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29. November 2005

Prof. Dr. Alfred Bodenheimer als Erster Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien eingeführt

Hier seine Inaugurationsrede bei der heutigen Einführung in der Aula der Alten Universität in Heidelberg

"Kwod Harabbanim
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Weber,
Sehr geehrter Herr Ministerialdirigent Müller-Arens,
Sehr geehrter Herr Prorektor Prof. Chaniotis,
Sehr geehrter Herr Präsident des Kuratoriums der Hochschule Dr. Korn,
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Studierende, Freunde, Bekannte, Gäste, meine Damen und Herren,

Sie haben mir ein großes Amt übertragen. Als Professor Hommelhoff es mir im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland vor gut einem Jahr erstmals antrug und sich die Sache bei einem Treffen mit Dr. Korn in Frankfurt heute vor genau einem Jahr zu konkretisieren begann, hatte ich das Gefühl, man habe mir ein paar sehr große Schuhe hingestellt und wolle mich nun davon überzeugen, sie seien für mich maßgeschneidert.

Der Grund, weshalb mich die Aussicht auf dieses Amt von Anfang an nicht bloß interessiert, sondern geradezu elektrisiert hat, liegt in der Überzeugung, dass hier in Heidelberg in den kommenden zwanzig Jahren die geistige und soziale Geschichte des deutschsprachigen Judentums und auch der Präsenz jüdischen Forschens und Wissens in der deutschen und europäischen Gesellschaft prominent mitgeschrieben wird. Nie in den über sechshundert Jahren, da es in Europa Universitäten gibt, gab es hier eine auch nur annäherungsweise so massierte Präsenz von Lehrstühlen, die den verschiedenen Bereichen des Judentums gewidmet waren, notabene nicht im Sinn einer von der christlichen Theologie her philologisch denkenden Judaistik, sondern im Rahmen von Jüdischen Studien, die im Objekt ihres Interesses selbst die Legitimation ihres Forschens und Lehrens sehen.

Wenn wir es nicht schaffen, eine Agenda zu setzen, die in der jüdischen wie nichtjüdischen Gesellschaft die Beschäftigung mit dem Judentum kognitiv, analytisch und innovativ markant weiterbringt, wenn wir es nicht schaffen, einen stabilen Stamm von kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kaderstellen von Kultus, Verwaltung und Lehre der jüdischen Gemeinden heranzubilden, wenn wir nicht die deutschsprachigen Rabbiner der Zukunft hier auf ihr Amt vorzubereiten vermögen, wenn wir nicht die Katalysatoren eines fundierten Wissens um jüdische Belange in die deutsche Gesellschaft entlassen, dann käme das einer Kapitulation der ganzen Errungenschaften der Institution Universität im Bereich der Jüdischen Studien gleich.

Die Alternativen sind wenig ermutigend: Religion ohne das Wissen um ihre Kontexte, oberflächlicher Kult um ein leergewordenes Brauchtum, selbsternannte Deuter mit simplifizierenden oder esoterischen Botschaften im jüdischen, latent oder offen antisemitische Welterklärer oder aber blinder, für Projektionen und Enttäuschungen umso anfälligerer Philosemitismus im allgemeinen Bereich. Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum, wir sind Teil einer dynamischen Gesellschaft, deren Volatilität wir nicht unterschätzen sollten.

Aber, meine Damen und Herren, wir arbeiten hier nicht einfach mit dem Rücken zur Wand. Wir arbeiten vielmehr das Antlitz einem Horizont zugewandt, der tatsächlich Silberstreifen zeigt, und unsere Aufgabe ist es, diesem Horizont selbstbewusst entgegenzugehen und nicht vor ihm wegzulaufen in die Düsternis. Ich stünde nicht hier, wenn ich diesen Horizont nicht sehen würde. Mehr als jeder andere Entscheid in meinem bisherigen Berufsleben war derjenige, diese Hochschule zu leiten, ein Entscheid, den ich unabhängig von existentiellen Überlegungen angesichts höchst valabler Alternativen fassen konnte. Weshalb ich das getan habe, möchte ich Ihnen anhand der Vision zeigen, die ich für diese Hochschule habe.

