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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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22. Oktober 2005

Europa und die USA

Festvortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker, Gründungsdirektor des Heidelberg Center for American Studies aus Anlass der Jahresfeier der Universität Heidelberg am 22. Oktober 2005

Magnifizenz, verehrte Gäste,
jeder weiß, dass das Verhältnis der einzig verbliebenen Supermacht der Welt, der Vereinigten Staaten von Amerika, zu einem sich erweiternden und vertiefenden Europa großen Spannungen unterworfen ist. Der Graben über dem Atlantik ist seit dem 11. September 2001 breiter geworden. Auf beiden Seiten des Atlantiks gibt es in der Politik, den Medien und den Denkfabriken, in verschiedenen Wissenschaften und auf transatlantischen Symposien eine selbst für den Spezialisten kaum noch zu überblickende Diskussion über die Symptome und die Ursachen dieser Krise; gekoppelt mit unsicheren Versuchen, die Zukunft dieser Beziehung zu prognostizieren.

Ich selbst bin Berufshistoriker, d.h. ich handele gleichsam von Berufs wegen mit langfristigen Perspektiven. Das möchte ich auch heute Morgen tun. Ich werde daher versuchen, eine Ortsbestimmung des gegenwärtigen Verhältnisses der USA zu Europa auf historischer Grundlage zu leisten. Denn nur im Rahmen langfristiger Analysen können wir, so meine feste Überzeugung, in der uns täglich überschwemmenden Informationsflut Wichtiges von Unwichtigem, Bleibendes vom Tagespolitischen unterscheiden.

Einen solchen Versuch im Rahmen der mir gegebenen 45 Minuten zu wagen, führt selbstverständlich zu Zuspitzungen, gelegentlich müssen Sie die Behauptung für den Beweis nehmen. Dafür bitte ich um Nachsicht.

Ich werde das Verhältnis der Alten Welt zu Neuen Welt von der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahre 1776 bis zur Gegenwart unter drei Leitmotiven analysieren.

I. Die Europäisierung der USA (von 1776 bis zum Ersten Weltkrieg)
II. Die Amerikanisierung Europas (von 1917 bis zum Ende des Kalten Krieges)
III. Die Marginalisierung Europas? (Die Hypermacht USA und die Präsidentschaft George W. Bushs seit dem 11. September 2001)

Ich beginne also mit meinem ersten Teil, der Europäisierung der USA.

Das überragende Phänomen der nordamerikanischen Kolonien seit 1607, dann der Innen- und Außenpolitik der USA seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776 war die Expansion nach Westen: durch Besiedlung und Erschließung, durch Kauf und Abtretung, aber auch durch Rechtsbruch und Infiltration, durch Krieg und Massaker. Die USA expandierten mit einer Dynamik, Geschwindigkeit und Intensität, die keine Parallele in der Weltgeschichte hat. Diese erfolgreiche territoriale Expansion nach Westen war zugleich die wichtigste Ursache für den Aufstieg der dreizehn Kolonien am atlantischen Ozean zur Weltmacht im Jahre 1917.

Schon die Gründung des Staates war ein Zeichen der zukünftigen Entwicklung. Der Frieden von Paris im Jahre 1783 brachte nicht nur die Unabhängigkeit der dreizehn Kolonien, sondern auch eine Verdoppelung des Staatsgebietes bis zum Mississippi. In den Jahren 1803 und 1848 verdoppelten die Amerikaner ihr Territorium noch zweimal. Damit waren sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts am Pazifik. Die Richtung weiterer Expansionen – Ostasien und die Karibik – waren vorgezeichnet.

Diese Ur-Erfahrung von Dynamik, Expansion und Fortschritt hat die amerikanische Gesellschaft und den Charakter der Amerikaner geprägt, sie möglicherweise, so eine provokative Theorie, genetisch auf Dynamik und Expansion programmiert. Ein stationäres Leben gehört noch heute nicht zum amerikanischen Traum und dem "American way of life", obwohl natürlich Millionen von Amerikanern, freiwillig oder gezwungen, stationär leben.

