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7. November 2005

Aushängeschild der Heidelberger Romantik

Festveranstaltung zum 200-Jahr-Jubiläum der Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" im Palais Prinz Carl

Oberbürgermeisterin Beate Weber und Prof. Helmuth Kiesel mit dem ersten Band von   
Oberbürgermeisterin Beate Weber und Prof. Helmuth Kiesel mit dem ersten Band von "Des Knaben Wunderhorn" bei der Festveranstaltung.
Foto: Dagmar Welker

Mit diesem Pfund muss man wuchern, und der Stadt Heidelberg ist das wohl bewusst. Bei der Festveranstaltung im Prinz Carl anlässlich des Jubiläums "200 Jahre Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn" bezeichnete Oberbürgermeisterin Beate Weber die Feier als Auftakt zahlreicher weiterer Veranstaltungen zur Heidelberger Romantik, die sich durch das ganze Jahr 2006 ziehen werden, sei es beim "Heidelberger Frühling" oder beim "Literatursommer Baden-Württemberg". Die "Heidelberger Romantik" steht in den nächsten Monaten im Blickpunkt, denn das Erscheinen des ersten der insgesamt drei Bände von "Des Knaben Wunderhorn" im Herbst 1805 gilt als ihr Ausgangspunkt. Beate Weber bezeichnete denn auch das "Wunderhorn" als deutsches Kulturgut und zu Heidelberg gehörend wie Schloss und Brück und sprach auch seine positive Rezeption an mit Zitaten, die von Goethe über Heine bis Reich-Ranicki und Günter Grass reichten, der unlängst gemeinsam mit seiner Tochter Lieder der Sammlung im Heidelberger Theater vortrug.

Intensive Einblicke in "Die Heidelberger Wunderhorn-Romantik" gewährte dann Prof. Helmuth Kiesel (Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg) in seinem Festvortrag, und die zahlreich erschienenen Gäste wurden an Beginn und Ende der Veranstaltung mit einigen der von Achim von Arnim und Clemens Brentano gesammelten alten deutschen Liedern bekannt gemacht, die Walter Nußbaum mit seinem "ensemble aisthesis" und der Schola Heidelberg vorführte, zunächst mit zwei Brahms-Vertonungen im originalen romantischen Ton, dann in kaum minder einfühlsamen Umsetzungen von Gustav Mahler, die, von Cornelius Schwehr und Caspar Johannes Walter – beide Komponisten waren anwesend – im Auftrag des Heidelberger KlangForums bearbeitet, als Uraufführungen auf dem Programm standen. Solistin war die kultiviert und spritzig singende Silke Schwarz, die zur Zeit im Heidelberger "Don Giovanni" als Zerline zu hören ist.

Helmuth Kiesel, der die berühmte bei Mohr und Zimmer herausgekommene Wunderhorn-Sammlung als Aushängeschild der Heidelberger Romantik apostrophierte (allein aufgrund ihres genialen Titels), rollte ihre interessante Geschichte auf, die untrennbar mit den Dichtern Achim von Arnim und Clemens Brentano verbunden ist, der erste protestantisch, der zweite katholisch, so dass der konfessionelle Proporz gewahrt blieb.

Nur knapp vier Jahre (1804-1808) währte diese fruchtbare Phase, mit der auch andere Namen verbunden sind wie Brentanos Frau Sophie Mereau, die unglücklich in den Altphilologen Friedrich Creuzer verliebte und durch Selbstmord endende Karoline von Günderrode, wie Ludwig Tieck, Friedrich Carl von Savigny, Joseph Görres oder der Verleger Johann Georg Zimmer. Kiesel zeichnete ein plastisches Bild des geistigen Heidelberg vor 200 Jahren und bezeichnete die "glückliche Reform der Universität" als eine der Rahmenbedingungen der Heidelberger Romantik, die indes auch heftigen Anfeindungen ausgesetzt war, zum Beispiel aus der Ecke des Homer-Übersetzers Johann Heinrich Voss. Dieser Streit, so der Germanist, war mehr als eine Lokalposse, vielmehr ein bedeutender Teil deutscher Geistesgeschichte und mit dem Wegzug der Romantiker aus der Neckarstadt (1808) keineswegs beendet.

Heidelberg blieb indes die Stadt der Romantik und festigte diesen Ruf auch durch die Ausstellung der spätgotischen Tafelbilder der mit Goethe befreundeten Brüder Boisserée. Kiesel, der seinen Gegenstand einbettete in die deutsche Historie und das "Wunderhorn" als epochale kulturelle Leistung wie auch als verlegerischen Misserfolg einordnete, machte an einem konkreten Lied vom (häufig vertonten) "Schnitter Tod" die Verdienste der Sammler Arnim und Brentano sichtbar. Ihre Kollektion hatte bis dahin unbekannte kulturelle Bestände erschlossen, deren Wirkung aber erst durch die Bearbeitungen der beiden Dichter zustande kam, die bei den Liedern – sie zeigten den Menschen in seiner schwierigen sozialen Lage, aber auch beim Vergnügen – zum Beispiel Zotenhaftes eliminierten.

Zum Abschluss seiner erhellenden und spannend vorgetragenen Ausführungen widmete sich der Germanist höchst differenziert den problematischen Komponenten der Sammlung (Darstellung der Juden, nationalistische Tendenzen, Vergangenheitsorientierung), dabei betonend, dass die Heidelberger Romantik, die Geschichte als Jungbrunnen betrachtete und Revolution ablehnte, keineswegs eine Kopie der Vergangenheit anstrebte.

Wie weit die Heidelberger Romantik der Realität voraus war, verdeutlichte Kiesel abschließend anhand des Kodifikationsstreits von 1814/15, als der Heidelberger Juraprofessor Friedrich Justus Thibaut nach dem Ende der Napoleonischen Herrschaft und des Code Civil vergeblich ein allgemeingültiges und allgemeinverständliches Recht für Deutschland forderte. Dieses wurde erst 1900 als Bürgerliches Gesetzbuch eingeführt.

Heide Seele



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