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Texte aus einer vergangenen Welt

Ob die Bibliothek von Sippar tatsächlich eine „Tempelbibliothek“ war, ist wissenschaftlich umstritten. Unzweifelhaft aber ist, dass es sich um eine einzigartige Sammlung keilschriftlicher Manuskripte handelt. In Heidelberg erfolgt zurzeit die Erstedition des faszinierenden Hortes babylonischer Gelehrsamkeit. Erst wenn alle Manuskripte übersetzt sind, wird es möglich sein, die wahre Bedeutung des Schatzes aus einer lange vergangenen Welt zu verstehen.

In Heidelberg wird die geheimnisvolle „Tempelbibliothek“ von Sippar erforscht
von Markus Hilgert

Am Beginn des 20. Jahrhunderts erschütterte ein Skandal die noch junge Wissenschaft vom Alten Orient. Es ging, wie man heute sagen würde, um den Vorwurf einer groben Verletzung guter wissenschaftlicher Praxis. Im Zentrum der Kontroverse stand der deutschstämmige Altorientalist Hermann Vollrath Hilprecht (1859-1925), der von 1887 bis 1911 Professor für Assyriologie an der University of Pennsylvania und von 1887 bis 1911 auch Kurator des Semitic Department des dortigen University Museum war. Zwischen 1888 und 1900 nahm Hilprecht, zuletzt in leitender Funktion (1898-1900), an den archäologischen Grabungen teil, die die University of Pennsylvania in Nippur (heute Nuffar, Irak), einer bedeutenden, etwa 180 Kilometer südöstlich von Bagdad gelegenen altorientalischen Ruinenstätte, durchführte.

Die archäologischen Kampagnen in Nippur wurden aus Mitteln des in Philadelphia angesiedelten Babylonian Exploration Fund (1888-1900) finanziert. Die Ergebnisse dieser Bemühungen waren sensationell: Die Ausgräber legten nicht nur die Ruinen monumentaler Bauwerke aus frühen Epochen der altmesopotamischen Geschichte frei, sondern entdeckten auch Tausende von vergleichsweise kleinen, meist rechteckigen Tafeln aus Ton, die mit Keilschrift beschrieben waren. Obgleich die Keilschriftkunde und altorientalische Philologie zu dieser Zeit noch in ihren „Kinderschuhen“ steckten, war den an den Grabungen in Nippur beteiligten Assyriologen sofort klar, dass es sich bei diesen Keilschrifttafeln nicht nur um Dokumente juristischen und administrativen Inhalts handelte, sondern auch um Manuskripte, die der gelehrten Schriftüberlieferung des antiken Zweistromlandes zugerechnet werden konnten.

Unter den diversen Vorwürfen, die im Rahmen der sogenannten Peters-Hilprecht-Kontroverse (1903-1910) gegen den überaus ehrgeizigen und geltungsbedürftigen Hilprecht vorgebracht wurden, befand sich auch derjenige, Hilprecht habe einen Teil der in Nippur gefundenen keilschriftlichen Manuskripte als Restbestände einer „Tempelbibliothek“ (temple library) bezeichnet, ohne für diese spektakuläre Behauptung aussagekräftige archäologische und philologische Argumente anführen zu können.

Die Unterschrift „Nabu-etir-napshate“  
Die Unterschrift „Nabu-etir-napshate“ ist auf mehreren Tontafeln der Manuskriptsammlung aus Sippar zu finden. Der Schreiber, ein Zeitgenosse Nebukadnezars II., verfügte über ein bemerkenswert breites Wissen. Zu den von ihm kopierten Werken zählen mythisch-epische Kompositionen, zweisprachige Wortlisten, Gebete, ein Vorzeichenkompendium, das dazu diente, aus den Eingeweiden eines Opferschafes die Zukunft vorherzu?sagen, sowie die Replik einer Jahrtausende alten Herrscherinschrift.