Wir haben an diesem selben Ort unter der verdienstvollen Leitung von Prorektor Professor Manfred Oeming vor dreihundertvierundsechzig Tagen das 25jährige Jubiläum der Hochschule gefeiert. Blicken wir heute in die Zukunft auf die Zeit in vierundzwanzig Jahren, wenn wir das fünfzigste Jubiläum feiern werden: Dass die Hochschule für Jüdische Studien je ein über vier verschiedene Gebäude verteilter Flickenteppich war, werden dann vielleicht noch einige abtretende Professoren oder einige der Veteranen einer mehrhundertköpfigen, vor zweieinhalb Jahrzehnten herangebildeten Alumnigemeinde wissen. Das schmucke Gebäude, das dannzumal im Zentrum Heidelbergs die Hochschule beherbergen wird, ist in sich selbst längst zu einem Symbol für Jüdische Studien im Herzen deutscher und europäischer Wissenschaftstradition geworden. Über die dannzumalige Studentenzahl wage ich keine Prognosen zu machen, nur diese: Sie wird unsere heutige von rund 170 Studierenden klar übersteigen. In Heidelberg werden die Koryphäen der Jüdischen Studien aus mehreren Kontinenten einen ihrer beliebtesten Treffpunkte finden, an Kongressen und Kolloquien, von denen mindestens einer im Jahr stattfindet, wird die Crème de la Crème der Wissenschaft über Thesen sprechen, die die Agenda des Diskurses in der scientific community setzen.

Unsere Lehrpläne, einst mühsam genug internationalen Standards angeglichen, geben mit den anderen großen judaistischen Instituten in Israel und Amerika zusammen den Takt an. Unsere Buchpublikationen und die wissenschaftliche Zeitschrift Trumah sind Publikationsorgane, die ihre Texte in strenger Auswahl unter einem Andrang etablierter und hoffnungsvoller Autoren treffen. Museen, Medien, Kirchen, Schulen, Verantwortliche für Denkmalpflege, auch die Regierung, sie alle suchen und finden hier Expertinnen und Experten, die, in projektbezogenen Engagements oder als unverzichtbare Dauerkräfte, allgemeines wie spezifisches Wissen zum Judentum mitbringen. Entsprechend sind unsere Lehrer überall begehrte Leute, die ihrerseits eine Agenda im Bildungswesen für die Kinder und Jugendlichen setzen, die der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands als der drittgrößten Europas würdig ist.

Die mittlerweile fest etablierte Rabbinerausbildung vom Grundstudium bis zur Smicha, also der rabbinischen Ordination, sorgt nicht nur für eine Atmosphäre vorzüglicher Gelehrsamkeit in den jüdischen Quellen, religiöser wie säkularer jüdischer Kultur, sondern auch zu einer Dynamisierung des jüdischen Lebens in dieser Stadt, die selbst die dereinst, vor der Vertreibung und Vernichtung der hier ansässigen Gemeinde in der Shoah, weit übersteigt. Eine Dynamik, die auch der Gemeinde der Stadt neue Kraft verleiht, die vergessen lässt, dass es vor einigen Jahren noch nicht einmal ein tägliches Minjan, einen Gottesdienst mit der erforderlichen Zehnzahl, gegeben hat. Eine moderne, auch während der Semesterferien für die durch den Ruf der Hochschule und nicht zuletzt der Stadt selbst angezogenen jüdischen Touristen geöffnete koschere Mensa wird einer der Treffpunkte dieser jungen intellektuellen Elite sein, die im einvernehmlichen Miteinander verschiedener Denominationen vorlebt, was immer mehr Gemeinden in Europa und außerhalb als zukunftsweisende Form jüdischer Existenz begreifen.

Aus Heidelberg, dies ist jener Generation bekannt, kommen die Leute, die als Gemeindekader diesen Geist nach Deutschland und weit darüber hinaus tragen, in die neu erwachten Gemeinden Osteuropas etwa. Die von der Hochschule initiierten und geleiteten außerschulischen Ausbildungsprojekte für Jugendliche werden im jüdischen wie im nichtjüdischen Erziehungsbereich eine nicht wegzudenkende Rolle einnehmen. Dies, meine Damen und Herren, ist meine Vision für das Jahr 2029. Sie weiter auszuschmücken wäre kitschig, sie zu reduzieren kleinmütig und ein Eingeständnis an einen Skeptizismus, zu dem mir das kritische Format schlicht fehlt und immer gefehlt hat.

Nun kostet es mich wenig, hier Prunkbilder zu malen für eine Zeit, die mich im besten Fall gemeinsam mit meiner lieben Frau beim heiteren Aussuchen einer Nachemeritierungsresidenz bei den roten Bergen von Eilat sehen wird. Die Frage ist ja vielmehr, wie wir dahin gelangen werden. Das ist zunächst einmal eine Frage der Ausrichtung unserer Studiengänge: Wonach richten wir uns aus, wenn wir Studierenden das Fach Jüdische Studien einerseits als akademisches, andererseits als solches einer Befähigung zum Ausüben religiöser Tätigkeiten beibringen wollen? Entscheidend dabei ist zunächst einmal das, was wir an unserer Hochschule, etwa auch im Kriterienkatalog für Berufungen von Professorinnen und Professoren, die Innenperspektive nennen. Unabhängig von der Konfession der Dozierenden selbst ist es kardinal, dass ihre Wahrnehmung des Judentums dessen inneres Selbstverständnis trifft, dass der Blick sowohl auf Talmud und Bibelkommentare wie auch auf Kunst, Literatur oder Geschichte einer ist, der nicht nur die äußeren Umstände von deren Entstehen, sondern die inneren Anliegen in ihrer Zielrichtung und zugleich in ihrer Komplexität versteht.

Der zukünftige Rabbiner neben seiner Festigkeit in Talmud und Responsen wie die zukünftige Kuratorin eines jüdischen Museums in ihrer kunsthistorischen Kompetenz sollen im Bilde sein über die dialektischen Prozesse von Annäherung und Abgrenzung gegenüber einer gewöhnlich majoritären Umwelt, die das entstehen ließ, was wir historisch wie phänomenologisch betrachtet unter dem Etikett "Judentum" zusammenfassen. Hier ist unsere Kompetenz und unsere, wie man in der Schweiz zu sagen pflegt, unité de doctrine, gefragt. Unser diversifiziertes Angebot erlaubt es uns wie kaum einer anderen Institution, Jüdische Studien jenseits unspektakulär-konservativer oder rein punktueller Einführungen ins Fach in einer Dimension zu lehren, die jüdischen wie nichtjüdischen Studierenden einen Durchblick auf deren Vielschichtigkeit und Faszination vermitteln.

Im Alltag eines aufstrebenden Betriebs bedeutet dies harte, aber zielgerichtete Arbeit, mit einer klaren Aufgaben- und Kompetenzenverteilung, mit der Idee, die schon die Stadt Tel Aviv zur Metropole des östlichen Mittelmeers gemacht hat, wie Joachim Schlör in seinem schönen Buch über diese Stadt zeigt: Nämlich im eigenen Bewusstsein immer schon eine Runde bedeutender zu sein als in der sogenannten Realität. Wir haben heute eine Gemeinschaft von Dozierenden, die außer ihrer Lehre und Forschung auch Ressorts in der Administration betreuen, die somit Verantwortlichkeit, etwa für Qualitätssicherung und Selbstevaluation, für den Kontakt mit den Kultusverantwortlichen der Gemeinden, für eine kompakte Bündelung der Informationen über Forschungsprojekte und Drittmitteleinwerbung, um nur drei Beispiele zu nennen, mittragen und somit der Hochschule statt des Bildes vom Wasserkopf einer von Administration aufgeblasenen Verwaltung das eines an jeder Stelle beweglichen Muskelpakets geben.

