zum Seiteninhalt
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Siegel der Universitaet Startseite der Universität Kontakt: Anschriften und Ansprechpartner Suche: Volltext; Personen; E-Mail; Forschungsdatenbank Sitemap: Seitenüberblick English

Startseite > Presse > Pressemitteilungen im Überblick >

3./4. Dezember 2005

Die Revolution des Herzens im Rokoko

Dieter Borchmeyers Buch "Mozart oder Die Entdeckung der Liebe" – In den Opern des Genies vollzieht sich die Veränderung des gesellschaftlichen Liebeskodexes

Die Libretto-Forschung als Teil der Literaturwissenschaften ist eine relativ junge Abteilung der Germanistik und als solche eigentlich auch noch nicht institutionalisiert. Immerhin aber widmet man sich der Untersuchung von Operntexten nun doch seit einiger Zeit mit erhöhter Aufmerksamkeit, besonders in Heidelberg. Prof. Dieter Borchmeyer ist einer ihrer Vorreiter. Nach umfangreicher Beschäftigung mit Wagners dichterischem Werk lenkt der Germanist nun – im Vorfeld des "Mozart-Jahres" – den Blick auf den Salzburger. Dabei geht es nie allein um die Texte, die der Komponist vertonte, sondern natürlich auch um musikalische Zusammenhänge. Aber das besondere Gewicht von Borchmeyers Publikationen liegt doch auf der literarischen Deutung der den Opernwerken zugrunde liegenden Libretti.

Die meisten Opernfreunde kennen diese ja fast nur vom Hören. Wenn es jetzt durch technische Neuerungen auch an kleinen Häusern möglich ist, deutsche Übertitel (auch zu Deutsch gesungenen Bühnenwerken) während der Aufführung mitzulesen, ist man manchmal überrascht, was da alles drin steht und was man (auch in allgemeiner Kenntnis der Texte) doch früher häufiger überhörte. Mehr als die Handlungsinhalte kam da selten rüber. Schade, erklärt sich doch vieles Musikalische allein durch das Wort, den im Text artikulierten und durch Musik überhöhten Gedanken, das Sprache gewordene Gefühl und den Affekt, den es im Klang ausdrückt.

Borchmeyer liest nun die Texte zunächst als solche und in ihrem literarisch-zeitgenössischen Kontext. Der ganze germanistische Bildungshorizont kommt dabei zum Tragen. Er reiht die besten Libretto-Dichter ein in die literarische Oberschicht ihrer Epoche, stellt Mozarts genialen Textlieferanten Lorenzo da Ponte neben Goethe, Herder und andere – eine verdiente Ehrenrettung. Das eigentliche Augenmerk von Dieter Borchmeyers Untersuchung gilt einer durchaus bekannten, wenn auch bisher wenig beachteten, gelegentlich belächelten, meistens verkannten Zeiterscheinung des 18. Jahrhunderts: dem Wandel des Liebes-Codes im Zeitalter der so genannten "Empfindsamkeit". Das "Rokoko" – schon diese Stilbezeichnung eigentlich eine Verhohnepipelung – als literarisch-musikalische Epoche einer Revolution des Herzens, die sich gegenüber der üblichen "Vernunfts-", gar "Geldheirat" stark macht für eine neue Definition der Liebe als "Harmonie von Sinnlichkeit, Vernunft und Moral", getragen vom "Adel des Herzens".

Descartes' berühmte Formel vom denkenden, also seienden Menschen wird abgewandelt in "Sensito ergo sum" (Ich fühle, also bin ich), was Charles Bonnet, Herder oder Wieland aufgreifen und was direkt zu Taminos berühmter "Bildnisarie" aus der "Zauberflöte" führt und im "Don Giovanni" den oft als naiven, verzärtelten und gehemmten Aristokraten dargestellten Don Ottavio als eigentlichen "Mann der Zukunft" und "Modellbürger" erscheinen lässt.

In Mozarts Opern vollzieht sich diese Veränderung des gesellschaftlichen Liebeskodexes augenfällig und hörbar. Ihr widmet sich der Heidelberger Lehrstuhlinhaber und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausführlich, vom "Idomeneo" bis zum "Titus". Die da Ponte-Opern "Don Giovanni" (der Autor nennt sie durchweg beim Originaltitel "Il dissoluto punito") und "Cosí fan tutte" bilden dabei ein Zentrum der Betrachtungen. Der Rezeptionsgeschichte des Giovanni im 19. Jahrhundert widmet Borchmeyer große Aufmerksamkeit und belegt auf über 50 Seiten detailreich die Umdeutung dieser Figur vom brutalen, erfolglosen Vergewaltigertyp zum erotischen Verführer.

Einen Fokus richtet der Germanist auch auf "Mozarts rasende Weiber", eine interessante Studie zur Typologie und Geschichte hysterischer Frauenrollen auf dem Theater von der Antike über Corneille bis Lessing und in der Oper von Purcell über Lully, Mozart (Elettra, Königin der Nacht, Vitellia) oder Gluck bis Berlioz und Wagner. Ebenso spannend zu lesen ist das Kapitel zu "Politik und Empfindsamkeit in‚ La clemenza di Tito'", bevor sich der Heidelberger Germanistik-Professor auch "Goethe, Mozart und die ,Zauberflöte'" und den Spuren Mozarts in der Fantasie der Dichter und Schriftsteller zuwendet: Besonders lesenswert hier das Quasi-Nachwort über Robert Walsers Mozart-Verständnis.

Matthias Roth

Dieter Borchmeyer: "Mozart oder Die Entdeckung der Liebe".
Insel Verlag, Frankfurt/Leipzig 2005. 425 S., 19,80 Euro.



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse

Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Ruperto Online | Kontakt | Suche | Überblick | English


Page maintained by
Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg