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29. November 2005

Dr. Patrick Waldbuesser mit Südwestmetall-Preis ausgezeichnet

Prof. Dr. Karlheinz Sonntag, Psychologisches Institut der Universität Heidelberg, hielt die Laudatio bei einer Feierstunde heute in der Aula der Alten Universität

"Tom Peters & Robert Waterman, anerkannte amerikanische Unternehmensforscher und Berater, Strategie- und Innovationsexperten haben ihrem vielbeachteten Buch den Titel ‚In search of excellence' gegeben. Die Suche nach Exzellenz für das Jahr 2005 kann eingestellt werden. Die Kommission hat entschieden. Liebe Preisträgerin, liebe Preisträger, mit Ihrer Arbeit haben Sie Themen, die für die industrielle Arbeitswelt und deren sozialpolitische Rahmenbedingungen von Bedeutung sind, exzellent und wissenschaftlich herausragend bearbeitet. Ich beglückwünsche Sie.

Ich darf mich nun – stellvertretend für die hervorragenden Leistungen aller Preisträger – etwas eingehender der Dissertation von Patrick Waldbuesser widmen. Dr. Waldbuessers Arbeit ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Der Gegenstand seiner Forschungsarbeit ist in hohem Maße innovativ, komplex und dennoch authentisch.

Wir wissen – empirische Belege und normative Setzungen hierzu sind Legion – dass dynamische Märkte, kürzer werdende Innovationszyklen, veränderte Arbeitsorganisationen, globale wirtschaftliche Netzwerke bereits heute – und zukünftig vermehrt – den flexiblen Erwerb zeitgemäßer beruflicher Kompetenzen erfordern.

Damit wird eine qualifizierte Berufsausbildung und Weiterbildung als das Kernstück jeder modernen Bildungspolitik und als eine wichtige Zukunftsvorsorge anerkannt. Ausreichend qualifizierte Nachwuchskräfte sichern die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland. Dennoch wird eine problematische Angebots-Nachfragerelation auf dem Ausbildungsmarkt konstatiert. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung mahnt regelmäßig erhöhte Ausbildungsanstrengungen der Wirtschaft an. Eine Reaktion auf die Krise des Ausbildungsmarktes stellt das Konzept "Versetzte Ausbildungszeiten in der Berufsausbildung jugendlicher Nachwuchskräfte" der AUDI AG dar, das Forschungsgegenstand von Patrick Waldbuessers Doktorarbeit war.

Die innovativen Elemente dieses bemerkenswerten Konzeptes sind
- Erhöhung der Auszubildendenzahl um 40%
- Einführung versetzter Ausbildungszeiten ab dem 2. Lehrjahr in den Kernberufen wie bspw. Automobilmechaniker, Mechatroniker, Werkzeugmacher
- Wechselnde Früh- und Spätschicht mit Ausbildungszeiten von 6:00 bis 14:00 und 14:30 bis 22:30 Uhr.
- flexible, auslastungseffiziente Ausbildungsorganisation
- stärkere Berücksichtigung arbeitsorientierten Lernens an realen Werkstücken und Produkten
- Möglichkeit des frühzeitigen Auslernens.

Zweifellos ein hoch ambitioniertes Change-Projekt in der betrieblichen Ausbildung jugendlicher Nachwuchskräfte.

Mit der betrieblichen Umsetzung dieses innovativen Konzeptes versetzter Ausbildungszeiten und einer betont arbeitsintegrierten Berufsausbildung sind aus arbeits- und organisationspsychologischer Sicht erhebliche Auswirkungen auf die Akteure, nämlich die Jugendlichen Nachwuchskräfte zu erwarten.

Im besten Sinne einer summativ-erklärenden Evaluation verfolgte Dr. Waldbuesser mit seiner Arbeit drei zentrale Zielsetzungen:
- eine Überprüfung der gesundheitspsychologischen und psychosomatischen Aspekte des Konzepts
- eine Überprüfung der Auswirkungen auf Leistungsmotivation und Kompetenzentwicklung der Auszubildenden
- eine Überprüfung der Auswirkungen auf das soziale Umfeld und Freizeitverhalten der Auszubildenden.

Es geht also darum, mit einem entsprechenden Untersuchungsansatz herauszuarbeiten, ob und inwieweit durch die veränderten Ausbildungsrhythmen und -zeiten Defizite im Leistungs-, Gesundheits- und Freizeitbereich jugendlicher Nachwuchskräfte feststellbar sind.

Dr. Waldbuesser hat hier wissenschaftliches Neuland betreten: So gibt es zwar zahlreiche nationale und internationale Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Schichtarbeit und deren belastendem Charakter, aber keinerlei Erkenntnisse möglicher negativer Beanspruchungsfolgen von Früh- und Spätschichten bei jugendlichen Arbeitskräften. Gleiches gilt für tagesrhythmusbedingte Leistungseinbussen und einer möglichen defizitären Kompetenzentwicklung bei den Auszubildenden aufgrund reduzierter Aufnahmekapazitäten in den Abendstunden.

Empirisch belegt sind Störungen des Familien- und Soziallebens bei Spätschichtarbeit und geringere Nutzbarkeit der Freizeit bisher nur bei erwachsenen Arbeitnehmern.

Vor diesem Hintergrund einer weitgehend noch nicht auf Wechselschichten bei Auszubildenden zugeschnittenen Theorie- und Befundlage entwickelte Dr. Waldbuesser sehr stringent und in sich konsistent sein Arbeitsmodell zur Untersuchung der forschungsleitenden Fragestellungen: das Ressourcenmodell personaler Auswirkungen von Arbeitszeitregelungen. Das Modell besteht aus drei Hauptkomponenten.
1. Arbeitszeitgestaltung (unabhängige Variable): Früh-/Spätschicht in der Berufsausbildung
2. Ressourcen (vermittelnde Variable): Externe Bedingungen, wie Anreiseweg, soziale Unterstützung, Familienklima; personale Bedingungen, wie Morgen-/Abendtyp, Einstellungen (hinsichtlich Leistung, Ansehen, Einkommen)
3. Personale Auswirkungen (abhängige Variable): Gesundheit, wie Schlafdefizite, Magen-Darm-Beschwerden, Erschöpfung; Leistung, wie Leistungsmotivation, berufliche Kompetenz; Sozialleben, wie Verhältnis zur Familie, Freizeit.

Bemerkenswert ist, dass Dr. Waldbuesser nicht nur die Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit und Auswirkungen untersucht. Das wäre relativ einfach und entspricht der klassischen behavioristischen Sichtweise, aber nicht Patrick Waldbuessers wissenschaftlichen Ansprüchen. Nein, er führt die vermittelnden Prozesse zwischen Arbeitszeit und Auswirkungen einer genaueren Analyse zu. Dieser ressourcenorientierte Ansatz ermöglicht nicht nur leistungseinschränkende oder negativ beanspruchende Aspekte des neuen Ausbildungsmodell zu erfassen und zu beschreiben, sondern auch solche Merkmale, die als Ressourcen – seien es personenbezogene oder in der Organisation liegende – mögliche Stressoren des neuen Ausbildungsmodells abpuffern. Die Identifikation solcher Ressourcen kann bei entsprechender Ausprägung trotz vorhandener Belastungen zu deren erfolgreichen und beanspruchungsoptimalen Bewältigung beitragen.

Dieses Modell und die entsprechend daraus abgeleiteten und zu überprüfenden Hypothesen spiegeln in ihrer Komplexität die Vielfalt der Interaktionen, die zwischen den Schichtarbeitszeitregelungen und personalen Auswirkungen vermitteln, authentisch die Wirklichkeit des betrieblichen Untersuchungsfeldes wieder.

Für die Anwendung dieses Modells zur Überprüfung des Konzeptes versetzter Ausbildungszeiten hat Dr. Waldbuesser ein methodisch sehr anspruchsvolles und aufwändiges Untersuchungsdesign entwickelt: ein längsschnittlich multipler Zeitreihenansatz mit insgesamt sechs Erhebungszeitpunkten über zwei kompakte Lehrjahre hinweg und unter Berücksichtigung einer Kontrollgruppe. An den Erhebungen nahmen insgesamt 1218 Personen teil. 6327 Fragebogen wurden verteilt. Ein kleiner Hinweis zum Umfang der verarbeiteten Daten. Es wurden 5,2 Millionen Einzeldaten aufbereitet und verrechnet.