Eine erste Kraftprobe haben wir bereits abgelegt: Innerhalb von rund sechs Wochen hat die Hochschule die erste Nummer ihres Magazins "Mussaf" vom ersten Konzeptentwurf bis zum in jeder Hinsicht hochprofessionellen Endprodukt hervorgebracht. Die zweite, weit schwierigere Kraftprobe steht bevor: Die Einführung des Bachelor-Studiengangs bis zum Beginn des Wintersemesters 2006/07 – nachdem wir erst vor wenigen Monaten definitiv beschlossen haben, dann schon soweit zu sein. Wir sind klein genug, um agil, groß genug, um als Kompetenzzentrum profiliert zu sein. Wir sind eine Gruppe qualifizierter Wissenschaftler, getragen vom Schub, über unsere eigene Forschung hinaus institutionell etwas zu schaffen, was größer ist als die Summe unserer einzelnen Potentiale. Wir werden, meine Damen und Herren, diese Begeisterung auf unsere Studierenden übertragen, und Sie werden die besten unter ihnen an zentralen Stellen unseres Kulturbetriebs, unserer Forschungsreinrichtungen, unserer politischen Schaltstellen und an den vorderen Fronten des religiösen Diskurses wiederfinden. Das Label Heidelberg, das dank unserer hervorragenden Universität eine akademische Weltmarke darstellt, soll in den jüdischen Studien sein Pendant in der Hochschule erhalten.

Das alles können wir nicht allein – und allein werden wir auch nicht gelassen. Unsere materielle Existenz sichern Bund und Länder, deren Vertrauen in unsere Arbeit und deren Unterstützung einer in angemessener Breite verstandenen Definition Jüdischer Studien allein schon uns Antrieb und Auftrag ist. Unseren Rückhalt als Trägerschaft bildet der Zentralrat der Juden in Deutschland, und ich sage hier umschweifslos, dass deren Vizepräsident und für die Hochschule verantwortliches Präsidiumsmitglied Dr. Salomon Korn diese Funktion des Rückhalts in hervorragendster, durch unbedingtes Engagement geprägter Weise wahrnimmt. Exemplarisch für seinen umfassenden, nicht nur mitdenkenden, sondern eben auch initiativen Einsatz zugunsten der Hochschule sei hier nur die Anregung und Organisationshilfe für die Heidelberger Hochschulreden genannt, in denen regelmäßig hervorragende Personen aus Wissenschaft, Kultur und Politik an der Hochschule sprechen werden. Eröffnet wird dieser Zyklus ebenfalls in diesem Raum am 7. Dezember durch Marcel Reich-Ranicki. Der in mannigfacher, wissenschaftlicher, organisatorischer, auch strategischer Hinsicht unverzichtbare Partner hier am Ort ist die Universität Heidelberg. Es ist nicht von ungefähr, dass deren Rektor, Professor Peter Hommelhoff, hier in einer Woche den Leo Baeck Preis des Zentralrats entgegennehmen wird. Er selbst, aber auch etliche Professoren und Mitarbeiter Ihrer Universität haben sich in großen Zügen und in unzähligen Details um das Wohl der Hochschule verdient gemacht und tun es täglich von neuem. Das Gastrecht, das uns heute und so oft in diesem Raum und anderen Räumen gewährt wird, ist wiederum ein nur kleines, wenn auch sehr augenfälliges Beispiel dafür. Und schließlich sei auch der Freundeskreis unserer Hochschule genannt, eine Gemeinschaft von großzügigen und interessierten Menschen und Institutionen, die uns in Heidelberg und darüber hinaus mittragen.

