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6. Oktober 2005

Auf der Spur eines Geheimnisses aus Pergament

Die Forschung vorangetrieben: Das Heidelberger Seminar für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit untersucht den Klosterplan von St. Gallen

Er ist eines jener Artefakte vergangener Zeiten, die man einfach kennt – ohne es je im Original gesehen zu haben. Denn zweifelsohne ist der in der dortigen Stiftsbibliothek sicher aufbewahrte, um 825 entstandene Klosterplan von St. Gallen eines der bekanntesten Pergamentstücke der Welt. Genau betrachtet handelt es sich um ein 77,5 mal 112 Zentimeter messendes Pergament – bestehend aus fünf großen, zusammengenähten Einzelstücken –, das auf der einen Seite den Grundriss eines Klosters zeigt und auf der anderen die Vita des heiligen Martin von Tours, die im späten zwölften Jahrhundert niedergeschrieben wurde. "So ganz kamen die Schreiber nicht aus mit dem Platz auf der Rückseite, so dass sie ein Stück des Plans – ungefähr ein Sechzehntel der Planzeichnung ging hierbei verloren – radieren mussten, um das Ende der Martinsvita unterzubringen", erklärt Prof. Walter Berschin, Direktor des Heidelberger Seminars für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit.

Exkursion einer internationalen Mittellateinergruppe aus Heidelberg (links) unter Leitung von Prof. Berschin zur Kapitelsbibliothek von Verona und (rechts) der um 825 auf der Insel Reichenau entstandene Klosterplan von St. Gallen

Exkursion einer internationalen Mittellateinergruppe aus Heidelberg (links) unter Leitung von Prof. Berschin zur Kapitelsbibliothek von Verona. An der Handschrift XIII(11) dieser ältesten noch existierenden Dombibliothek wird die Buchtechnik eines spätantiken "antiquarius" namens Eutalius erläutert. Foto: Schwedler

Der um 825 auf der Insel Reichenau entstandene Klosterplan von St. Gallen (rechts)ist ein unersetzliches Objekt und zählt zu den bekanntesten Pergamentstücken der Welt. Das 77,5 x 112 Zentimeter messende Unikat zeigt auf einer Seite den Grundriss eines Klosters. Foto: Homepage der Stiftsbibliothek St. Gallen; www.stibi.ch


Er befasste sich mit den Studierenden seines Seminars intensiv mit dem Klosterplan. Möglich war dies durch die Zusammenarbeit mit der Stiftsbibliothek in St. Gallen, dem Stiftsarchiv sowie dem dortigen Historischen Verein. Neben dem Klosterplan finden sich in der Stiftsbibliothek übrigens noch andere Preziosen wie der Folchart-Psalter aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhundert oder einige Fragmente der ältesten Fassung der Vulgata-Übersetzung aus dem ersten oder zweiten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts. Der Klosterplan ist bei weitem nicht das älteste Stück der Sammlung. Aber doch das bekannteste.

"Dass er überhaupt noch existiert, ist ein Glücksfall", betont Berschin, der daran erinnert, dass solche doch recht unhandlichen Pergamente nicht nur zur Niederschrift späterer Texte genutzt, sondern meist auch in kleinere Stücke zerschnitten wurden, die sich leichter in den Bibliotheken lagern ließen. "Der Klosterplan jedoch wurde nur mehrfach gefaltet", freut sich der Wissenschaftler, dem es bei der Untersuchung des Plans vor allem auf die zahlreichen Beischriften ankommt, von denen einige erstmals im Jahre 1604 veröffentlicht wurden. Exakt hundert Jahre später dann publizierte Jean Mabillon, ein gelehrter Benediktiner, den Plan – wenn auch fehlerhaft. Selbst 1844 schlichen sich in die keineswegs maßstabsgetreue Wiedergabe im Steindruckverfahren durch Ferdinand Keller noch Fehler ein. "Erst 1951 bewegte sich etwas – dank des Historischen Vereins von St. Gallen, der eine genaue Faksimilewiedergabe in den originalen Farben anstieß. Den Offsetdruck verdanken wir Johannes Duft, der der modernen Forschung am Klosterplan dadurch die Tür öffnete", erinnert sich Berschin.

Diese Forschung wurde in den letzten Jahren maßgeblich in Heidelberg vorangetrieben. So konnte belegt werden, dass es sich bei dem Plan nicht um eine Kopie, sondern um ein einmaliges, auf der Insel Reichenau entstandenes Werk handelt, das gleich zwei Verfasser hatte. Diese Tatsache wurde schon in den 50er Jahren herausgefunden. "Auf der Planzeichnung finden sich zum einen alemannische Minuskeln, die sich zweifelsfrei dem Reichenauer Bibliothekar Reginbert zuordnen lassen, und zum anderen karolingische Minuskeln", erklärt Berschin die Detektivarbeit seiner Fachkollegen von damals.

