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Bereichsbild

Neues Leben für alte Bilder

Personifikationen im Wandel der Zeiten und Kulturen
von Cornelia Logemann

Welche Rolle nehmen Personifikationen in der Bild- und Schriftkultur der Frühen Neuzeit ein? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit dem Jahr 2008 eine der vier im Rahmen der Exzellenzinitiative neu eingerichteten Nachwuchsgruppen im „Transcultural Studies Program“ der Universität Heidelberg. Das „Prinzip Personifikation“ muss für die Frühe Neuzeit als zentrale Denkfigur gedeutet werden; ihre Konstanten und Brüche werden derzeit in fünf Teilprojekten untersucht. Sie stecken den Zeitraum vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit und die Spannweite vom europäischen Kontinent bis nach Südamerika ab. Auf diese Weise soll auch hinterfragt werden, weshalb allegorische Verkörperungen bisher als spezifisch europäische Denkfiguren gedeutet wurden. Was aber geschieht, wenn Personifikationen einen neuen kulturellen Kontext erhalten? Wenn sie sich beispielsweise mit den Symbolen anderer Religionen vermengen, wenn sie in den Dienst einer neuen Nation genommen werden, oder wenn eine bislang exklusive Bildsprache für ein Massenpublikum aufbereitet wird? Bekannt ist, dass sich viele der antiken Götter Griechenlands nach einigen Metamorphosen in Tugenden und Laster des Mittelalters und der Frühen Neuzeit verwandelten. Zahlreiche Spuren führen jedoch bis in unsere Gegenwart hinein und zeugen von der umfassenden Dimension der Thematik.

Kaum eine Bildform kommt uns heute beispielsweise so selbstverständlich vor wie die Gestalt einer Frau, deren Augen mit einer Binde verbunden sind, und die eine Waage emporhält. Die derart personifizierte Gerechtigkeit begegnet uns in unzähligen Bildern, nicht nur im öffentlichen Raum. Sie markiert zugleich Orte der Gesetzesausübung und erzeugt Ehrfurcht und Autorität, zuweilen auch Unbehagen. Waagschalen und Augenbinde charakterisieren die Haupteigenschaft der Justitia, deren blindes und daher unvoreingenommenes Abwägen als Metapher in fast jedem Kriminalfilm überstrapaziert wird. Die Autorität dieser Dame und ihre visuelle Überzeugungskraft erklären sich nicht zuletzt aus dem Alter ihrer Attribute: Die Waage kennt man schon seit Jahrtausenden als Symbol der Rechtssprechung; ihre Augenbinde erhielt Justitia vor einigen Jahrhunderten.

Was aber bewog den scharfzüngigsten Spötter des Olymps – den Gott Momus, Sohn der Nacht – mit dem Maler Andrea Mantegna einen kontroversen Dialog über das Aussehen der Justitia zu führen? Dem Autor des Dialogs, Battista Fiera, erschien die Gestaltung der Gerechtigkeit zumindest diskussionswürdig. In der fiktiven Konversation, die Fiera im Jahr 1515 im Jenseits stattfinden lässt, stellt der gerade verstorbene Maler Mantegna grundsätzliche Überlegungen darüber an, wie das Wesen der Justitia zu malen ist: Soll sie mit einem übergroßen Auge auf der Stirn dargestellt werden, wie es ein Zeitgenosse Fieras verlangte? Oder soll er die personifizierte Justitia wie Argus über und über mit Augen bemalen – oder gar übersät mit Ohren, wie es Fiera selbst vorschlägt. Letztendlich kommt Mantegna zu dem Schluss, dass die Gerechtigkeit nicht darstellbar sei, weil sie der Wille Gottes ist. Diese letzte Wendung, die das Zwiegespräch des Gottes Momus mit dem um Inspiration ringenden Maler Mantegna nimmt, offenbart vollends die ironische Dimension des Textes. Denn wenn die personifizierte Justitia uns heute weder als einäugiges Monstrum noch als ein augen- und ohrenbewehrtes Wesen im Gedächtnis haftet, liegt das vor allem daran, dass sich nur ein kleiner Kreis von Gebildeten über Bildformen Gedanken machte, die sich jenseits der Wirkstätte von Andrea Mantegna, weit über Italien hinaus, längst etabliert hatten.

