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Festrede von Prof. Dr. Angelos Chaniotis anlässlich der Jahresfeier der Ruprecht-Karls-Universität am 22. Oktober 2006
Im Film von Frank Capra It's a Wonderful Life beschließt ein Bankier, gespielt von James Stewart, sich umzubringen. Kurz bevor er sich von einer Brücke stürzt, hält ihn ein Engel zurück und zeigt ihm, wie sich seine Umgebung entwickelt hätte, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Der Bankier realisiert, dass auch seine kleine und scheinbar bedeutungslose Existenz seine Welt doch zum Besseren verändert hat; er entscheidet sich für das Leben. Von diesem Film inspiriert nahm ich während eines Fluges von London nach Frankfurt zufällig eine Tageszeitung und schnitt alle Artikel heraus, die man ohne die Kleinen Fächer gar nicht hätte schreiben können, weil die Sprach-, Kultur- oder Sachkompetenz gefehlt hätte. Was übrig blieb, war nicht viel: im wesentlichen Werbungen, das Fernsehprogramm und Meldungen aus der Tagespolitik, dem Finanzmarkt und dem Sport. Im großen Netzwerk des Wissens und in einer politisch, ökonomisch und zum Teil auch kulturell globalisierten Welt ist kein Segment des Wissens verzichtbar, gleich ob es sich um Albanologie oder Baugeschichte, Kunstpädagogik oder Mineralogie, Altorientalistik oder Iranistik handelt.
Aus ganz unterschiedlichen Gründen, mit unterschiedlichem Sachverstand und mit unterschiedlicher Sensibilität zeigen seit mehreren Jahren die hochschulpolitischen Players Ministerien, Landesrechnungshöfe, Rektorate, Landesrektorenkonferenzen und zuletzt auch die Hochschulrektorenkonferenz ein großes Interesse an Kleinen Fächern. Als Kostenfaktor gelten sie für alle; für einige sind sie eine Herausforderung, für ganz wenige ein unverzichtbares Profilierungsmerkmal.
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Es gibt einen Konsens darüber, was man als "Kleines Fach" definiert. Es sind Fächer, die mit geringem Personal (1-2 Professoren, 1-4 Mitarbeiter) und in der Regel mit wenigen Studenten sehr große Bereiche des Wissens abdecken, ohne ihren Absolventen rosige Berufsperspektiven außerhalb des akademischen Bereichs anbieten zu können.
Trotz dieses Konsenses gibt es stillschweigend auch ein ganz anderes ich fürchte viel einflussreicheres Verständnis der Kleinen Fächer, auf das unlängst Frau Prorektorin Leopold in einem Editorial in Ruperto Carola aufmerksam gemacht hat: Die Kleinen Fächer (oder zumindest manche Kleine Fächer) seien "klein" im Sinne ihrer Relevanz und ihrer Bedeutung also "klein" im Sinne des lateinischen parvus. Diese Betrachtungsweise setzt einen Kanon von wirtschaftlichen, politischen, erzieherischen und kulturellen Prioritäten voraus, an dem die Relevanz und somit die Förderungswürdigkeit der einzelnen Fächer gemessen wird. Auf den ersten Blick macht das in gewisser Weise Sinn. Die "kleine" Mongolistik kann nicht mit der gleichen Priorität gefördert werden wie die "große" sprich wirtschaftlich relevante Betriebswirtschaft. Die Abwesenheit der "kleinen" Papyrologie würden die meisten Bewohner dieses Landes gar nicht merken, ohne das "große" Strafrecht bricht aber die Gesellschaft auseinander. Es ist nur konsequent, wenn solche Fächer als Orchideen und Exoten gelten und so bezeichnet werden. Dieses Kriterium der Relevanz und der Anwendbarkeit, das vielen Kleinen Fächern vielleicht nicht der Slavistik, der Sinologie oder der Islamwissenschaft, aber sicher etwa der Albanologie, der Indogermanistik, der Hettitologie oder der orthodoxen Theologie den Status einer durchaus wünschenswerten, aber im Hinblick auf dringende Prioritäten und in Zeiten knapper Kassen verzichtbaren Luxusware einräumt, spielt möglicherweise die größte Rolle bei politischen Überlegungen zu den Kleinen Fächern. Die kurze Sicht im Titel meines Vortrags bezieht sich eben auf diese Überlegungen.