Tatsächlich enthielt ein Sammelband, den Hilprecht unter dem Titel „Explorations in Bible Lands“ im Jahr 1903 herausgegeben und mit einem umfangreichen eigenen Beitrag über die Geschichte archäologischer Forschungen in Mesopotamien im Allgemeinen und Nippur im Besonderen versehen hatte, wiederholt die Behauptung, Hilprecht habe in Nippur eine be­deutende Tempelbibliothek entdeckt, die mit der im Jahr 1850 von Austen Henry Layard (1817-1894) in Ninive ausgegrabenen „Bibliothek“ des neuassyrischen Herrschers Assurbanipal (668-631 v. Chr.) vergleichbar sei.

Unter Hilprechts Schülern und Mitarbeitern wurde insbesondere die hochfliegende Bezeichnung des Tontafelfundes als „temple library“ kritisiert, auch wenn sich mit den ersten, von Hilprecht selbst vorgenommenen wissenschaftlichen Editionen ausgewählter Keilschriftmanuskripte aus Nippur zeigen sollte, dass die archäologischen Grabungen der University of Pennsylvania durchaus auch Werke zutage gefördert hatten, die wissenschaftlichen oder literarischen Charakter besaßen. Damit entsprachen diese keilschriftlichen Manuskripte der seinerzeit gängigen – und bis heute weit verbreiteten – Vorstellung davon, aus welchen Texten der  Bestand einer altorientalischen „Bibliothek“, insbesondere einer „Tempelbibliothek“, zusammengesetzt sein müsse.

Doch wie auch im Falle der bereits erwähnten, vermeintlichen Bibliothek Assurbanipals, die Layard nahezu ein halbes Jahrhundert zuvor in Ninive entdeckt hatte, war auch für die fraglichen Keilschrifttafeln aus Nippur kein archäologischer Fundzusammenhang nachzuweisen beziehungsweise dokumentiert, der eine Klassifizierung – und mithin kulturgeschichtliche Aufwertung – des Tontafeldepots als „Bibliothek“ beziehungsweise  „Tempelbibliothek“ wissenschaftlich hätte rechtfertigen können: Hier wie dort war die archäologisch erschlossene, umgebende Architektur zu schlecht erhalten, um die praktische Funktion des ursprünglichen Aufbewahrungsortes der Keilschriftmanuskripte eindeutig zu bestimmen oder gar den Bestand sowie die Aufstellungssystematik der Tontafelsammlung mit Gewissheit zu rekonstruieren.

Im Jahr 1986 entdeckten irakische Wissenschaftler in den Ruinen der altorientalischen Metropole Sippar, circa 35 Kilometer südwestlich von Bagdad, die Reste eines großen Tempels.  
Im Jahr 1986 entdeckten irakische Wissenschaftler in den Ruinen der altorientalischen Metropole Sippar, circa 35 Kilometer südwestlich von Bagdad, die Reste eines großen Tempels. Im Innern fand sich am Ende eines schmalen Ganges ein Raum mit Nischen (siehe Grundriss auf Seite 6), in denen mit Keilschrift beschriebene Tontafeln ordentlich nebeneinander aufgestellt waren.

Auch wenn zumindest die University of Pennsylvania nach langwierigen Untersuchungen und Anhörungen Hilprecht im Jahr 1905 rehabilitierte, blieb er damit den wissenschaftlichen Beweis für seine Behauptung, er habe in Nippur eine „Tempelbibliothek“ entdeckt, schuldig.