Die gewählten statistischen Auswerteverfahren zeugen von der methodischen Kompetenz und handwerklichen Souveränität Dr. Waldbuessers beim Umgang mit Forschungsdaten.

Viele Befunde überraschen. So zeigt sich bis auf Einschränkungen im Freizeitbereich kein offensichtlicher gesundheits- oder leistungsbeeinträchtigender Effekt einer zweischichtig organisierten Berufsausbildung auf die jugendlichen Nachwuchskräfte. Eine wichtige Rolle spielen identifizierte Ressourcen, die belastungsmildernd und kompetenzfördernd bei der Bewältigung schichtspezifischer Bedingungen wirken, wie bspw.
- Freizeitausgleiche, um eine aus der Spätschicht resultierende Verarmung des Freizeitverhaltens zu vermeiden
- Gute infrastrukturelle Anbindung zwischen Wohnung und Werkstatt
- Soziale Unterstützung durch Ausbilder (i.S. eines Betreuers und coachs) oder durch die Familie (i.S. eines harmonischen familiären Miteinander).

Als weiterhin kompetenzfördernd und leistungssteigernd wurden weitere Ressourcen identifiziert wie bspw.
- optimistische Einschätzung der persönlichen und beruflichen Zukunft des Auszubildenden
- frühzeitige Integration in anforderungsreiche, möglichst wenig stereotype Arbeitsabläufe

Dr. Waldbuesser hat mit seinem Ansatz einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung innovativer betrieblicher Ausbildungskonzepte geleistet und ich zitiere gerne den letzten Satz seines oeuvres: ‚Letztlich kann also drohender Jugendarbeitslosigkeit mit betriebspraktischen Konzepten begegnet werden, die sofern sensibel und ressourcenorientiert auf diese spezielle Belegschaft zugeschnitten, zu mehr Arbeit bei gleichbleibend hohem Qualifikationsniveau in dem volkswirtschaftlich elementaren Sektor der Berufsausbildung künftiger Fachkräfte führen.'

Herrn Dr. Waldbuessers Dissertationsprojekt ist das Ergebnis und herausragende Beispiel eines Austauschprozesses zwischen Wissenschaft und Praxis. Es bedarf nicht immer großangelegter Programme, um die Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungsinstituten einzuleiten oder politisch gewollter Aktionen etwa im Sinne einer Partnerschaft für Innovationen.

Dennoch: eine sinnvolle und effektive Zusammenarbeit kommt nicht von allein! Sie funktioniert immer dort besonders gut, wo Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft unvoreingenommen kompetent und engagiert ein Projekt gemeinsam bearbeiten und Vertrauen aufgebaut haben. Es ist mir ein Bedürfnis an dieser Stelle den Verantwortlichen des Bildungswesens unseres Projektpartners und insbesondere Herrn Faber als Leiter des Bildungswesens der AUDI AG Neckarsulm für sein konstruktives, faires und entgegenkommendes Verhalten herzlich zu danken. Ich bin mir sicher, dass Projekte dieser Art die Grundlagen schaffen für Innovationen, Veränderungen anstoßen und helfen Barrieren abzubauen: Wissenschaftliche Neugier und wirtschaftliche Orientierung befinden sich so in fruchtbarer Balance.

Dr. Waldbuesser hat als Arbeits- und Organisationspsychologe angewandte Forschung exzellent betrieben. Es ist nicht immer leicht, hohe Qualitätsstandards in der Praxis durchzusetzen, und niveauvolle Arbeit zu leisten.

