einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Das globale Telegrafennetzwerk wurde im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch zu einem neuen Medium für kulturellen Kontakt und Austausch. Das Netzwerk existierte komplementär zu bestehenden Systemen, die auf materieller Übermittlung basierten, zum Beispiel dem internationalen Postwesen. Dank der „Entmaterialisierung“ der zu übertragenden Informationen funktioniert es aber nach einem völlig neuen Grundprinzip. Durch die Kodierung in elektrische Impulse konnten neue Informationswege erschlossen und bisher ungeahnte Übertragungsgeschwindigkeiten erreicht werden. Die Telegrafie wurde zu einem zentralen Motor der Globalisierung des späten 19. Jahrhunderts und veränderte die Rolle von Zeit und Raum in der globalen Kommunikation grundlegend. Es schien, als würde räumliche Entfernung kaum noch eine Bedeutung haben, als wäre Kommunikation selbst zwischen den entlegensten Punkten binnen Minuten möglich. So mancher zeitgenössische Beobachter wollte angesichts dieser neuen Möglichkeiten von der annihilation of time and space (der Vernichtung von Zeit und Raum) sprechen. Einige Kommentatoren gaben sich mitunter dem Irrglauben hin, dass diese unmittelbare Kommunikation über alle räumlichen und zeitlichen Grenzen hinweg praktisch zwangsläufig zum Dialog zwischen den Völkern und somit in eine Ära des weltweiten Friedens und Verstehens führen würde. Spätestens das Jahr 1914 brachte den Gegenbeweis.

Aber auch das Postulat der Vernichtung von Zeit und Raum kann aus wissenschaftlicher Perspektive nicht nachvollzogen werden. Zum einen hatte die räumliche Entfernung weiterhin entscheidenden Einfluss auf die Übertragungsdauer einer Nachricht. Ein Telegramm von London nach Kalkutta brauchte vor allem aufgrund der vielen Relaisstationen und den damit verbundenen De- und Rekodierungen auch im 19. Jahrhundert deutlich länger als eine vergleichbare Nachricht von London nach Birmingham. Zeit spielte nun in gewisser Hinsicht sogar eine größere Rolle. Nachrichten zu übermitteln, dauerte zwar wesentlich weniger lang als zuvor, dafür entstand in vielen Branchen aber eine nie zuvor dagewesene Zeitsensitivität – zum Beispiel beim internationalen Börsenhandel in „Echtzeit“, der erst durch die Telegrafie möglich wurde.
 

 

Die Verkabelung der Welt  


Das relativiert die scheinbare Vernichtung von Raum und Zeit. Entscheidend ist aber, dass neue Ungleichheiten entstanden, die den geographischen Raum als primäres Trennungselement, als Kriterium von Zentralität und Randlage, ablösen. War eine geographisch abgelegene Region gut an das globale Kommunikationsnetz angebunden, so stieg ihre Zentralität erheblich. Umgekehrt konnte die telegrafische Nicht-Anbindung auch sehr günstig gelegener Orte deren globale Zentralität entscheidend verringern. Ein gutes Beispiel bieten etwa die Hafenstädte Ostaustraliens. Gehörten sie bis in die 1870er-Jahre – zumindest aus Sicht der globalen Finanzmetropole London – zu den entlegensten Plätzen der Erde, so veränderte die telegrafische Verkabelung der Region diesen Zustand dramatisch. Eine im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführte Untersuchung zeitgenössischer Handelsinformationen hat etwa gezeigt, dass Nachrichten über das Eintreffen von Schiffen in diesen australischen Häfen London bereits in den 1880er-Jahren gleich schnell erreichten wie jene aus baltischen oder mediterranen Hafenstädten. Etwa um die Jahrhundertwende hatte sich das Verhältnis soweit verschoben, dass Informationen aus Australien mitunter einen Tag früher in der Times of London abgedruckt wurden als die aus dem Baltikum, dem Mittelmeerraum oder der nordamerikanischen Ostküste. Dieses eindrucksvolle Ergebnis kommt statistisch zum Teil durch die verschiedenen globalen Zeitzonen zustande – so ist es ja auch möglich, in einem nach Westen fliegenden Flugzeug ungefähr zur selben Ortszeit abzufliegen und anzukommen. Aber auch wenn man diese statistische Unschärfe mitdenkt, so bleibt eine eindrucksvolle Aufholjagd in Sachen globaler Zentralität.