Zuvor eine Vorbemerkung: Der Begriff "Kleine Fächer" subsumiert eine sehr uneinheitliche Gruppe von Disziplinen; ihr einziger gemeinsamer Nenner ist der Mangel an Ressourcen, nicht etwa Gemeinsamkeiten in ihren Aufgaben. Maßnahmen für die Förderung der Kleinen Fächer müssen den unterschiedlichen Aufgaben und Bedürfnissen Rechnung tragen. Ein Beispiel: Die transdisziplinäre Bedeutung der historischen Kultur- und Literaturwissenschaften, wie Assyriologie, Ägyptologie, Papyrologie, Gräzistik, Mittellatein usw., besteht vor allem in der Erhaltung des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit, in der Entwicklung von Paradigmen und in der Theoriebildung. Gerade in Heidelberg hat dies der Ägyptologe Jan Assmann mit seinen Forschungen zum kulturellen Gedächtnis und zum Monotheismus eindrucksvoll gezeigt. Der Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik" mit seinen innovativen Konzepten zum Ritualbegriff wird fast ausschließlich von Kleinen Fächern getragen von der Assyriologie bis zur Klassischen Indologie, von der Osmanistik bis zur Ostasiatischen Kunstgeschichte, von der Alten Geschichte bis zur Musikwissenschaft (ja, auch die Musikwissenschaft ist mit nur zwei Lehrstühlen ein Kleines Fach). Die Papyrologie entspricht wie kaum ein anderes Fach dem Cliché des Orchideenfaches: Es ist nur an drei deutschen Universitäten vertreten, sein Personal reicht nicht für einen eigenen Studiengang, und selbst wenn ein solcher möglich wäre, würden alle Studenten der gesamten Republik leicht im kleinsten Übungsraum der Universität Platz finden. Und doch hat das Fach eine enorme thematische Breite, die von der Wirtschaftsgeschichte des 3. Jh. v. Chr. bis zur Rechtsgeschichte der hohen Kaiserzeit und von der Sozialgeschichte eines spätantiken koptischen Dorfes bis zur hohen griechischen Literatur reicht. Die Papyrologie ist für die Alte Geschichte, die Gräzistik, die Rechtsgeschichte, die Philosophie und die Theologie unverzichtbar. Die wichtigsten neuen Funde für die hellenistische Literaturgeschichte und die antike Philosophie sind Papyrusfunde; die wichtigsten Fortschritte in unserer Kenntnis vom frühen Christentum und seinem kulturellen Kontext sind ausschließlich Papyrusfunden zu verdanken. Muss jede deutsche Universität eine Papyrologie haben? Das wäre purer Unsinn. Diejenigen Universitäten, die sie pflegen, tun dies aber nicht für sich selbst oder für ihr Bundesland, sondern für die gesamte Bundesrepublik. Aus diesem Grund brauchen solche Universitäten eine andere Behandlung. Auf der anderen Seite haben wir Kleine Fächer, die sich mit der Geschichte, Kultur und Sprache von Regionen befassen, auch in der Gegenwart, etwa Turkologie, Afrikanistik, Niederlandistik, Bohemistik, Fennistik, Sinologie, Japanologie, Koreanistik, Slawistik, Rumänisch usw. Auch diese Fächer brauchen eine differenzierte Behandlung, nicht zuletzt wegen ihrer wirtschaftlichen und politischen Bedeutung, andere nicht. Im Hinblick auf die große Vielfalt der Kleinen Fächer ist eine sehr differenzierte Betrachtung erforderlich. Keine deutsche Universität kann sich alle oder auch nur die meisten Kleinen Fächer leisten; manche sollten auch gar keine haben. Aber für alle ist eine bundesweite Koordination erforderlich.