Arbeits- und Organisationspsychologie, wie sie an der Universität Heidelberg betrieben wird, ist nachhaltig empirisch ausgerichtet und naturwissenschaftlich orientiert. Trotz ihres starken Anwendungsbezuges arbeitet sie auch grundlagenbezogen. In erster Linie heißt das, Einfälle und Spekulationen zwar als einen Schritt in der Erkenntnisbildung anzusehen, ihnen aber nur den Charakter von Hypothesen zuzubilligen, die der strikten kontrollierbaren, möglichst emotionslosen und ideologiefreien Prüfung bedürfen. Es liegt eine essentielle Gefahr für angewandte Forschung in der Versuchung, das Wünschenswerte nicht ausreichend vom Faktischen zu unterscheiden.

Arbeits- und Organisationspsychologie verfolgt als angewandte Wissenschaft das Ziel, praktische Probleme zu lösen. Praktische Probleme werden von außen an ein Fach herangetragen. Dies wiederum setzt die Attraktivität des Faches für betriebliche Praktiker voraus. Psychologen, die sich in der gelehrigen Einsamkeit des Elfenbeinturms tummeln und aus der Distanz die reale Arbeitswelt quasi virtuell beforschen, werden in dieser Hinsicht wenig reüssieren, und ehrlich gesagt, sie tragen zum Fortschritt in dieser angewandten Wissenschaft wenig bei. Es ist darauf hinzuweisen, dass experimentelle Settings oder Untersuchungsanordnungen der Gefahr unterliegen, die Komplexität der betrieblichen Realität erheblich zu reduzieren und damit zu trivialisieren; Studentenstichproben sind zwar äußerst bequem zu rekrutieren, aber als Mitarbeiter eines Unternehmens eben in keinster Weise repräsentativ. Das bedeutet, dass sich Arbeits- und Organisationspsychologen sehr zeitaufwendigen und teilweise frustrierenden Prozeduren unterwerfen müssen, um authentische Untersuchungsfelder zu erhalten und zu gestalten und betriebliche Partner zu akquirieren und bei Laune zu halten.

Welche Art von Forschung hat Dr. Waldbuesser betrieben? Für arbeits- und organisationspsychologische Projekte, die in Kooperation mit der Praxis oder in ihrem Auftrag durchgeführt werden, hat ein amerikanischer Kollege ein interessantes Schema aufgestellt. Es zeigt an, in welche Ecken man geraten kann: man kann unreife Wissenschaft betreiben, das ist die Schlimmste, weil sie weder wissenschaftlich anspruchsvoll ist noch praktisch relevant; populistische Wissenschaft, die sich nur nach der Relevanz ausrichtet, aber nicht hochwertig ist, pedantische Wissenschaft, die zugunsten des methodischen Rigorismus den Praxisnutzen missachtet, und schließlich die erstrebenswerte Variante pragmatische Wissenschaft, die aktuelle Fragen mit hoher Praxisrelevanz methodisch rigoros bearbeitet und praktische Implikationen durchdenkt, ungeachtet kommerzieller Interessen. Dr. Waldbuesser hat in diesem Sinne eine solche Wissenschaft-Praxis-Kooperation erfolgreich geleistet.

Vielleicht ist diese Art der Forschung ja attraktiv und wirkungsvoll. Erlauben Sie mir – mit ein bisschen Stolz – darauf hinzuweisen, dass mit Herrn Dr. Waldbuessers Dissertation bereits die vierte Arbeit aus der Arbeits- und Organisationspsychologie mit dem Förderpreis von Südwestmetall ausgezeichnet wurde.

Das Vernünftigste, was wir für die Praxis tun können, ist sie zu verbessern. Die Grundlage ist wissenschaftlich gute und gleichzeitig praxisrelevante Arbeit, die zusätzlich auch wirksam kommuniziert wird. Überzeugende Projekte – wie dieses von Dr. Waldbuesser bearbeitete bzw. diejenigen der heute zu ehrenden Preisträger – bringen Vertrauen in der Praxis und zeugen von einer innovationsorientierten Haltung der Wissenschaft.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche den Preisträgern für ihren beruflichen Lebensweg viel Erfolg und kluge Entscheidungen" (Prof. Sonntag).



Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Karlheinz Sonntag
karlheinz.sonntag@psychologie.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse




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