Die strukturelle Anbindung oder Nicht-Anbindung an das Netzwerk wurde demnach zu einem neuen Element globaler Kommunikationsasymmetrie. Die Telegrafie schuf darüber hinaus auch noch weitere Ungleichheiten in der Verteilung des Netzwerkzugangs. Erhebliche Investitions- und Unterhaltungskosten sowohl nationaler wie auch internationaler Telegrafennetzwerke führten zu extrem hohen Nachrichtentarifen. Noch im Jahr 1890 kostet das Senden einer Nachricht von London nach Indien – ein vergleichsweise günstiges Ziel – in heutige Kaufkraft umgerechnet etwa 15 Euro pro Wort. Die Kostenbarriere schuf einen klar ungleich verteilten Zugang zur globalen Telekommunikation. Das zeigte auch eine im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführte Untersuchung der Verteilung von Telegrafenbüros innerhalb der Weltmetropole London im späten 19. Jahrhundert. Bis auf ganz wenige Ausnahmen dienten diese Büros ausschließlich der imperialen Administration, der Hochfinanz und den Handelshäusern, wie sich an deren spezifischen Standorten im West End und in der City of London klar erkennen lässt.

Die Telegrafie als neues Medium für kulturellen Austausch zeigt einen weiteren interessanten Aspekt. Technologie und Kodierungssysteme waren für die in Europa und Amerika verwendeten Buchstabenschriften entwickelt worden. Telegrafische Kommunikation in China, zum Beispiel, hatte lange Zeit nicht nur mit dem Misstrauen der Behörden, sondern auch mit der Kodierung chinesischer Schriftzeichen zu kämpfen: ein weiteres Beispiel für die durch die Telegrafie entstandenen oder verschärften Asymmetrien im Zugang zur globalen Kommunikation. Abstrahiert man nun den Begriff „Raum“ von seiner landläufigen geographischen Bedeutung und betrachtet „Raum“ strikt relativistisch als Summe der Beziehungen zwischen den in ihm angeordneten Objekten, so entstehen hier aus konzeptioneller Sicht neue, abstrakte Räume. Diese Räume spiegeln nicht die geographische Entfernung zwischen zwei Punkten wider, sondern die kommunikative. Aus der Sicht des Wissenschaftlers führt die Verbreitung des globalen Telegrafennetzwerks daher keinesfalls zur Vernichtung von Zeit und Raum, sondern allenfalls zur Transformation bekannter Raumkonzepte und der Schaffung neuer Räume. Zur Verdeutlichung ein Rückgriff auf eines der obigen Beispiele: Im globalen Kommunikationsraum des ausgehenden 19. Jahrhunderts lagen die Hafenstädte Ostaustraliens näher bei London als diejenigen des Baltikums.

Anders als der geographische Raum erschließen sich diese neuen Räume, diese Muster ungleicher Anbindung an ein globales Kommunikationsnetzwerk, dem Betrachter nicht unmittelbar. Es ist daher die erste Aufgabe des hier vorgestellten Forschungsprojektes, die Struktur, die Nutzungsmuster und vor allem die Funktionsweise des globalen Telegrafennetzwerks im 19. Jahrhundert nachzuzeichnen und somit die neuen globalen Kommunikationsräume mit all ihren Ungleichheiten, ihren Zentren und ihren Peripherien sichtbar zu machen. Nur so ist es in einem darauf aufbauenden Schritt möglich, gut angebundene und schlecht angebundene Personengruppen, Städte oder Regionen zu identifizieren, die als Fallstudien zur Untersuchung der eigentlichen Forschungsfragen des Projekts dienen können.