Nun weiß jeder, der auch nur für zwei Wochen einen vergleichbaren Betrieb geleitet hat, dass, selbst wenn der Himmel der Zukunft angeblich voller Geigen hängt, die Misstöne, die gesprungenen Saiten, die Fehlgriffe, die Fehlstimmungen und Dissonanzen, die Taktlosigkeiten und das Stocken des Rhythmus nicht fehlen. Leiter einer Hochschule zu sein, heißt, mit hochinteressanten Leuten innerhalb wie außerhalb dieser Institution über hochinteressante Projekte sprechen und sie zuweilen auch umsetzen zu können, es bedeutet aber auch zu einem guten Teil Kleinkram, wiederkehrende Diskussionen um erledigt geglaubte Fragen, Kommunikationspannen, Budgetkämpfe, die Beschäftigung mit ungeklärten Satzungs- und Prüfungsordnungsfragen, Härtefälle, Kompetenzgerangel, Beschwichtigungen hier und nachdrückliches Beharren dort. Auch wenn sich diese Probleme bei uns Gott sei Dank in Grenzen halten, sie sind Teil der Realität, des Alltags jeder Institution. Nicht zuletzt deshalb sehe ich meine Rolle als Erster Prorektor und Leiter der Hochschule auch darin, Katalysator zu sein, die Menschen nach innen wie nach außen miteinander im Gespräch zu halten und nach Lösungen zu suchen, zuweilen auch kraft meines Amtes mit nicht überall populären Entscheidungen den Schwarzen Peter zu übernehmen und eine Situation zu entscheiden oder zu entschärfen.

Fehler sind dabei mit programmiert, das ist in Kauf zu nehmen. Dennoch: Die Verwurzelung des Gedankens, dass wir hier an einem Werk arbeiten, das jeder und jede von uns, gleich an welcher Stelle der Hochschule sein oder ihr Platz ist, einst als sein Lebenswerk betrachten soll, ist, glaube ich, in den vergangenen Wochen beträchtlich vorangekommen. Und wo die Wurzeln sich festhaken, da wird ein fester Baum stehen. Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, noch eine letzte Frage ansprechen: Muss es in Deutschland, ausgerechnet in Deutschland, tatsächlich ein europäisches Kompetenzzentrum für jüdische Studien geben? Sie rechnen, da ich an diesem Festanlass diese Frage stellen, sicher mit meinem unkonditionierten und wohlbegründeten Ja. So klar aber kann meine Antwort nicht ausfallen.

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Heidelberg vor elf Jahren, als Jugendleiter, der eine Gruppe Schweizer Jugendlicher zu einem Sommerkurs an der Hochschule begleitete. Aus Basel gebürtig und dort aufgewachsen, war der Gang über die nahe Grenze in den Schwarzwald mir ein bekanntes Ausflugsziel. Auch in Berlin hatte ich zu Forschungszwecken schon mehrere Wochen verbracht. Hier aber in Heidelberg überkam mich zum erstenmal so etwas wie tiefe Wut und Trauer angesichts einer in ungebrochener Idylle weiter bestehenden Stadt, in der ich nur an der Stelle der früheren Synagoge eine Lücke klaffen sah. Und zugleich, in diese Wut und Trauer, mischte sich angesichts der Persönlichkeit des damaligen Rektors, Professor Julius Carlebach sel.A., in mir, dem damals frisch Doktorierten die Idee, hier, in Heidelberg, vielleicht selbst einmal diese Hochschule zu leiten, im besten Fall im Nachgang zu einer Karriere als älterer, anderswo, etwa in Israel, arrivierter Professor, der ich einmal zu sein hoffte.