Nun zurück zur kurzen Sicht. Die meisten Kleinen Fächer erscheinen der Politik nicht nur irrelevant, sie sind auch unbequem. Sie lassen sich nicht leicht in den Bologna-Prozesses einfügen, ins europaweite, einheitliche System von konsekutiven und höchstens acht Jahre dauernden Studiengängen. Viele Kleine Fächer erfordern das zeitaufwendige Erlernen von Sprachen, längere Auslandsaufenthalte und einen hohen Grad an Spezialisierung. Hierfür bietet das von den Kultusministerien entworfene unflexible Regelwerk keinen Raum. Ausnahmeregelungen liebt ja jede Ministerialbürokratie nicht mehr als der Teufel den Weihrauch. Eigenständige Bachelor- und konsekutive Bachelor/Master-Studiengänge können viele Kleine Fächer nicht anbieten, weil ihnen das Personal fehlt. Wenn sie wiederum nur Teile von interdisziplinären Studiengängen sind, dann können sie mit den ihnen eingeräumten Zeiten keine spezialisierte Ausbildung mehr anbieten. Die Heidelberger Alte Geschichte z.B. muss mit 2 Professuren und 2 ½ Mitarbeiter-Stellen, also mit einem Lehrdeputat von 28 Semesterwochenstunden, sowohl die Staatsexamenskandidaten als auch einen BA- und MA-Studiengang bedienen. Ist denn das möglich? Nur wenn das Lehrangebot auf das Minimum reduziert wird, die Drittmittelmitarbeiter außerhalb ihrer Arbeitszeit zur Lehre verpflichtet werden und die Privatdozenten keine Einstellung finden und so mit ihrem unentgeltlichen Lehrdeputat das Lehrangebot bereichern.
Schließlich gelten die Kleinen Fächer auch noch als zu teuer, zumal in Zeiten von knappen Kassen. Teuer machen die Kleinen Fächer aber nicht die Ausgaben, sondern der Berechnungsmodus des Landesrechnungshöfe: Man addiert die Gesamtausgaben für ein Kleines Fach also die Personalmittel und das Aversum -, dividiert dies durch die Zahl der oft wenigen Studenten und berechnet somit, was jeder Student etwa der Slawistik oder der Assyriologie einem Land kostet. Das Ergebnis ist klar: Solche Studierenden, die auch noch wegen der hohen Spezialisierung länger studieren müssen, scheinen dem Steuerzahlen teurer zu kommen als etwa die gesellschaftlich relevanten Studierenden von Massenfächern wie Jura oder Germanistik. Wenn uns die Orchideen lieb, aber zu teuer sind, muss man auf den Luxus ihrer Präsenz verzichten. Solche Rechnungen sind aber nicht einfach, sondern einfältig. Sie berücksichtigen nicht den Faktor Forschung. Aber obwohl Ministerien und Universitäten auf diese Fehlberechnung hingewiesen haben, etwa in Baden-Württemberg im Fall der Slawistik, bleibt der Eindruck bestehen, dass die Kleinen Fächer einen für den Steuerzahler nicht vertretbaren Kostenfaktor darstellen.
Da nun die Universitäten von der Politik verstärkt als Betriebe verstanden werden, erscheinen in solchen Situationen betriebswirtschaftliche Maßnahmen als angemessen: Reduzierung der Standorte, Konzentration von Kapazitäten an wenigen Standorten, der Bau von Leuchttürmen. Diese Forderung beruht auf der Annahme, dass die Konzentration der Dozenten, der Ressourcen und der Studenten an wenigen Standorten mit einer Verbesserung der Qualität der Lehre und Forschung einhergehen wird. Mit der Realität hat dies wenig zu tun. Die Qualität von Lehre und Forschung hängt nicht allein von der Quantität der Ressourcen, sondern auch von den Synergien ab, die sich aus der Kooperation des Faches mit anderen Fächern am gleichen oder an einem benachbarten Standort ergeben. Die Qualität der Japanologie an einem Standort wird z.B. nicht notwendigerweise dadurch erhöht, dass man dorthin alle Japanologie-Professuren eines Landes verlagert, sondern durch die Existenz anderer Fächer, wie z.B. Sinologie, Koreanistik, Ostasiatische Kunstgeschichte, Zeitgeschichte, Osteuropäische Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Religionswissenschaft, Politikwissenschaft, Südasienwissenschaften usw., und jede dieser Disziplinen erfordert wiederum ihr eigenes geeignetes Umfeld. Die Alte Geschichte in Heidelberg wird nicht besser mit einer dritten Professur, sondern eher mit einer Professur in Byzantinischer Geschichte, die Klassische Philologie nicht mit mehr Stellen, sondern mit einer Anbindung an die Altertumswissenschaften. Der Bau eines Leuchtturms macht keinen Sinn, wenn man für die Baukosten erst alle Schiffe versenkt hat.