Unsere Fragen lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Welche beabsichtigten oder nichtbeabsichtigten Konsequenzen hatte die Anbindung (oder Nicht-Anbindung) an eine „Globale Sphäre“ für die Angebundenen (oder Nicht-Angebundenen)? Auf welche Art und Weise veränderte die Kommunikation per Telegrafie die Möglichkeiten, die Wahrnehmung oder den Horizont zeitgenössischer Akteure? Und inwieweit ergänzen oder ersetzen sich bekannte Kommunikationsmedien – zum Beispiel Briefe – und das neue, „entmaterialisierende“ Medium der Telegrafie?

Die beiden Doktoranden der Nachwuchsgruppe, Amelia Bonea und Paul Fletcher, untersuchen eben diese und verwandte Fragen in klar umrissenen Fallstudien. Amelia Bonea untersucht in ihrem Teilprojekt ‘The cable […] was not in my words’: Telegraphy and Press in Nineteenth-Century India journalistische Berichterstattung in einem kolonialen Kontext. Wie verändern sich die Nachrichtenberichterstattung in lokalen Printmedien und daher auch lokale Wissensbestände in Britisch-Indien durch die globale Telegrafie? Und wie ergänzen sich schnell eintreffende, aber sehr kurz gehaltene Nachrichten aus aller Welt mit den viel langsamer übermittelten, aber dafür ausführlichen Korrespondentenberichten zur selben Angelegenheit? Veränderten sich durch die Beschleunigung globaler Informationsflüsse, die aber nur für einen sehr kleinen Teil aller zu übermittelnden Informationen galt, die globalen Inhalte lokaler Printmedien und damit auch die lokale Wahrnehmung globaler Entwicklungen?

Paul Fletcher geht in seinem Teilprojekt The Telegraph and Governmental Communication in Colonial Sri Lanka, circa 1857-1900 sehr ähnlichen Fragen nach, allerdings im Kontext der britischen Kolonialverwaltung. Durch die globale Telegrafie konnten wichtige administrative Entscheidungen für die Kolonien schnell und zentral in London getroffen werden. Aufgrund der Kürze der Telegramme fehlten aber häufig Hintergrundinformationen zur soziokulturellen und ökonomischen Situation vor Ort, die weiterhin in detailreichen Briefen übermittelt wurden. In welcher Weise hat diese Diskrepanz von schneller Entscheidung und fehlender Detailkenntnis die Entscheidungsgrundlagen der Kolonialverwaltung in London verändert?

Die beteiligten Wissenschaftler hoffen, mit ihrer Arbeit einen Beitrag zum Verständnis der Interaktion von Mensch und Technologie, hier insbesondere von Kommunikationstechnologien, leisten zu können. Auch wollen sie der häufig als geschichtslos dargestellten globalen Wissens- oder Informationsgesellschaft – und damit einem hochaktuellen Fragenkomplex – den nötigen historischen Kontext liefern.
 

 

Dr. Roland Wenzlhuemer  

Dr. Roland Wenzlhuemer ist Historiker und leitet seit Oktober 2008 die Nachwuchsgruppe Asymmetries in Cultural Information Flows: Europe and South Asia in the Global Information Network since the Nineteenth Century am Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext: Wechselnde Asymmetrien in kulturellen Austauschprozessen“. Nach der Promotion an der Universität Salzburg im Jahr 2002 forschte er am Zentrum Moderner Orient und am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin zu Fragen der Kolonial- und Technikgeschichte vornehmlich aus globalhistorischer Perspektive.

Kontakt: wenzlhuemer@asia-europe.uni-heidelberg.de

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 11.07.2014