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23. Oktober 2006

200 Jahre Heidelberger Romantik

Symposion im Internationalen Wissenschaftsforum der Universität Heidelberg vom 2. bis 4. November 2006 – Koordinator: Prof. Helmuth Kiesel, Germanistisches Seminar

Die so genannte Heidelberger Romantik, die kaum mehr als 10 bis 15 Jahre des beginnenden 19. Jahrhunderts umschließt, wird in der literaturwissenschaftlichen Forschung zwar meist als eine eigenständige Phase der romantischen Bewegung hervorgehoben, aber in ihren Konturen nur selten präzise erfasst. Als "Hochromantik" wird sie der Jenenser und Berliner "Frühromantik" oder der Dresdener und Wiener "Spätromantik" entgegengestellt, und damit wird der Eindruck erweckt, als sei die literarische Romantik insgesamt eine einheitliche Bewegung oder Epoche gewesen, die nach organologischem Muster aufblühte und verging. Ein solches Modell ist aber höchst fragwürdig. Was eigentlich "romantisch" sei, diese Frage "hätte selbst die Eule der Minerva in Verlegenheit" bringen können, so befand 1978 Richard Brinkmann, als er versuchte, ein Fazit aus den Begriffsbestimmungen zu ziehen, die bereits während der Zeit der Romantik einsetzten. In der Tat ist die Romantik so sehr von Widersprüchen und Umbrüchen bestimmt, dass man sie schwerlich als eine homogene Bewegung fassen kann. Man darf sogar behaupten, dass die Jenenser Frühromantik und die Weimarer Klassik, die manchen Streit ausgefochten haben, mehr Gemeinsamkeiten aufweisen als die Jenenser und die Heidelberger Romantik.

So gesehen, ist es zunächst einmal die Aufgabe des Symposions, das spezifische Profil der Heidelberger Romantik herauszuarbeiten, soweit es sich insbesondere von der Jenenser, aber auch der Berliner, der Dresdener, der Wiener und nicht zuletzt auch von der Tübinger oder schwäbischen Romantik abhebt.

Drei oder vier Voraussetzungen sind für die Entstehung der Heidelberger Romantik zu beachten: Zunächst einmal ist die seit langem schwelende Auseinandersetzung mit Frankreich, die bis zu den Reformationskriegen zurückreicht, von entscheidender Bedeutung. In den Ruinen des Schlosses, das 1689 und 1693 im Zuge der Orléan'schen Erbfolgekriege niedergebrannt worden war, fand dieser Streit seinen symbolkräftigen Ausdruck. "Wer von hier aus nicht einen Fluch nach Frankreich hineinschleudert, kann unmöglich ein biederer Deutscher sein", hatte Christian Friedrich Daniel Schubart bereits 1773 verkündet. Im Zuge der Napoleonischen Kriege wurde diese Parole zur nationalen Verpflichtung, selbst wenn Heidelberg vorerst von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont blieb: Infolge der Annexionen des linken Rheinufers (und der damit verbundenen Länderverschiebungen) fiel die rechtsrheinische Pfalz (und damit auch Heidelberg) 1803 an Baden, dessen Landesherr Karl Friedrich den napoleonischen Zwängen pragmatisch begegnete und dadurch seinem Territorium einen labilen Frieden sicherte. Das erlaubte ihm auch, die darbende Universität, die bis dahin kameralistisch verwaltet worden war, aber ihre linksrheinischen Güter verloren hatte, nach modernen Verwaltungsgrundsätzen zu reformieren und bedeutende Lehrer nach Heidelberg zu berufen. Viele kamen aus Jena, der ersten romantischen Universität, die nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstädt 1806 geschlossen werden musste. Die Jenenser Akademie beginne ins "südliche Athen" – nach Heidelberg – auszuwandern, bemerkte treffend Sophie Mereau, die ihrerseits (als Gattin Clemens Brentanos) in dieser Stadt eine zweite Heimat fand. Diese Umorientierung der Jenenser Gelehrten (neben Johann Heinrich Voss sind Jakob Friedrich Fries, Anton Justus Thibaut, Friedrich Wilken u. a. sowie eine Reihe von Schülern und Freunden zu nennen) ist der entscheidende Anlaß für eine grundlegende Neukonstituierung der Romantik, die ihren republikanischen Traum ausgeträumt hatte. Sie zeigt aber auch, daß die Verbindungen zur Jenenser Romantik nicht gänzlich abgeschnitten wurden. Manche der poetischen und philosophischen Forderungen – dazu gehören die Überlegungen zur Natur- und Kunstpoesie sowie die naturphilosophischen Überlegungen Schellings – wurden im Heidelberger Kreis weitergepflegt und weiterentwickelt. Eine wesentliche Aufgabe des Symposions wird folglich darin bestehen, neben den historischen auch die sozialen und kulturellen Voraussetzungen zu klären, die Heidelberg zu einem einzigartigen Zentrum des "romantischen" Geistes haben werden lassen.