Nicht nur aus diesem Grund ist die Forderung von Landespolitikern nach Konzentration kurzsichtig. Kurzsichtig ist sie auch, weil sie in der Regel nur auf die Landesuniversitäten Anwendung finden soll. Aber warum sollten Kooperationen auf ein Bundesland beschränkt sein? Die Grenzen der deutschen Bundesstaaten mögen für den Haushalt relevant sein, gewiss nicht für die Entwicklung des Wissens. Nur vom Föderalismuswahn geblendet, kann man behaupten, dass für die Universität Heidelberg die Schwestern in Mainz und Frankfurt in manchen Bereichen weniger geeignete Kooperationspartner sind als die Nachbarin in Mannheim, nur weil jeweils ein anderer Landesherr für den Etat zuständig ist. Von dieser Kurzsichtigkeit ist im übrigen auch die DFG nicht frei, wenn sie für die Sonderforschungsbereiche den Import von Kompetenz aus einer anderen Universität verbietet. Ich sehe es als einen sehr großen Fehler, dass auch die Exzellenzinitiative regionale und überregionale Kooperationen nicht ermutigt hat.
Aber selbst bei dieser Kurzsicht bleibt die Bedeutung der Kleinen Fächer unstrittig. Sie bilden nicht allein den eigenen Nachwuchs aus, sondern sie erweitern auch die Horizonte der benachbarten Fächer; sie tragen zur allgemeinen Theoriebildung bei; sie bauen Brücken zwischen den Hochschulen und der außeruniversitären Öffentlichkeit; das internationale Ansehen deutscher Hochschulen hängt auch von ihrer Pflege ab. Aus diesem Grund ist Handeln heute dringend erforderlich. Unter Berücksichtigung ihrer Vielfalt und ihrer spezifischen Bedürfnisse braucht man Strukturen und Maßnahmen, welche den Kleinen Fächern in Deutschland adäquat sind.
An erster Stelle müssen die Vertreter der Kleinen Fächer selbst handeln. Ein Kleines Fach ist nicht besser als sein Vertreter, und leider zu oft ist beobachtet worden, wie ein Kleines Fach von einem Lehrstuhlinhaber in den Ruin getrieben wurde. Eine Fehlbesetzung in der Physik mit ihren vielen Professuren ist ärgerlich und eine unverzeihliche Fehlinvestition, eine Fehlbesetzung in der Ägyptologie kann das Ende des Faches an einer Universität bedeuten. Die Vertreter der Kleinen Fächer sind auch deswegen gefordert, weil nur sie beurteilen können, welche die besten Vernetzungen, die geeignete Profilierung und die Kooperationspartner sind, die ihre Lücken schließen. Gefordert sind sie aber auch, weil die Exzellenzinitiative in mehrfacher Hinsicht gerade für die Kleinen Fächer nur kollaterale Schäden verursacht hat: erstens, weil sie im Wettbewerb verloren haben; zweitens, weil die Gefahr besteht, dass sie als Steinbruch dienen werden, um die nachhaltige Förderung der Gewinner zu finanzieren; und drittens, weil ihre schlimmsten Vertreter, jene, deren Beitrag zum Wettbewerb nicht in der Teilnahme, sondern im Kritisieren und Jammern bestand, sich durch das Ergebnis nur bestätigt sehen und höhnisch über die mehr als einjährigen Mühen der Antragssteller lachen. Und doch ist mangelnde Exzellenz nicht unter denjenigen zu suchen, deren Anträge gescheitert sind, sondern unter denjenigen, die sich um keine Anträge bemüht haben. Viele unter entscheidender Mitwirkung der Kleinen Fächer beantragte Exzellenzcluster und Graduiertenschulen sind nicht am Fehlen von Ideen- und Innovationspotential und Qualität gescheitert, sondern an den für sie ungünstigen Wettbewerbsbedingungen der Exzellenzinitiative. Auch dies legt spezifische Maßnahmen nahe, die das besondere Leistungspotential der Kleinen Fächer fördern können.
Die Zukunft der Kleinen Fächer ist aber auch Sache der Hochschulleitungen. Das Rektorat, dem ich bis vor wenigen Wochen angehörte, bekannte sich offen zur vollen Universität und somit auch zu den Kleinen Fächern. Das Zukunftskonzept des Rektorats mag in der Exzellenzinitiative gescheitert sein, drei der dort vorgestellten Konzepte haben aber meines Erachtens weiterhin Modellcharakter, gerade für die Kleinen Fächer und sollten weiterverfolgt werden: die Internationalisierung, eine neue flexible Personalstruktur und die Departmentbildung.