Hilprechts augenscheinliche Fixierung auf den Begriff der „Tempelbibliothek“ im Zusammenhang mit den in Nippur ausgegrabenen Keilschriftmanuskripten, sein Insistieren auf dieser Klassifikation unge­achtet der sich daran entzündenden Kontroverse sowie die überaus heftigen Reaktionen, die er mit seiner Behauptung bei seinen zahlreichen Kritikern provozierte, kamen nicht von ungefähr: Die wissenschaftliche Suche nach den „Bibliotheken“ des Alten Orients und der dadurch ausgelöste Wettlauf zwischen den beteiligten Forschern, Institutionen und Staaten war in vollem Gange. Nach den sen­sationellen Erfolgen, die der Franzose Paul Emile Botta (1802-1870) sowie vor allem der Engländer Austen Henry Layard mit ihren umfangreichen Tontafelfunden im nordmesopotamischen Ninive feiern konnten und die den Magazinen des Louvre in Paris beziehungsweise des British Museum in London einen enormen Zuwachs an altorientalischen Artefakten beschert hatten, war es das erklärte Ziel der vom Baby­lonian Exploration Fund finanzierten archäolo­gi­schen Expedition der University of Pennsylvania, bedeutende „Bibliotheken“ keilschriftlicher Manuskripte auch in den Ruinen der antiken Stadt Nippur freizu­legen.

In diesem Sinne äußerte sich nicht zuletzt der wissenschaftliche Direktor der ersten Expedition (1888- 1889) der University of Pennsylvania, Dr. John Punnet Peters, am Vorabend seiner Abreise in den Irak gegenüber der New York Times:

“We are also constantly hoping that we may chance upon some of the ancient libraries, which, from the copied works existing in the library of Nineveh, we think may be in some of these hitherto unknown cities.”

Die Motivation, die die archäologische Suche nach keilschriftlichen Bibliotheken im Zweistromland antrieb, war jedoch vermutlich komplexer als das Streben nach einem „Sieg“ im Wettstreit der Wissenschaftsinstitutionen. Denn einerseits ging es wohl nicht zuletzt auch um die kulturwissenschaftlich zentrale Frage, ob es – abgesehen von dem gewaltigen Tontafel-Hort, den Layard im Palast Assurbanipals zu Ninive entdeckt hatte – in den Gesellschaften des Alten Orients überhaupt Bibliotheken mit umfangreichen Beständen wissenschaftlichen, religiösen und literarischen Schrifttums gab, die etwa mit den bereits seit der Antike berühmten und erforschten Bibliotheken Roms oder Athens vergleichbar waren.

In diesem Zusammenhang wurde gerade auch die schiere Größe solcher Manuskriptsammlungen als das entscheidende Kriterium apostrophiert, wie ein unter dem Titel “Did the Babylonian Temples have Libraries? ” veröffentlichter Aufsatz Morris Jastrows aus dem Jahr 1906 verdeutlicht. Andererseits konnten die Pioniere der vorderasiatischen Altertumskunde mit der Entdeckung ausgedehnter, historisch gewachsener Tontafelsammlungen in ihrem ursprünglichen architektonischen Umfeld darauf hoffen, auch mehr über die praktische Funktion der Manuskripte in der Antike zu erfahren und damit den kulturgeschichtlich bedeutsamen Bezug zwischen den Keilschrifttexten, den Gelehrten, die damit in Berührung kamen, sowie den Institutionen, die die Manuskripte beherbergten, herzustellen.

Insgesamt mehr als 500 Tontafeln fanden sich im Nischenraum des Tempels von Sippar. Hier dargestellt ist eine Tontafel mit einer topografischen Wortliste. Mit solchen Listen lernten angehende Gelehrte das schwierige Keilschriftsystem und die nur noch in Wissenschaft und Kult verwendete sumerische Sprache.  
Insgesamt mehr als 500 Tontafeln fanden sich im Nischenraum des Tempels von Sippar. Hier dargestellt ist eine Tontafel mit einer topografischen Wortliste. Mit solchen Listen lernten angehende Gelehrte das schwierige Keilschriftsystem und die nur noch in Wissenschaft und Kult verwendete sumerische Sprache.


Indem sie danach strebten, größere Gruppen alt­orientalischer Schriftzeugnisse in einem archäologischen Fundzusammenhang anzutreffen, der den täglichen Gebrauch, den „Sitz im Leben“, dieser Schriftzeugnisse dokumentierte, verfolgten die Altorientalisten des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine Forschungsstrategie, die bis heute nichts von ihrem Potenzial und ihrer Faszination verloren hat.

