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15. November 2005

Vom Armenspital zur integrierten High-Tech-Institution

200 Jahre Medizinische Universitäts-Poliklinik Heidelberg: Axel W. Bauer und Anthony D. Ho legen das Buch "Nicht blos künstlich in einem Spitale" vor

Auch in Heidelberg hielt Anfang des 19. Jahrhunderts eine neuartige medizinische Institution Einzug, die erst wenige Jahrzehnte zuvor entwickelt worden war – die Poliklinik. Wegbereiter in der Neckarstadt war Jacob Fidelis Ackermann, der als erster eine ambulante Patientenversorgung durch Mitglieder der Universität einführte, Hausbesuche machte und mit seinem Vorhaben allen bedürftigen Menschen unabhängig von ihrem Einkommen zur Verfügung stehen wollte.

Klinikdirektor Anthony D. Ho (3.v.l.) und Mitarbeiter im Herbst 2005 bei einer Chefarzt-Visite.
Klinikdirektor Anthony D. Ho (3.v.l.) und Mitarbeiter im Herbst 2005 bei einer Chefarzt-Visite.
Foto: Peter Dorn

Ein weiterer wegweisender Gedanke der Poliklinik war es, bereits Medizinstudenten in das ambulante, hausärztliche Betreuungskonzept einzuführen. So notierte die Geschäftsordnung der Poliklinik, dass diese den Zweck haben sollte, "angehende Ärzte (...) in die Praxis einzuführen, nicht blos künstlich in einem dazu errichteten Spitale (...), sondern in einer weitläufigen Stadt an den mannigfaltigsten Krankenbetten die Anfänger zu unterrichten, ihnen die Gestalten der Krankheiten in ihren verschiedensten genau bestimmten Umrissen zu zeigen, und die Kranken selbst ihnen in den mannigfaltigsten Verhältnissen des bürgerlichen Lebens (...) unter die Augen zu stellen".

Gegründet am 23. Oktober 1805

Der genaue Gründungstag der Heidelberger Einrichtung datiert auf den 23. Oktober 1805. An diesem Mittwoch wurde in der Neckarstadt das "Institutum Policlinicum Medico Chirurgicum" – die erste Poliklinik an der Ruprecht-Karls-Universität – im Gebäude des ehemaligen Dominikanerklosters in der Hauptstraße an der Ecke zur Brunnengasse eröffnet. Das war immerhin zehn Jahre vor der ersten Gründung einer stationären Universitätsklinik, so dass man den praktizierenden Arzt Ackermann als echten Pionier bezeichnen kann. Leider jedoch starb der aus Rüdesheim stammende Mediziner bereits 1815 auf dem eigenen Weingut in seinem Heimatort am Rhein. Wie in jedem Jahr hatte ihm die Universität einen 14-tägigen Sonderurlaub im Herbst gewährt – doch diesmal kehrte der Mediziner nicht mehr an seine Wirkungsstätte zurück. Er verschied am Ende der Weinlesesaison 1815 im Alter von nur 50 Jahren.

Mit ihm starb auch "seine" Poliklinik, die am 20. November desselben Jahres geschlossen wurde. Grund waren die hohen Schulden, die sich auf über 4000 Gulden angehäuft hatten. Diese resultierten aus der fortschrittlichen Verbindung von ambulanter und stationärer Behandlung, die zudem kostenlos war. Auch erhielten Bedürftige ihre Medikamente unentgeltlich, was das vorhandene Budget bei weitem überstieg. Selbst Apothekerrechnungen – entsprechende Beschwerdebriefe belegen dies – konnten wohl nicht mehr bezahlt werden. So endete denn also die Geschichte der Heidelberger Poliklinik, kaum dass sie begonnen hatte.

Statt dessen wurde 1815 unter Johann Wilhem Heinrich Conradi erstmals eine stationäre Medizinische Klinik errichtet, die unter dem Kardiologen Friedrich August Benjamin Puchelt, der die Anstalt von 1824 bis 1852 leitete, als innovative Lehrstätte aufblühte. Der zweite Akt der Poliklinik sollte hingegen erst 1856 beginnen – und von heftigen politischen Querelen begleitet sein, hatte doch der Mann der "zweiten Stunde" – Theodor von Dusch – zahlreiche Gegner in der Medizinischen Fakultät in Heidelberg, wo er sich 1854 habilitiert hatte.