Zur Internationalisierung: Die Kleinen Fächer sind kein auf Deutschland beschränktes Phänomen. Es charakterisiert fast alle führenden forschungsintensiven Universitäten Europas. Ohne europaweite Koordination führen die knappen Personalressourcen zu unnötigen Überlappungen und zu einer Vernachlässigung der "Peripherie" eines Faches. Die Sinologie etwa umfasst die Geschichte, Gesellschaft, Literatur, Kunst, Musik, Religion, Kultur, Wirtschaft, Philosophie, Rechtsdenken und Wissenschaft Chinas in einer Periode von fünf Jahrtausenden. An keiner europäischen Universität ist sie mit mehr als drei Lehrstühlen vertreten, deren Besetzung interne Angelegenheit der jeweiligen Universität ist. Eine Absprache unter den wenigen Universitäten, in denen das Fach vertreten ist, könnte doch dazu beitragen, dass "Randthemen", wie z.B. Wirtschaftsgeschichte oder die Geschichte Chinas, nicht überall zugunsten der "klassischen" Themen vernachlässigt werden. Um eben dieser Gefahr zu begegnen und durch komplementäre Profile und Zusammenarbeit die Breite der Lehre zu gewährleisten, gründeten unter der Federführung von Leiden einige Universitäten Heidelberg ist die einzige deutsche unter ihnen die European League of Non Western Studies, die bereits einen Magisterstudiengang für die Geschichte Südasiens vorbereitet hat.
Zur Personalstruktur: Das wichtigste strukturelle Problem der Kleinen Fächer ist die Diskrepanz zwischen der schwachen personellen Ausstattung und der sehr großen thematischen Breite. Der ständige Abbau von Mittelbaustellen in den letzten 15 Jahren, kombiniert mit den für die Kontinuität der Forschung widersinnigen Befristungsregelungen, machen die Professur fast zur einzigen beruflichen Perspektive des wissenschaftlichen Nachwuchses. Weder die Politik noch die Wirtschaft stellen die von den Kleinen Fächern ausgebildeten regionalen Experten (Sinologen, Japanologen, Koreanisten, Afrikanisten usw.) in einer angemessenen Weise ein, zumal in einem Land, das eine weltpolitische Rolle beansprucht. An Universitäten, an denen die Professur die einzige Lebensstelle in einem Kleinen Fach ist, sucht man oft lieber "Generalisten", die "das Fach in seiner vollen Breite vertreten" sollen, statt die Bildung eines besonderen lokalen Profils anzustreben z.B. literaturwissenschaftliche Schwerpunkte in der Indologie an einem Standort, politikwissenschaftliche an einem anderen, wirtschaftspolitische an einem dritten usw. Dies führt zur Vernachlässigung, manchmal zum Aussterben, ganzer Bereiche in der Peripherie eines Faches. In den historischen Disziplinen werden z.B. Bereiche wie die Numismatik, die Epigraphik, die historische Geographie, die Rechts-, Wirtschafts-, Technik- und Militärgeschichte und die Byzantinische Geschichte kaum berücksichtigt. Aus diesen Gründen ist für die Kleinen Fächer eine Flexibilisierung der Personalstrukturen durch Einführung von Stellen mit besonderen Aufgaben (z.B. Lehrprofessuren mit erhöhtem Lehrdeputat, angemessen honorierte Lehraufträge, Lektoren für den Sprachunterricht u.ä.) erforderlich. Diese Lösung ist in Heidelberg z.B. für die zweite Professur des Faches Assyriologie gewählt worden. Eine Flexibilisierung der Personalstruktur nach dem Modell etwa der exzellenten englischen Universitäten kann ohne Erhöhung der Personalkosten die für die Kleinen Fächer unverzichtbare Vielfalt der Methoden, Inhalte, Fragestellungen und Aufgaben beibehalten.
Schließlich kurz zur Department-Bildung: Mehr denn je ist heute die universitätsinterne Integration von Fächern in größere Einheiten (Departments, Zentren, Institute usw.) erforderlich. Diese Integration sollte aber sehr konkret und belegbar Synergien verfolgen, z.T. die Teilung von Ressourcen, periodische interne Umschichtung von Stellen, gemeinsame Pflege von Bibliotheken, Bildung gemeinsamer Schwerpunkte.
