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9. Dezember 2005

Kraftvoll ins Holz geschnitten

Repräsentanten und Außenseiter: Reich-Ranicki sprach in der Aula der Alten Universität in Heidelberg über die Juden der deutschen Literatur

Er arbeitet (immer noch) bei der Müllabfuhr, der Müllabfuhr des literarischen Lebens. Denn er liest, um schlechte Bücher von anderen Lesern fern zu halten. Zwar kann dank seiner ungebrochenen Popularität jeder andere, der ihm nachübt, seine Arbeit Ahnungslosen damit erklären, er wäre auch so eine Art Marcel Reich-Ranicki. Aber das stimmt natürlich nicht. Die Art, wie er papierfrei spricht, die Stimme hebt und senkt, die Augen nach oben gegen den Dichter-Olymp hebt und mit den Händen in kräftigem Schwung die Sätze formt, machen ihn zu einem, den man in der ersten Reihe erleben muss.

Frankfurt ist nicht so weit von Heidelberg weg, die Heidelberger Hochschulreden in der Alten Aula wurden also mit Marcel Reich-Ranicki eröffnet. Dieser sprach über "Literatur ohne Heimat", eingeführt wurde er von Prof. Bodenheimer von der Hochschule für Jüdische Studien und Dr. Salomon Korn, die beide betonten, wie schwierig es sei, nichts über Reich-Ranicki zu sagen, was nicht immer wieder gesagt wurde. Das Bild mit der Müllabfuhr stammt aus einer solch ungewollt originellen Einführungsrede.

Die Wiederholung des Immergleichen war natürlich auch das Problem Marcel Reich-Ranickis, aber vom Thema durfte man nicht ganz das Übliche erwarten, ging es doch um die Juden der deutschen Literatur, nicht kunstvoll differenziert analysiert, sondern mit Kraft ins Holz geschnitten. Also betonte er zunächst die herausragende Bedeutung jüdischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen für die deutsche Literatur, die historisch ohne Vergleich ist.

Das wie immer bei ihm zahlreich erschienene, wie immer wunderbar studentisch geprägte Publikum (darin ist er zumindest in Heidelberg unter führenden deutschen Geistesgrößen einzigartig) hörte von Moses Mendelsohn, der nach Berlin ging um zu lernen, von Rahel Varnhagen, die alle einlud, aber nie selbst eingeladen wurde, von Ludwig Börne, den heute keiner mehr kennt, weil er keine bedeutenden Gedichte und Dramen, sondern vor allem Reportagen schrieb, bis der Name Heinrich Heine ertönte.

Reich-Ranicki bat um Ehrfurcht für einen Lyriker, dem es gelang, Intellekt mit Emotion zu verbinden, einen Repräsentanten der deutschen Dichtkunst, obwohl er Außenseiter war und ein Leben lang für seine Literatur das großes Thema hatte, sein Leiden als Jude in einer nichtjüdischen Gesellschaft zu beschreiben. Das sei, so Reich-Ranickis These, überhaupt bei allen großen jüdischen Autoren deutscher Sprache der Fall, wie etwa bei Franz Kafka, ebenfalls ein Repräsentant deutscher Literatur – aber nicht obwohl, sondern weil Kafka Außenseiter war. Typisch wiederum sei bei ihm zu sehen, wie die posthume Anerkennung seiner Werke, zunächst über deren Rezeption im Ausland, erfolgte.

In der Weimarer Republik erlebte die deutsche Literatur, deren Autoren Juden waren, einen beispiellosen Aufschwung; die Zugehörigkeit zum Judentum war dabei etwas, dem man oft nicht entkommen konnte. So schrieb schon während des Dritten Reiches Kurt Tucholsky in einem Brief an Arnold Zweig: "Ich bin 1913 ausgetreten, um zu sehen, dass ich es nicht kann." Wie so viele andere jüdische Autoren im Exil beging bekanntlich auch Tucholsky Selbstmord, der Brief an Zweig wurde wenige Wochen zuvor geschrieben. Die Überlebenden kamen in der Regel nicht wieder nach Deutschland zurück.

Die Juden hätten danach keine Rolle mehr für die deutsche Literatur gespielt; durch die jetzige Migration zahlreicher Osteuropäer, eben auch Juden, könne sich die Lage jedoch ändern, und er, Reich-Ranicki, müsse seine früheren Aussagen korrigieren. Hier wäre der Vortrag doch mehr als üblich spannend geworden; man denke nämlich an so wichtige jüdische Gegenwartsautoren wie den Österreicher Robert Menasse oder Maxim Biller. Aber Marcel Reich-Ranicki beendete seine Rede, wie man einen Abschaltknopf betätigt, und verließ die Alte Aula unter dem Jubel der Menge, die sich nicht zu erheben wagte, bevor er zu gehen sich anschickte.

Franz Schneider



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