Denn obschon die keilschriftliche Überlieferung des antiken Zweistromlands mit gegenwärtig mehreren Hunderttausend, meist auf Tontafeln erhaltenen Texten zu den größten antiken Quellenkorpora überhaupt zählt und durch neue Funde stetig anwächst, liegen für die meisten Keilschrifttafeln entweder gar keine oder nur unzureichende Informationen über den jeweiligen archäologischen Fundzusammenhang vor.

Selbst dann, wenn keilschriftliche Manuskripte im Rahmen regulärer Ausgrabungen entdeckt werden, befinden sie sich vielfach in einem stark zerstörten Kontext oder sogar lediglich in sekundärer Fundlage. Aus heutiger Sicht war es somit für die aufblühende Wissenschaft vom Alten Orient überaus abträglich, dass ausgerechnet die gewaltige Tontafelsammlung, auf die Layard in den Ruinen des Assurbanipal-Palastes gestoßen war und deren philologische Erschließung bis in die Gegenwart hinein andauert, in einem völlig desolaten Zustand der Verwüstung angetroffen wurde.

Als die vom Babylonian Exploration Fund finanzierte wissenschaftliche Expedition der University of Pennsylvania im Jahre 1888 aufbrach, um angespornt durch dieses ‚Unglück im Glück‘ Layards möglichst gut erhaltene Keilschrift-Bibliotheken in den Palästen und Tempeln des antiken Zweistromlandes auszugraben, ahnten sie wohl kaum, dass es noch fast ein ganzes Jahrhundert dauern würde, bis Archäologen ihren Fuß über die Schwelle eines Raumes setzten, der schon bald als die älteste, weitestgehend unbeschadet entdeckte „Tempelbibliothek“ der Menschheitsgeschichte gelten sollte.

Szenenwechsel – Januar 1986, Tall Abu- .Habba, Irak, circa 35 Kilometer südwestlich von Bagdad, in den Ruinen der altorientalischen Metropole Sippar: Wissenschaftler des College of Art der Universität Bagdad untersuchen etwa 3600 Quadratmeter der neu- und spätbabylonischen Bebauungsschicht aus den letzten beiden Dritteln des ersten Jahrtausends vor Christus. Dabei legen sie die Reste eines weitläufigen Tempelgebäudes frei, das im Nordwesten direkt an das Ebabbar („Strahlendweißes Haus“) – das altmesopotamische Hauptheiligtum des Sonnengottes Schamasch – anschließt.

Es handelt sich um ein Arrangement von Räumen und Höfen, die um einen zentralen, durch Nischenwand-Architektur eingefassten Innenhof herum gruppiert sind. Die Forscher wissen nicht, dass sie kurz vor einer außergewöhnlichen Entdeckung stehen, die das heutige Wissen über die Bibliotheken des antiken Zweistromlandes auf eine neue, einzigartige Grundlage stellen wird.

Das auf der Tontafel in sumerischer Sprache niedergeschriebene Klagelied ist an den kriegerischen Gott Nergal gerichtet. Es beginnt mit den Worten: „Gewaltiges Wasser, das die Erde ersäuft, was hat man je über Dich erfahren?“.  
Das auf der Tontafel in sumerischer Sprache niedergeschriebene Klagelied ist an den kriegerischen Gott Nergal gerichtet. Es beginnt mit den Worten: „Gewaltiges Wasser, das die Erde ersäuft, was hat man je über Dich erfahren?“.


Am Ende einer schmalen Passage stoßen sie auf eine eigentümliche Konstruktion aus Lehmziegeln. Diese scheint bereits in der Antike hastig und ohne Sorgfalt errichtet worden zu sein und, so zeigt sich nun, versperrt den Zugang zu einem dahinter liegenden Raum. Man entschließt sich dazu, diese Barriere abzutragen – der richtige Entschluss, wie alle Beteiligten sofort erkennen.