Bisher waren die Kleinen Fächer eine Sache der lokalen Politik: der Länder und der Landesuniversitäten. Ich hoffe, dass es klar geworden ist, dass dies nicht ausreicht. Die Universitäten, die eine größere Zahl von Kleinen Fächern pflegen, erfüllen Aufgaben, nicht für sich selbst, nicht für das Land, das sie trägt, sondern für die gesamte Bundesrepublik. Für die Erfüllung dieser Aufgabe dürfen sie nicht auf sich allein gestellt sein. Jedes Mal, wenn eine Universität in Wahrnehmung ihrer Autonomie die Streichung eines Faches aus finanziellen Überlegungen beschließt, trifft sie eine Entscheidung, die nicht allein ihre eigene Zukunft betrifft, sondern das Fortbestehen eines Faches für die ganze Bundesrepublik. Die Einstellung des Faches Sinologie an einer Universität in Bayern führte z.B. zu einer Erhöhung der Studentenzahlen für das gleiche Fach in den baden-württembergischen Universitäten, die hierfür nicht vorbereitet waren; diese Entscheidungen schränken ferner natürlich die Möglichkeiten einer studentischen Mobilität und die beruflichen Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses ein. Wir konnten in den vergangenen Jahren beobachten, wie aufgrund solcher Entscheidungen Fächer wie etwa die Indogermanistik hier hat auch Heidelberg eine Sünde begangen , die Altamerikanistik, die Iranistik oder die Koreanistik in Deutschland kurz vor dem Aussterben stehen. Die Sparmaßnahmen der Landesregierungen verschieben den Spardruck auf die Universitäten und diese wiederum auf ihre Kleinen Fächer. Da die meisten Kleinen Fächer mit ihrer Ausstattung bereits so weit zurück genommen worden sind, sind ergiebige Einsparungen unmöglich, und so kommen weitere Mittel- und Personalkürzungen einer Schließung gleich. Bei der mangelnden Koordination unter den Ländern ist die Gefahr, dass in diesem Prozess eine Hochschulleitung die letzte Bildungsstätte für ein Fach schließt, nicht imaginär.
Die Amazonas-Wälder sollen ein Fünftel des Sauerstoffs unseres Planeten beitragen. So wie es leichtsinnig ist, das Fortbestehen dieser Wälder einer lokalen Regierung zu überlassen, so wenig vernünftig ist es, die Planungen für die Kleinen Fächer der Verantwortung von hoffnungslos unterfinanzierten Universitäten zu überlassen.
Nein! Ein Land, das für sich eine weltpolitische Rolle beansprucht und eine führende Position in der Wirtschaft verteidigt, kann dies nicht zum Nulltarif haben; damit gehen kultur- und forschungspolitische Verantwortungen einher; damit ist das Vorhandensein von Expertise verbunden; damit hängen auch Verpflichtungen für die nachhaltige Förderung von bestimmten Kenntnisbereichen zusammen. Wer seine Schiffe nach Libanon und Israel schickt, braucht nicht nur Matrosen, sondern auch Arabisten und Judaisten. Wer sich in Afrika diplomatisch und wirtschaftlich einsetzt, braucht eine starke Afrikanistik. Die politische Konjunktur nach dem Ende des Kalten Krieges machte das Fach Slawistik kurzfristig uninteressant; bald wird Deutschland Mühe haben, gut ausgebildete Experten zu finden, ähnlich wie es vor wenigen Jahren auf der Jagd nach Islamwissenschaftlern war und vielleicht demnächst nach Koreanisten, Afrikanisten und Iranisten suchen wird. Die Ansprüche der Deutschen auf einen führenden Platz in der globalen Wirtschaft und Politik sind weder mit der knauserigen Haltung der Wirtschaft gegenüber den Fundraising-Aktivitäten der deutschen klassischen Volluniversitäten noch mit dem Fehlen einer nationalen Politik für die Kleinen Fächer zu vereinbaren.
Die Hochschulrektorenkonferenz hat diese Gefahr erkannt und eine Projektgruppe zu dieser Thematik eingesetzt. Die Veröffentlichung ihrer Empfehlungen für die Förderung der Kleinen Fächer, geplant für den kommenden November, ist sicher mit Spannung zu erwarten. Eins sollte klar sein: Die größte Verschwendung ist das Sparen an der falschen Stelle, und das Sparen an Bildung ist immer Sparen an der falschen Stelle.
Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Angelos Chaniotis
angelos.chaniotis@all-souls.ox.ac.uk
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse
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