"Es ist also klar, dass der Plan auf der Reichenau entstand, und dann erst nach St. Gallen geschickt wurde... Damit wird aber auch klar, dass der Plan nie für einen Kaiser wie Ludwig den Frommen gedacht war. Es lässt sich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Abt Gozbert von St. Gallen der Adressat war – oder sein gleichnamiger, an allen literarischen Unternehmungen des Klosters beteiligter Neffe. Der Widmungsbrief spricht nur von einem Gozbert – doch ohne diesen mit einem Titel näher zu definieren. Bei dem Plan kann man folglich wohl eher von einer ‚Übung' im weitesten Sinne sprechen. Denn auch als Bauplan diente er nicht – auch wenn er dem Betrachter wie die architektonische Umsetzung der Regula Benedicti erscheinen mag, also wie eines Ortes des Betens und auch des Arbeitens. Für die Realisierung einer solchen Klosteranlage wäre jedoch in St. Gallen, das in rund 700 Metern Höhe liegt, überhaupt kein Platz gewesen", schränkt Berschin ein.

Im Gegenzug jedoch eröffneten sich mit dieser Erkenntnis ganz neue Forschungsansätze. In Heidelberg ging man nun einen Schritt weiter und widmete sich den lateinischen Texten. "Und davon findet man nicht weniger als 334!" Darunter sind 40 Gedichte zwischen einem und vier Versen, 293 Prosainschriften – und der Widmungsbrief an Gozbert von St. Gallen: "Dir, liebster Sohn Gozbert, habe ich diese knappe Aufzeichnung einer Anordnung der Klostergebäude geschickt, damit Du daran Deine Findigkeit üben und jedenfalls meine Anhänglichkeit erkennen mögest", übersetzt der Mittellateiner Berschin. "Der Klosterplan ist also mehr ein gelehrtes Spiel und eine Wortschatzübung zur Terminologie eines Klosterbaus als ein konkret zu verwirklichender Bauplan."

Beachtliche "Exportleistung" erzielt

Dies erklärt auch die auffällige Verwendung von jeweils zwei Begriffen für eine einzige Sache. "Der Rauchabzug wird als ‚exitus fumi' und als ‚euaporatio fumi' bezeichnet oder das Bier als ‚ceruisia' und als ‚celia'. Alles in allem finden sich mehr als 100 solcher Stellen im Plan." Bedenken muss man, dass in jenen Jahren um 825 intensiv an der lateinischen Sprache gearbeitet wurde. 75 Prozent aller wichtigen lateinischen Grammatikhandschriften stammen aus dieser Zeit, die ganz im Zeichen der karolingischen Renaissance stand, die eine gewaltige Erneuerung des Geisteslebens im Karolingerreich bedeutete. Hauptinitiator der Anknüpfung an spätantike – aber auch altchristliche – Vorbilder war Karl der Große, der die Ausformung einer Kultur des werdenden Abendlandes anstrebte.

Erst vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Klosterplans deutlich, dem es auch heute noch viele Details abzugewinnen gilt. "Die Sache mit den doppelten Wortbenutzungen fand übrigens eine Italienerin heraus, die 2000 in meinem Seminar saß. Das zeigt, wie stark der studentische Nachwuchs in unserer Disziplin von Anfang an in die Lehre eingebunden wird", betont Berschin die Vorteile des kleinen Seminars, an dem rund 25 Studierende eingeschrieben sind. Allerdings nehmen an den Paläographie- und Neulateinübungen des Seminars auch Studenten anderer Fächer teil, während viele Historiker hier ihre Lateinkenntnisse verbessern. Somit ergibt sich eine beachtliche "Exportleistung" des Seminars, das unter den etwa 50 Universitäten, die weltweit Mittellatein anbieten, in der ersten Reihe steht.

"Die Arbeit jedenfalls wird uns auf Jahre hinaus nicht ausgehen. Denn von den rund 500000 weltweit noch vorhandenen lateinischen Handschriften und Fragmenten sind gerade mal 20 Prozent wissenschaftlich komplett erschlossen", erklärt Walter Berschin. "Und selbst wenn dies der Fall ist, gibt es immer noch Neues zu entdecken, wie der Klosterplan zeigt. Denn der trägt sicherlich noch manches Geheimnis in sich. Gerade das ausradierte Feld bietet noch genügend Spielraum für Spekulationen, die möglicherweise durch moderne Methoden der digitalen Bilderkennung erhärtet oder verworfen werden können. Und auch das Pergament selbst lässt sich vielleicht in 20 oder 40 Jahren in ganz anderer Art und Weise analysieren", blickt der Seminardirektor in die Zukunft. "So lange es den Klosterplan gibt, wird die Wissenschaft ihm neue Erkenntnisse abgewinnen können. Ein Original ist nämlich nicht nur unersetzlich, sondern auch unerschöpflich."

Heiko P. Wacker



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