Denn der Blick öffnet sich auf einen 4,40 Meter breiten und 2,70 Meter langen Raum, in dessen Seitenwände und Rückwand Nischen eingelassen sind, angeordnet in nebeneinanderliegenden, vertikalen Reihen. Schnell werden einige dieser Wandausfachungen von Bauschutt und Erdreich gereinigt, dann ist die Sensation perfekt: Die Nischen enthalten mit Keilschrift beschriebene Tontafeln, die offenbar noch in ihrer ursprünglichen Lage ordentlich nebeneinander aufgestellt sind, insgesamt mehr als 500 Manuskripte.

Die eilig herbeigerufenen Keilschriftexperten bestä­tigen den hoffnungsvollen Verdacht der Archäologen. Bei den bereits geborgenen Tontafeln handelt es sich nicht etwa um Urkunden oder Briefe, sondern vielmehr um Werke der Literatur, der Gelehrsamkeit sowie der kultischen Praxis. Den Wissenschaftlern der Universität Bagdad ist also endlich gelungen, wovon bereits die Expeditionsteilnehmer des Babylonian Exploration Fund träumten: In einem Heiligtum der altorientalischen Stadt Sippar, die noch Plinius der Ältere als „Sitz der Gelehrsamkeit der Chaldäer“ (chaldaeorum doctrina) bezeichnet, haben sie eine umfangreiche Sammlung keilschriftlicher Manuskripte literarischen und wissenschaftlichen Inhalts in einem weitestgehend unzerstörten Raum entdeckt, der offenbar eigens zur Aufbewahrung einer solchen Manuskriptsammlung geschaffen wurde – „un fait unique dans l’histoire de l’archéologie“, wie bald darauf in einem Wissenschaftsmagazin zu lesen war. Seither gilt dieser Fund als die einzige nahezu vollständig erhaltene „Tempelbibliothek“ des Alten Orients und die älteste „Bibliothek“ der Menschheitsgeschichte überhaupt.

Man möchte es einer besonderen Ironie der Zeitläufte zuschreiben, dass die keilschriftlichen Manuskripte der „Tempelbibliothek“ von Sippar als einer der
bedeutendsten Funde der vorderasiatischen Altertumskunde überhaupt nur wenige Jahre nach ihrer Ent­deckung bereits unwiederbringlich verloren waren. Aufgrund der überaus schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die im Irak seit 1990 herrschen, konnten die empfindlichen Tontafeln nicht ausreichend konservatorisch behandelt werden und waren somit dem natürlichen Verfall in den Magazinen des Irak-Museums, Bagdad, preisgegeben.

Etwa zehn Jahre nach den Ausgrabungen in Sippar hatte sich der Erhaltungszustand der meisten antiken Manuskripte bereits so dramatisch verschlechtert, dass ihre Keilinschrift entweder gar nicht mehr oder nur noch stellenweise zu lesen war. Es hat sich daher als außerordentlicher Glücksfall herausgestellt, dass sämtliche Manuskripte unmittelbar nach ihrer Bergung und Reinigung fotografisch dokumentiert wurden und somit für eine detaillierte wissenschaftliche Auswertung zumindest in dieser Form nach wie vor verfügbar sind. Ungeachtet dessen sollte noch mehr Zeit vergehen, bis der Bestand der „Tempelbibliothek“ von Sippar einer umfassenden wissenschaftlichen Bearbeitung unterzogen werden konnte.

Im Jahr 2003 wurde diese Aufgabe dem Autor übertragen, der seither die philologische und kulturgeschichtliche Erschließung der keilschriftlichen Manu­skriptsammlung im Rahmen eines Verbundprojektes mit dem State Board of Antiquities and Heritage des Irak sowie dem College of Arts der Universität Bagdad leitet. Grundlage dieser Forschungstätigkeit sind mehrere Tausend Fotografien der in Sippar entdeckten Tontafeln sowie weiteres, umfangreiches Dokumentationsmaterial, das durch die Weitsicht irakischer wie deutscher Wissenschaftler nicht den politischen Wirren zum Opfer fiel, sondern über verschlungene Wege seinen Weg an die Ruprecht-Karls-Universität fand.