Ordnung in die Vielzahl von Attributen, Begriffen und Figuren bringen erst Handbücher wie die „Iconologia“ von Cesare Ripa zum Ende des 16. Jahrhunderts. Sie beeinflussten in zahlreichen Auflagen und in verschiedenen Sprachen maßgeblich die Darstellung von allegorischen Figuren, nicht nur in Europa. Dass man in den folgenden Jahrhunderten mancher Darstellungsform überdrüssig wurde, ist naheliegend. Die alten Chiffren für Tugenden und Laster, für Erdteile und Nationen, praktisch für alles Abstrakte, was sich in antropomorpher Gestalt darstellen ließ, erwiesen sich indes als überaus hartnäckig. Zumindest Justitia hat ihre Gestalt über lange Zeit recht unverändert bewahrt, sei es auf öffentlichen Plätzen und Siegeln, in unserer Sprache, im Film und im Fernsehen oder in der Karikatur.

Eine Adaption an andere kulturelle Zusammenhänge erfuhr die Gestalt der Justitia in unterschiedlichsten Bereichen, etwa mit „Wonder Woman“, einer für Frieden und Gerechtigkeit kämpfenden Comic-Figur, die der amerikanische Psychologe William Moulton Marston in den 1940er Jahren erschuf. Das didaktische Interesse ihres Schöpfers ließ eine tugendreiche Kompositfigur entstehen: Lasso und patriotisches Kolorit der knappen Berufskleidung verbinden sich mit genealogischen Wurzeln in der griechischen Antike zu einer weiblichen Gestalt, die ihr allegorisches Potenzial einerseits aus Virginität, anderseits aus Verführung qua erotischer Inszenierung des Körpers schöpft. Einzelne Elemente und Motive aus der Mythologie der klassischen Antike existieren gleichberechtigt neben Versatzstücken christlich-abendländischer Kultur und spezifisch nordamerikanischer Symbolik. Wenn etwa auf dem Titelbild der im Jahr 1972 erstmals in den USA erschienenen feministischen Zeitschrift „Ms. Magazine“ eine überdimensionale Frauengestalt eiligen Schrittes durch eine Stadt läuft – mit der rechten Hand an ihrem Lasso eine Miniatur-Siedlung wie eine Waagschale haltend, mit der linken Hand Katastrophen verhindernd – denkt man unwillkürlich an den klassischen Prototyp der personifizierten Justitia; die Inschrift „Peace and Justice“ kennzeichnet an einer Häuserfront die zentralen Tugenden, welche die Comic-Heldin verkörpert.

Spätestens hier erahnen wir, dass die altmodisch gewandete Frauengestalt mit Augenbinde und Waage ernsthaft Konkurrenz bekommen hat: Den allegorischen Abstraktionen vergangener Jahrhunderte wird neues Leben eingehaucht – und ähnlich wie einst bei Momus und Mantegna entfaltet die tugendhafte Kriegerin ihre Wirkung in einem exklusiven Kreis von Rezipienten.


Dr. Cornelia Logemann  



Dr. Cornelia Logemann leitet seit dem Jahr 2008 eine Nachwuchsgruppe zum „Prinzip Personifikation: Visuelle Intelligenz und epistemische Tradition, 1300 bis 1800“ im Rahmen der Exzellenzinitiative an der Universität Heidelberg. Zuvor war sie Postdoc-Stipendiatin der Gerda-Henkel-Stiftung, Düsseldorf. Nach ihrem Studium in Kunstgeschichte, französischen Literaturwissenschaften und Ethnologie in Hamburg und Göttingen wurde sie 2005 in Hamburg promoviert.

Kontakt: logemann@uni-heidelberg.de

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Letzte Änderung: 11.07.2014