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30. Dezember 2005

"Die Stimme der Juden wird akzeptiert"

Alfred Bodenheimer, neuer Rektor der Hochschule für Jüdische Studien, spricht über seine Ziele

Alfred Bodenheimer, neuer Rektor der Hochschule für Jüdische Studien   
Alfred Bodenheimer, Erster Prorektor der Jüdischen Hochschule, sagt, was es heißt, in Deutschland Jude zu sein.
Foto: Welker

Der Schweizer Alfred Bodenheimer ist seit Oktober Rektor der Hochschule für Jüdische Studien (HJS) in Heidelberg. Der 40-jährige Literaturwissenschaftler hat viel vor: Die Hochschule soll ein Kompetenzzentrum werden. Zudem will er die Hochschule für Jüdische Studien, die momentan in vier Gebäuden untergebracht ist, unter ein Dach zusammenbringen. Wie er die Zukunft der Juden in Deutschland sieht, erzählt er im RNZ-Interview.

Herr Bodenheimer, Sie sind seit Oktober Erster Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien. Wunschkandidat war ursprünglich jemand anderes – ist das nicht undankbar?

Der Wunschkandidat war anfangs Dan Diner, ein renommierter Historiker, das stimmt. Er wäre von außen gekommen. Es gab dann aber einen Paradigmenwechsel, der Zentralrat der Juden in Deutschland wollte jemanden, der die Hochschule kennt. Ich habe mich deswegen aber nie übergangen gefühlt.

Das ging schnell: 2004 angefangen, nach etwas mehr als einem Jahr schon Rektor.

Ja, das ging schon schnell, es war eben der Wille des Zentralrats. Ein Vorteil war sicher auch, dass ich in Bereichen, die der Hochschule wichtig sind, schon Erfahrung habe. Ich war zum Beispiel Verantwortlicher für das Schulwesen der Israelitischen Gemeinde Basel. Und es ist ja eines unserer Ziele, Religionslehrer auszubilden.

Sie haben Basel erwähnt, da sind Sie auch noch Professor. Ist das nicht zu viel?

Das ist eine Frage der Zeiteinteilung. Zwei Tage in der Woche bin ich in Heidelberg. Aber auch wenn ich in Basel bin, habe ich ständig Kontakt mit der Hochschule hier. Manchmal habe ich das Gefühl, je mehr ich arbeite, desto mehr Zeit habe ich. Von Vorteil sind zudem die Semesterferien, weil ich weniger an Termine gebunden bin. In zwei Ländern zu unterrichten, ist zudem auch spannend. Ich rotiere nicht nur um mich selbst herum, ich stelle Gewohnheiten in Frage, die mir andernorts gar nicht auffallen würden. Ich finde, das Modell bewährt sich, aber es ist natürlich nicht auf ewig angelegt.

Kommt da die Familie nicht zu kurz?

Ich habe die Devise, dass ich zu Hause nicht arbeite. Und Sie dürfen eines nicht übersehen: Ich bin praktizierender Jude, der Sabbat ist mir wahnsinnig wichtig. An diesem Tag verbringe ich die Zeit nur mit der Familie.

Man sagt, erst im Ausland wird man patriotisch. Wie ist das bei Ihnen als Schweizer?

Ich kann das so nicht beantworten. Meine Perspektive ist immer diejenige der jüdischen Minderheit. Ich kann meine Heimat auch nicht verorten, ich bin da zu Hause, wo meine Familie lebt. So gesehen habe ich das Gefühl, dass das Judentum in Deutschland belasteter ist als in der Schweiz. Aber die Wertschätzung in der Gesellschaft ist dafür größer. Die jüdische Stimme in Deutschland wird akzeptiert, in der Schweiz ist das anders. Wenn sich die Juden da zu Wort melden, fährt man ihnen sofort über das Maul.

Belasteter – wie äußert sich das bei Ihnen?

Natürlich ist es für einen Juden in Deutschland nicht so, dass er sich die ganze Zeit die Vergangenheit vor Augen führt. Ich kann ein Beispiel erzählen: Vor elf Jahren war ich zum ersten Mal in Heidelberg. Die Stadt sah aus wie im 19. Jahrhundert, nur die Synagoge am Neckar fehlte. Für mich war es eine Lücke: Die Synagoge ist weg und die Juden sind weg. Es war unglaublich bedrückend. Heute denke ich aber anders: Man muss die Geschichte zwar kennen, aber auch einmal stehen lassen können. Wir müssen uns neuen Aufgaben zuwenden.

Wie sehen die aus?

Die jüdische Diaspora Deutschlands ist in den letzten 15 Jahren weltweit am schnellsten gewachsen. Dazu beigetragen haben die Kontingentflüchtlinge, die aus den ehemaligen Sowjetstaaten kamen. Das hat zur Folge, dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland sehr ungefestigt sind. Wir müssen die Gemeinschaft wieder stärken, das ist meine Motivation.

Welche Aufgabe hat da die Hochschule?

Wir beschäftigen uns ja nicht nur mit der Religion. Geschichte, Kultur und Sozialisierung spielen auch eine wichtige Rolle. Und gerade für eine Minderheitengesellschaft sind das wichtige Aspekte. Man besinnt sich viel stärker auf seine Eigenheiten, man muss seinen Platz im Leben erst finden. Auch Juden aus säkularen Familien fragen sich: Was bedeutet es, Jude zu sein?

Dominik Balmer



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
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