Die Nischen sind in die Wände des Raumes eingelassen, die zahlreichen mit Keilschrift beschriebenen Tontafeln befanden sich noch in ihrer ursprünglichen Lage. Die Bilder zeigen die freigelegten Nischen (unten links) und nach der Bergung der Tafeln (Mitte). Unten rechts ist eine Nische mit Tafel abgebildet.  
Die Nischen sind in die Wände des Raumes eingelassen, die zahlreichen mit Keilschrift beschriebenen Tontafeln befanden sich noch in ihrer ursprünglichen Lage. Die Bilder zeigen die freigelegten Nischen (unten links) und nach der Bergung der Tafeln (Mitte). Unten rechts ist eine Nische mit Tafel abgebildet.


Die anhand dieser Fotografien durch den Autor vorgenommene Identifikation der Werke, die die Tontafel­manuskripte aus der „Tempelbibliothek“ von Sippar überliefern, gewährt uns einen tiefen Einblick in die Inhalte babylonischer Gelehrsamkeit während der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus.

Besonders gut vertreten sind umfangreiche Sammlungen von Vorzeichen, in denen etwa aus detaillierten Beobachtungen der Eingeweide eines Opferschafes Aussagen über zukünftige Ereignisse gerade auch im Bereich der Politik abgeleitet werden. Weiterhin barg die „Tempelbibliothek“ von Sippar eine beträchtliche Zahl von zweisprachigen Zeichen- und Wortlisten, die insbesondere angehenden Gelehrten dabei helfen sollten, das schwierige Keilschriftsystem sowie die seit langem nur noch in Wissenschaft und Kult verwendete sume­rische Sprache zu erlernen.

In dieser Sprache waren auch die kultischen Lieder verfasst, die auf Dutzenden von Manuskripten in der Tontafelsammlung aufbewahrt wurden. Ein an den kriegerischen Gott Nergal gerichteter Klagegesang etwa beginnt mit den Worten:

„Gewaltiges Wasser, das die Ernte ersäuft, was hat man je über Dich erfahren? Ehrwürdiger, gewaltiges Wasser, das die Ernte ersäuft, was hat man je über Dich erfahren? Erhabener, Krieger, Herr der Unterwelt! Großer Krieger, Mislamta-ea!“

Doch auch mythisch- epische Kompositionen, wie etwa Auszüge aus dem sogenannten Weltschöpfungsepos enuma elis, sowie medizinische, astronomische und magische Schriften zählten zum Bestand der „Tempelbibliothek“ von Sippar, die somit nicht zuletzt ein beredtes Zeugnis von der Vielseitigkeit babylonischer Wissenschaft im ersten Jahrtausend vor Christus ablegt.

Auffällig ist, dass nicht ein einziges der großen, aus mehreren Kapiteln bestehenden und aus Platzgründen auf ebenso viele aufeinanderfolgende Tontafeln geschriebenen Werke dieser babylonischen Gelehrtentradition in der „Tempelbibliothek“ von Sippar vollständig vorhanden war. Durch diesen Befund, der auch bei anderen, weniger gut erhaltenen Sammlungen entsprechender Keilschriftmanuskripte des ersten Jahrtausends vor Christus vorzuliegen scheint, unterscheidet sich die „Tempelbibliothek“ etwa von den bedeutenden institutionellen Bibliotheken der Gegenwart, die stets darauf bedacht sind, Werke jeweils möglichst vollständig zu besitzen.

Auch wenn die philologische Erschließung der keilschriftlichen Manuskripte aus Sippar inzwischen gezeigt hat, dass uns die meisten der darauf überlieferten Texte bereits vertraut sind, findet sich unter ihnen bisweilen auch gänzlich Neues oder Unerwartetes, so etwa eine bislang einzigartige „kritische Textbearbeitung“ mit Kopie und Übersetzung, die ein anonymer Gelehrter im ersten Drittel des ersten Jahrtausends vor Christus von einer mehr als tausend Jahre älteren sumerischen Inschrift des Hammurapi von Babylon (1792 bis 1750 v. Chr.) angefertigt hat.