Dass es nun so gekommen ist und doch ganz anders und dass ich heute diese Stadt in ihrer für mich unaufhebbaren Ambivalenz dennoch als ein mögliches Zentrum zukünftigen jüdischen Lernens wahrnehme, hat mit den Erfahrungen zu tun, die ich hier gemacht habe. Ich habe noch nirgends in Europa, selbst nicht im weltoffenen Basel, eine solche Begeisterung bei so vielen Menschen gespürt, jüdische Studien und jüdische Institutionen an ihrem Ort wachsen zu sehen. Menschen wie der leider abwesende Herr Rektor Hommelhoff und wie Sie, lieber Herr Kollege Löwe, stehen an der Spitze einer Bewegung, die die Förderung jüdischer Studien, jüdischer Religion, jüdischer Gemeinschaft in diesem Land aus tiefem Herzen betreibt, getragen nicht mehr vom sprichwörtlichen schlechten Gewissen einer früheren Generation, sondern von einer tiefen Sehnsucht, aus dem Brachfeld wieder zarte Keime zu ziehen, die sie nach Kräften zu pflegen und zu wässern helfen, ohne Ansprüche, ohne Forderungen, wie diese Sprösslinge zu wachsen hätten, nur in Sorge um das Gelingen ihres Dienstes. Heidelberg hat, vielleicht ahnte ich dies fast instinktiv schon bei meiner ersten ambivalenten Begegnung mit dieser Stadt, durch die Existenz dieser Hochschule und das daraus resultierende Engagement vieler seiner Gelehrten und Bürger eine Seele, nicht im melodramatischen Sinne des Lieds vom hier verlorenen Herzen, sondern im tief jüdischen Verständnis von Neschamah, einen tiefen belebenden Atem, über die atemberaubenden Aussichten des Ortes hinaus.

Den Schlussabschnitt dieser Rede sollen Worte des Dankes bilden. Es ist mein Dank an all jene, die hier noch nicht erwähnt worden sind und diesen tiefen Dank dennoch verdienen. Das sind zunächst die Mitarbeitenden der Verwaltung der Hochschule für Jüdische Studien, die nebst Veranstaltungen wie dieser auch den ganzen, komplexen Alltag mit seinen zahlreichen eingespielten Abläufen und oft genug auch unvorhergesehenen Überraschungen bewältigt und für Dozierende und Leiter der Hochschule, aber auch deren Studierende die Voraussetzungen sinnvoller Arbeit erst schafft. Damit meine ich ausdrücklich auch die Mitarbeiterinnen unserer Bibliothek. Mein Dank gilt ebenfalls unserer nebst dem Kuratoriumspräsidenten wichtigsten Ansprechperson beim Zentralrat, den Generalsekretär Herrn Stefan Kramer und seinen Mitarbeitern, die sich, nebst ihrer Belastung mit tausend anderen Dingen, auch der Hochschule und ihren Anliegen mit Umsicht und Wohlwollen annehmen – ich hoffe, wie Sie auch, Herr Kramer, dass es eine neue Strukturierung der Verwaltung unserer Hochschule bald erlauben wird, Sie zu entlasten. Ich danke ebenso den Herren Bernhard Schmidt und Marcel Lang für die wunderbare musikalische Umrahmung dieses Anlasses. Dass Du, lieber Marcel, dessen Chasanut ich seit Jugendjahren in Basel erleben durfte und heute auch immer wieder in Zürich genieße, heute in Deiner Funktion als Lehrbeauftragter der Hochschule, aber eben auch als persönlicher Freund diesen Anlass begleitest, bedeutet mir viel.

Schließlich möchte ich meinen Dank an Sie alle richten. Meine sehr verehrten Damen und Herren, durch Ihr Kommen haben Sie mir, aber auch der Hochschule für Jüdische Studien eine besondere Ehre erwiesen. Ich möchte Ihnen, über den Kreis der Mitarbeiter unserer Hochschule hinaus, versichern, dass wir alles tun werden, um, mit Gottes Hilfe, ihres Vertrauens und unseres Selbstvertrauens würdig zu sein. Für Ideen und Vorschläge sind wir offen, denn bloß im eigenen Saft schmorend werden wir unsere Ziele nicht erreichen. Sie alle sind Träger unseres Erfolgs. Nicht zuletzt dafür danke ich Ihnen" (Prof. Bodenheimer).



Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Alfred Bodenheimer
ursula.beitz@hfjs.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse




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