Nicht zuletzt soll im Rahmen des Symposions auch die Wirkung der Heidelberger Romantik reflektiert werden, die bis heute noch nicht umfassend und abschließend zu bestimmen ist. Zwar weiß man, dass viele der Wunderhorn-Lieder inspirierend auf spätere Poeten (Eichendorff, Mörike, Heine) sowie die Jugendbewegung (Zupfgeigenhansel) gewirkt haben und dass sie von bedeutenden Komponisten (Schumann, Brahms, Mahler, Reger, Strauss) vertont worden sind; dass aber die Beschäftigung mit altdeutschen und mittelalterlichen Handschriften auch die vergleichende Sprachwissenschaft und die Germanistik entscheidend befruchtet hat, ist weniger untersucht worden. Görres' Ästhetikvorlesungen von 1807/08 schlagen den Bogen bis zur Gegenwartsliteratur der Zeit und erweisen sich damit als eine wichtige Quelle für die Wissenschaftsgeschichte der Germanistik.

Die Beschäftigung mit der Volksliteratur insgesamt – den Volksliedern, den Volkssagen, den Volksbüchern und den Volksmärchen – im Heidelberger Kreis hatte in der Folge aber weniger eine poetisch-philologische als eine entschieden politische Bedeutung. Deren Gewicht wird aus einem Diktum ersichtlich, dass dem Freiherrn vom Stein zugeschrieben wird und besagt, dass "ein gut Teil des Feuers, das Napoleon verzehrt" habe, von Heidelberg ausgegangen sei. Gemeint ist damit die Stärkung des Nationalbewusstseins, das in den Trümmern des Schlosses wachgerufen und durch die Beschäftigung mit der altdeutschen Literatur entflammt worden war. Auch die altdeutsche Bildersammlung der Brüder Boisserée gehört in diesen Zusammenhang. Sie konnte als Zeichen dafür dienen, dass die Deutschen nicht nur ihre eigene Literatur, sondern auch eine eigene Kunsttradition vorzuweisen hatten. Sie wurde zum nationalen Prestigeobjekt, wie noch die Gedichte Max von Schenkendorfs und die Besprechungen von Helmina von Chézy sowie Amalia von Helvig zum Ausdruck bringen. Im romantischen Heidelberg wurde in der Tat jene Fackel entzündet, die – von den Burschenschaften weitergetragen – im 19. Jahrhundert hell leuchtete und noch das 20. Jahrhundert in Flammen setzte. In wie weit dieses Feuer auch den Nationalsozialismus anfachte, ist immer noch diskussionsbedürftig, obwohl es dazu einige Studien und Thesen gibt. Dass Josef Goebbels 1919 in Heidelberg aufgrund einer Arbeit über ein romantisches Thema (Wilhelm von Schütz) zum Dr. phil. promoviert wurde, dürfte durchaus von symptomatischer Bedeutung sein.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Heidelberger Romantik in ihren Ursprüngen, ihren Erscheinungsformen und Wirkungen durchaus noch einer genaueren Erforschung bedarf. Eben dazu will das Symposion einen Beitrag leisten.



Veranstalter:
Prof. Dr. Jochen Hörisch, Prof. Dr. Helmuth Kiesel, Prof. Dr. Friedrich Strack
Koordination und Schriftführung: Prof. Dr. Helmuth Kiesel
Germanistisches Seminar der Universität Heidelberg
Tel. 06221-543215/543205, Fax 543249
helmuth.kiesel@gs.uni-heidelberg.de

Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse

Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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