Vielfach versetzen uns die Tontafeln aus der „Tempelbibliothek“ jedoch auch in die Lage, Lücken im Textbestand längst bekannter Kompositionen zu füllen. Ein Bußgebet an den Gott Marduk etwa, das auf diese Weise erstmals vollständig rekonstruiert werden konnte, schließt mit der folgenden, inbrünstigen Anrufung:

„Das Böse, das ich unwissentlich wieder und wieder getan habe, löse auf, Marduk, tilge, Zarpanïtum! Verwandelt für mich meine Verfehlungen in Gutes!“

Doch es sind nicht nur die keilschriftlichen Zeugnisse babylonischer Gelehrsamkeit und Religiosität, die die tönernen Manuskripte aus der „Tempelbibliothek“ zu einem lohnenswerten Forschungsgegenstand werden lassen. Denn vielfach fügten die Schreiber, die diese Manuskripte durch Kopieren einer älteren Vorlage schufen, eine abschließende Tafelunterschrift, den Kolophon, hinzu, in der sie ihren Namen, den Namen des Vaters und der Familie, ihren Beruf oder Ausbildungsgrad, Beschaffenheit und Herkunft der kopierten Vorlage sowie nicht selten das Datum der Niederschrift vermerkten. Es sind diese Kolophone, die es uns ermöglichen, sowohl die entsprechenden Manuskripte als auch die „Tempelbibliothek“ insgesamt zu ihrem lebensweltlichen Umfeld in Beziehung zu setzen.

Der Schluss eines Bußgebetes an den Gott Marduk lautet: „Das Böse, das ich unwissend wieder und wieder getan habe, löse auf, Marduk ...“.  
Der Schluss eines Bußgebetes an den Gott Marduk lautet: „Das Böse, das ich unwissend wieder und wieder getan habe, löse auf, Marduk ...“.

So erfahren wir, dass die Manuskriptsammlung unter anderem Tafeln eines gewissen Nabu-etir-napschate, eines Sohnes des Marduk-schuma-uzur aus der Familie Pahharu („Töpfer“) und Zeitgenossen Nebukadnezars II. (605-562 v. Chr.), enthielt. Nabu-etir-napschate, der sich bisweilen selbst als „junger Schreiber“ bezeichnet und die entsprechenden Manuskripte somit vermutlich im Rahmen seiner bereits fortgeschrittenen Ausbildung erstellte, verfügte über ein bemerkenswert breites Wissen. Denn zu den von ihm kopierten Werken zählen mythisch-epische Kompositionen in akkadischer und sumerischer Sprache, zweisprachige Wortlisten variierender Thematik, Gebete, ein Vorzeichenkompendium sowie die Faksimile-Replik einer Herrscherinschrift aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus.

Nach den Tontafelfunden aus der „Tempelbibliothek“ von Sippar zu schließen, war dagegen die akademische Ausbildung des jungen Nabu-tultabschi-lischir, ein Spross der angesehenen, in der Stadt Sippar an­sässigen Familie schangu Sippar, deutlich stärker spezialisiert. Denn im Rahmen seiner Ausbildung zum „Opferschauexperten“ studierte und kopierte der angehende Gelehrte offenbar vornehmlich Abschnitte aus einer gewaltigen, seit Jahrhunderten überlieferten Sammlung von Vorzeichen, die aus der Beschaffenheit der Eingeweide (beispielsweise Leber, Gallenblase, Lunge) eines Opferschafes abgeleitet wurden.

