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28. Oktober 2005

Die "Wunderwelt des Wahns"

Harald Szeemanns bedeutende Berner "Prinzhorn"-Ausstellung von 1963 in Teilen rekonstruiert – Eine sehenswerte Schau in Heidelberg

Logo Sammlung Prinzhorn

Diese sehr ergiebige Bilderveranstaltung war zuerst als Kabinettausstellung geplant als Hommage an den im letzten Februar verstorbenen international renommierten Ausstellungskurator Harald Szeemann. Unter der Hand hat sie sich beträchtlich ausgewachsen, und das ist gut so, denn das ursprünglich für November vorgesehene Projekt musste ein Jahr verschoben werden. Was nun in der Sammlung Prinzhorn im Zentrum für Psychosoziale Medizin in der Heidelberger Voßstraße 2 unter dem Titel "Bern 1963 – Harald Szeemann erfindet die Sammlung Prinzhorn" besichtigt werden kann, ist ein Teil jener Ausstellung, die der spätere Kurator und Verantwortliche für die documenta 6 (1972), vor über 40 Jahren in der Berner Kunsthalle, deren Leiter er war, mit innovativer Weitsicht der Öffentlichkeit vorgestellt hatte.

Eine Arbeit von August Klett (Klotz), zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Voßstraße Heidelberg.
Eine Arbeit von August Klett (Klotz), zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Voßstraße Heidelberg.
Foto: Dagmar Welker

Im Jahr 1963 war die von Hans Prinzhorn zusammengetragene Kollektion, die lange Zeit fast unbeachtet auf einem Dachboden in den Institutsgebäuden der Heidelberger Voßstraße lagerte, nahezu vergessen. Der damals junge Szeemann gab mit seiner Initiative daher tatsächlich einen folgenreichen Anstoß für die sich in jener Zeit auch anderswo anbahnenden ästhetischen Neuentdeckungen von solchen Sparten der Kunst, die an soziokulturellen Rändern ein Schattendasein führten. Er betrachtete Kunstwerke als Ideenträger und setzte sie in den Kontext zeitgenössischer Kunst. Er wollte nicht die "Hervorbringungen von Geisteskranken" zeigen, sondern stellte ihre ästhetischen Bedeutung ins Zentrum. Seine Frage, ob Geisteskranke Künstler sein können, war nur rhetorisch gemeint.

So eröffneten sich der so genannten "Irrenkunst" neue Horizonte. Prinzhorns expressionistisches Formideal wurde abgelöst durch neue Sichtweisen und künstlerische Tendenzen. Statt Psychopharmaka, mit denen Psychiatriepatienten ruhig gestellt wurden, erkannten die Apologeten der Außenseiterkunst die "Wunderwelt des Wahns", die "wahnsinige Schönheit". In Heidelberg wird jetzt nur die Hälfte der einstigen Berner Ausstellung zur Schau gestellt, denn Szeemann bestückte diese nicht nur aus der Sammlung Prinzhorn, aus der er sich 1963 auf heute abenteuerlich anmutende Weise großzügig bediente.

Die einst in der Berner Ausstellung gezeigten zwölf Künstler der Sammlung Prinzhorn (hinzu kommt der Bildhauer Karl Genzel, der mit seinen Skulpturen stets im Untergeschoss des Voßstraßengebäudes präsent ist), können nun in Heidelberg in einer Auswahl von 120 Arbeiten unter die Lupe genommen werden, und einige der Charakteristika für die Kunst von Psychiatriepatienten bestätigen sich dabei erneut. Da ist zum Beispiel der ungeheure Mitteilungsdrang, artikuliere er sich nun durch Bild oder Wort. Deshalb auch die häufige Integration von Schrift in die gemalte Darstellung, die sich etwa bei Johann Knopf, den Prinzhorn "Knüpfer" nannte oder bei August Klett ("Klotz") beobachten lässt. Neben einem deutlichen Hang zum Ornamentalen und zur Symmetrie bevorzugten fast alle Künstler die figurative Gestaltung, sei es die heute berühmte Else Blankenhorn oder Heinrich Hack, dessen fein gezeichnete Porträt-Galerie von vornehmen Damen und Herren einen besonderen Blickpunkt abgibt, bei dem niemand an Patientenkunst denken würde. So ergeht es einem auch bei Gustav Sievers' skurrilen Draisinenfahrern, die mit ihrer ironischen Darstellungsweise – dicke Dame auf fragilem Gefährt – von zeitlosem Witz sind.

Der Besucher kann neben den bekannten Blankenhorn oder August Natterer viele weitere Künstler entdecken wie Heinrich Anton Müller, der zarte Bäumchen und groteske Tiere zeichnete, wie den schon von Kubin geschätzten Oskar Herzberg, der u.a. etwas ungemütliche Puppenstubenbilder schuf oder jenen Peter Meyer (Moog), der sich vom "Dichterfürsten" zum "Heiligenmaler" gewandelt hatte und große biblische Themen bewältigte. Wie Bildteppiche muten diese Bilder an, deren religiöser Ernst nicht zu übersehen ist.

Bei der Vernissage der Ausstellung, die Matthias Lorenz mit sensiblem Cellospiel umrahmte mit Kompositionen von Oskar Herzberg und Morton Feldman, begrüßte Thomas Roeske, der Direktor der Sammlung Prinzhorn, die Gäste, der Basler Hochschullehrer Roman Kurzmeyer gab Einblick in seine langjährige Zusammenarbeit mit dem von ihm verehrten Harald Szeemann und die mit der Prinzhorn-Kollektion innigst vertraute Bettina Brand-Clausen widmete sich der Genese der Berner Ausstellung von 1963 ein und den damit verbundenen Zielsetzungen Harald Szeemanns.

Heide Seele

Museum Prinzhorn Heidelberg, Voßstraße 2, bis 19. März. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
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