Gleichwohl stand der gebürtige Karlsruher als Sohn eines Badischen Staatsministers auf bestem Fuße mit der Regierung, was sich auch an seiner Karriere erkennen ließ. So ernannte ihn das Ministerium am 27. Oktober 1856 zum außerordentlichen Professor und zwei Monate später zum Direktor der nun wieder selbständigen Medizinischen Universitäts-Poliklinik. "Die Professoren der Medizinischen Fakultät sahen es nur ungern, dass man über ihre Köpfe hinweg derart bedeutende Umgestaltungen vornahm. Ihre ablehnende Haltung wurde zusätzlich durch die Abneigung gegen Theodor von Dusch motiviert, die zwar mit fachlichen Argumenten begründet wurde, tatsächlich aber überwiegend politischer Natur war", schreiben hierzu Axel W. Bauer und Anthony D. Ho in ihrem Buch, das anlässlich des 200. Gründungsgeburtstages der Poliklinik erscheint.

Das von dem Designer Thomas Hoch mit zahlreichen farbigen Abbildungen des Fotografen Peter Dorn sehr ansprechend ausgestattete Werk soll aber nicht nur an den 200. Geburtstag der Klinik erinnern, sondern auch an den 20. Jahrestag der ersten autologen Blutstammzelltransplantation, die hier 1985 durchgeführt wurde. Dabei handelt es sich um eine Behandlungsmethode für bösartige Tumoren des blutbildenden Systems, bei der dem Patienten eigene (autologe) Stammzellen aus dem peripheren Blut entnommen werden, nachdem die Tumorzellen mit Hilfe einer Chemotherapie weitgehend vernichtet wurden. Im Anschluss an eine weitere Chemotherapie – und eventuell auch eine Ganzkörperbestrahlung – erhält der Patient seine eigenen Blutstammzellen zurück. Jedoch gilt es zu verhindern, dass mit dem zurückgegebenen Material auch überlebende Tumorzellen in den Körper gelangen, die die Erkrankung erneut zum Ausbruch bringen könnten.

Folglich müssen die Stammzellen zuvor gereinigt werden. Indes hat das autologe Verfahren unbestreitbare Vorteile, kommt doch die Blutbildung rasch wieder in Gang – gegen die eigenen Zellen entwickelt der Körper keine Immunreaktionen. Wie man sieht, hat die Heidelberger Poliklinik in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen weiten Weg zurückgelegt, und sich von einem Armenspital zu einer integrierten High-Tech-Institution ersten Ranges entwickelt. Seit 2004 ist die ehemals eigenständige Poliklinik als Fachabteilung der Medizinischen Klinik im Neuenheimer Feld lokalisiert.

Die Autoren haben den doppelten Jahrestag zweier zentraler Ereignisse – die gewissermaßen die Geschichte dieser medizinischen Institution "einrahmen" – zum Anlass einer umfassenden Dokumentation genommen, die in spannender Weise vom Weg einer bescheidenen, allgemeinmedizinisch orientierten Stadtpraxis des frühen 19. Jahrhunderts berichtet, aus der sich seit 1971 – damals unter der Leitung von Prof. Werner Hunstein – eine internistische Fachabteilung für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie entwickelt hat. Natürlich lief diese "Transformation" nicht ohne Höhen und Tiefen ab, wobei das oft recht schwierige Verhältnis der Poliklinik zur Medizinischen Klinik auch für Aufregungen sorgte.

20 Jahre Blutstammzelltransplantation

Gleichwohl übt die keineswegs zielgerichtete "Karriere" der 1805 gegründeten Institution ihren Reiz auf den Leser aus, der von dem Medizinhistoriker Prof. Axel W. Bauer fundiert in die Geschichte eingeführt wird, bevor Prof. Anthony D. Ho als derzeitiger Direktor der Abteilung Innere Medizin V einen Einblick in die aktuelle Struktur seiner Klinik bietet. Er geht in diesem Zusammenhang auch auf die Techniken moderner Blutstammzelltransplantation ein. – Den beiden Autoren gelang ein Werk, das der Geschichte wie der Gegenwart gleichermaßen einen Platz einräumt und folglich ein sehr adäquates Geschenk an eine Institution darstellt, die zwar erst mit dem zweiten Anlauf ihren Weg zum Erfolg heutiger Tage nehmen konnte, dessen ungeachtet aber Beachtliches erreicht hat.

Das Buch von Axel W. Bauer und Anthony D. Ho mit dem Titel "Nicht blos künstlich in einem Spitale – Zweihundert Jahre Medizinische Universitäts-Poliklinik Heidelberg und ihr Weg von der Stadtpraxis bis zur Blutstammzelltransplantation" kann ab Ende November direkt über die Abteilung Innere Medizin V (Tel. 06221/ 568001) bezogen werden.

Heiko P. Wacker

Im Hörsaal der Medizinischen Klinik (Im Neuenheimer Feld 410) findet zudem am 26. November aus dem doppelten Anlass des 200. Geburtstages und des 20. Jahrestag der ersten autologen Blutstammzelltransplantation ein Festakt mit wissenschaftlichem Symposium statt.



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse

Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
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