Zwar geben die Tafelunterschriften aus der „Tempelbibliothek“ von Sippar keine explizite Auskunft darüber, wie diese Manuskriptsammlung in der Antike genannt wurde, welchem Zweck genau sie diente und ob ihr – wie es etwa für die bibliotheca alexandrina überliefert ist – ein leitender „Bibliothekar“ vorstand. Doch sie zeigen immerhin, dass der Kernbestand der „Tempelbibliothek“ von Sippar im letzten Drittel des siebenten sowie im ersten Drittel des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts geschaffen wurde und dass sich die Manuskripte, die diesen Kernbestand bilden, ursprünglich im Besitz einiger weniger, lokal bedeutsamer Familien befanden.

Zudem deutet alles darauf hin, dass bestimmte männliche Angehörige dieser Familien die schließlich in der „Tempelbibliothek“ aufbewahrten keilschriftlichen Manuskripte im Rahmen ihrer Fachausbildung zum „Schreiber“, „Opferschauexperten“ oder „Klagesänger“ anfertigten. Wie diese Tafeln in den Bestand der „Bibliothek“ gelangten, welche Personen dort Zugang zu ihnen hatten und ob die Manuskripte als Referenzwerke konsultiert und gelegentlich auch ausgeliehen wurden, lässt sich allerdings gegenwärtig nicht mit Sicherheit fest­stellen.

Eine Wissenschaftsjournalistin hat unlängst vorgerechnet, dass der Autor dieses Beitrags 96,15 Jahre benötigen würde, wenn er alle in der „Tempelbibliothek“ von Sippar entdeckten keilschriftlichen Manuskripte in einer wissenschaftlichen Erstedition vorlegen würde. Eine solche Gesamtedition, durch die diese Manuskripte in Umschrift, Übersetzung und philologischem Kommentar nicht nur der altorientalistischen Fachwelt, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist jedoch genau das, was das vorrangige Ziel der zukünftigen Forschungsarbeit an diesem einzigartigen Fund sein muss.

Denn nur detaillierte Analysen des auf den Tontafeln erhaltenen Textbestandes werden Assyriologen in die Lage versetzen, auf einer angemessen breiten Quellenbasis lokale Schreib- beziehungsweise Werktraditionen zu ermitteln, weitere Überlieferungslücken in zahlreichen, gegenwärtig nur teilweise rekonstruierten Texten zu schließen oder bislang unbekannte Kompositionen zu identifizieren. Erst dann wird die Bedeutung der „Tempelbibliothek“ von Sippar für die altorientalische Literatur- und Wissenschaftsgeschichte vollständig zu ermessen sein.

Den Kulturwissenschaftler aber fordert dieser Tontafel-Hort überdies dazu heraus, das Phänomen „Textsammlung“ in altorientalischen Gesellschaften systematischer als bisher zu behandeln und mithilfe des jetzt vorliegenden, einzigartig materialreichen Befundes ein Modell zur Beschreibung altorientalischer Textsammlungen zu entwerfen, das die Eigenarten dieser kulturellen Form akzentuiert und gerade auch für den interdisziplinären Diskurs aufbereitet. Solche Anstrengungen würden wohl nicht zuletzt verstehen helfen, was die „Bibliotheken“ des antiken Mesopotamien von anderen berühmten Bibliotheken des Altertums sowie heutigen Sammlungen gelehrten Schrifttums unterscheidet.


Prof. Dr. Markus Hilgert  

Professor Dr. Markus Hilgert studierte Altorientalistik, Semitistik, Vergleichende Religionswissenschaft und Vorderasiatische Archäologie in Marburg, München und Chicago. Nach einer Assistenz an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Gastprofessuren unter anderem in Chicago und Moskau sowie einem Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde Markus Hilgert im Jahr 2007 zum ordentlichen Professor für Assyriologie an die Universität Heidelberg berufen. Für seine Forschungen zur „Sippar-Bibliothek“ wurde er 2006 mit dem Habilitationspreis der Friedrich-Schiller-Universität Jena ausgezeichnet. Markus Hilgert ist Ordentliches Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie Vorsitzender der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Kontakt: markus.hilgert@ori.uni-heidelberg.de

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Letzte Änderung: 11.07.2014