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15. Dezember 2005

Essen zwischen Lust und Frust

Die Ernährungsaufklärung hat den Kopf der Menschen erreicht, aber nicht das Essverhalten beeinflusst – Vortrag von Prof. Volker Pudel, Ernährungspsychologische Forschungsstelle der Universität Göttingen – 18. 12. 2005, 11.00 Uhr, Institut für Zoologie, Im Neuenheimer Feld 230

Die Vorlesungsreihe
Die Vorlesungsreihe "Weltsichten – Weltbilder: Vom Bild zur Wahrnehmung" wird auch die modernen Ernährungswissenschaften thematisieren.
Foto : privat

Ernährungsaufklärung über 50 Jahre hat nicht erreicht, dass Menschen anders essen. Doch heute essen Menschen häufig das, was sie essen, mit schlechtem Gewissen. An mangelnder Information kann es nicht liegen. Die Verbraucher wollen gesund und gut essen. Im Zweifel aber, wollen sie gut essen. Ernährung sollte sich am Bedarf des Organismus orientieren, Essverhalten aber orientiert sich an den Bedürfnissen des Menschen. Das Weihnachtsfest mit einer bedarfsgerechten Ernährung zu feiern, zum Beispiel Vollkornbrot mit Magerquark, ist unmöglich, wenn Essbedürfnisse auf Weihnachtsgans mit Rotkraut abzielen.

Menschen erleben ihre Lebensqualität mehr über "heute" als über "morgen". Der Belohnungsaufschub fällt schwer, zumal der gesundheitliche Vorteil in zwanzig Jahren nicht garantiert ist, wenn heute auf Haxe, Weihnachtsgans oder Dominosteine verzichtet wird. Das Abwägen von Vor- und Nachteilen im kurzen oder langen Zeitverlauf unterscheidet den Laien von der Wissenschaft. Studien an großen Kollektiven über 20 Jahre lassen erkennen, welche Vor- und Nachteile bestimmte Ernährungsweisen haben. Doch der Laie isst heute, und heute schmeckt es ihm. Diese permanente Wiederholung des angenehmen Geschmackserlebnisses ist eine Verstärkung, die das Essverhalten so außerordentlich stabilisiert und resistent gegen Veränderungen macht.

Die Begriffe "Ernährung" und "Essen" sind keine Synonyme. So wird "Ernährung" mit rationalen Assoziationen verbunden wie "Kalorien", "fettarm" oder "Vitamine", während "Essen" nur auf emotionale Bezüge abhebt, wie "Geschmack", "Ambiente" oder "Sattwerden". Die Ernährungsaufklärung hat den Kopf der Menschen erreicht, aber nicht emotional gewirkt und das Essverhalten beeinflusst. Selbst bei Kindern und Jugendlichen lässt sich zeigen, dass zutreffendes Wissen vorhanden ist, das aber nicht auf Vorlieben und Abneigungen im Essverhalten durchschlägt – eher im Gegenteil.

Hinzu kommt, dass 70 Prozent der Deutschen beklagen, dass die Ernährungsinformationen widersprüchlich sind. Das erzeugt Unsicherheit. So glauben die Verbraucher meist ungeprüften, aber plakativen Ernährungsratschlägen, um sicher zu werden, denn Glaube gibt Sicherheit – allerdings ohne Beweis. Wissenschaft dagegen liefert Beweise – allerdings ohne garantierte Sicherheit. Darum auch kommen pseudo-logische Beweise in der Bevölkerung so gut an, wie zum Beispiel Amerikaner sind Weltmeister im Milchkonsum, und sie haben die höchste Quote an Gelenkbeschwerden. Also: keine Milch trinken, wie von bestimmten selbsternannten Ernährungsaufklärern behauptet wird.

Das schwerwiegendste Gesundheitsproblem ist die Übergewichtigkeit, nicht nur bei Erwachsenen, sondern zunehmend auch bei Kindern und Jugendlichen. Millionen von "Schlankheitsdiäten" haben die Deutschen eher dicker, aber nicht dünner gemacht. Wer Kalorien zählt, nimmt ab, aber anschließend wieder zu: Jojo-Effekt. Übergewicht entsteht aufgrund erblicher Disposition und fördernden Umweltverhältnissen. Die verbreitete Immobilität – durchschnittliche Laufleistung pro Woche sind zwei Kilometer! – und fettreiches, kohlenhydratarmes Essen sind die wesentlichen Ursachen.

Zur Gewichtsnormalisierung müssen weniger Fettkalorien, aber mehr Kohlenhydratkalorien verzehrt sowie die aktive Bewegung gesteigert werden. Wer nur Kalorien halbiert, wird nicht mehr satt und bricht seine Diät ab. Gut gemeinte Vorsätze sind nahezu immer rigide Verhaltenskontrollen ("Alles-oder-Nichts"), sie müssen durch flexible Verhaltenskontrollen ersetzt werden, um langfristig das eigene Ess- und Bewegungsverhalten günstig regulieren zu können. Der flexible Vorsatz: "Ich esse zwei Tafeln Schokolade in der Woche" ist leichter zu erfüllen als: "Nie mehr Schokolade". Hier reicht ein Stückchen, um den gesamten Vorsatz in sich zusammen brechen zu lassen – "Jetzt ist es auch egal".

Neben der bislang vorherrschenden Verhaltensprävention ("Sie sollten...") muss eine nachhaltige Verhältnisprävention eingeführt werden, die es leichter ermöglicht, so zu essen, wie man sich ernähren sollte. Die Verhältnisprävention im Straßenverkehr – "Beplankung der Autobahn", "Rückhaltesysteme" usw. – hat die Verkehrstoten von 24 000 pro Jahr in den 60er Jahren auf unter 6000 pro Jahr gesenkt – trotz mehr und schnelleren Autos.

Verhältnisprävention im Kindergarten, in den Schulen und Betrieben, in Krankenhäusern, möglichst auch in der Gastronomie und im Supermarkt durch neue Lebensmittel könnte dahin führen, dass Menschen in Zukunft mit Genuss so essen, wie sie sich ernähren sollten – und dadurch gesund bleiben und noch älter werden.

Das Zoologische Museum ist am Vortragstag von 10.00-12.00 Uhr geöffnet.



Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Volker Storch
oder Dr. Henner Hollert
Tel. 06221 545655 oder 545650, Fax 546162
Volker.Storch@urz.uni-heidelberg.de
Henner.Hollert@urz.uni-heidelberg.de
http://web.zoo.uni-heidelberg.de

allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse

Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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