Diese Expansion nach Westen und der Aufstieg zur Weltmacht waren, so meine erste Hypothese, in einem hohen Maße das Ergebnis einer Europäisierung der USA. Damit können wir vielleicht die größte Paradoxie der Kolonien und der USA vom 17. bis 19. Jahrhundert formulieren. Einerseits waren die USA eine Schöpfung Europas, seiner Menschen, seines Kapitals, seiner Ideen und Institutionen, vor allem auch seiner Politik. Andererseits gelang es den Amerikanern, selbständig zu werden, eine eigene Identität gerade in Abgrenzung zu Europa zu entwickeln und die alten Kolonialmächte Frankreich, England und Spanien vom nordamerikanischen Kontinent zu vertreiben. Aus Europäern wurden Amerikaner.

Eine Schöpfung der Menschen Europas: Nach Schätzungen lebten 1770 im anglo-amerikanischen Nordamerika 1.660.000 Weiße europäischer Herkunft und 450.000 Schwarze aus Afrika, die Sklaven der Gesellschaft, die durch die europäischen Sklavenhändler in die Neue Welt transportiert worden waren, vorausgesetzt natürlich, sie überlebten die Passage. Von 1820 – in diesem Jahr begann die offizielle Zählung – bis zum Jahre 2003 nahm das Land fast 69 Millionen Einwanderer auf, bis 1910 waren über 27 Millionen immigriert, davon aus Europa über 25 Millionen. Heute haben die USA fast 300 Millionen Einwohner, wegen der gerade in den letzten Jahren sprunghaft angestiegenen, illegalen Einwanderung kann die genaue Zahl niemand angeben.

Eine Schöpfung des europäischen Kapitals: Die Anlage europäischen Kapitals im großen Stil begann in den 1860er Jahren, als für die Erschließung des Kontinents durch die Eisenbahn Summen benötigt wurden, die in den USA selbst nicht aufgebracht werden konnten. Daneben trug im 19. Jahrhundert europäisches Kapital nicht unerheblich zur Bildung und zum Wachstum der amerikanischen Konzerne bei.

Auch die Königreiche der Viehzüchter, die "cattle kingdoms" in den Hochebenen des Westens und den Staaten der Rocky Mountains, waren in erster Linie auf europäischem und Ostküstenkapital aufgebaut, wie wir, eine Gruppe Heidelberger Dozenten und Geschichtsstudenten, vor einem Monat auf unserer Exkursion in den amerikanischen Westen lernen konnten. Der unabhängige Cowboy, der von irgendwo erscheint, in einen Ausbruch heroischer Gewalt verwickelt wird und einsam in den Sonnenuntergang davonreitet, ist ein gewinnbringender Mythos. Die Kuhjungen hingen am Tropf des europäischen und des Ostküstenkapitals, waren in der Regel straff, fast militärisch in Gruppen organisiert. Nur so konnten sie die riesigen Viehherden über große Distanzen zu den Verladebahnhöfen der Eisenbahnen treiben, die das Vieh in die Schlachthöfe Chicagos und anderer Städte transportierten. Von dort wurde das Fleisch nach Europa exportiert. Im deutsch-französischen Krieg von 1871 lebten die Armeen beider Seiten vom Fleisch aus Wyoming. Vor 1914 war Großbritannien der größte Anleger von Kapital, gefolgt von Deutschland, den Niederlanden und Frankreich.

Eine Schöpfung der europäischen Ideen: Auch die politische Kultur der Nordamerikaner, ihr Selbstverständnis, ihre Institutionen, besonders ihr Recht und ihre Verfassungen, die technisch-industrielle Revolution und kapitalistische Wirtschaftsform des Landes sind zutiefst von Europa geprägt worden, ganz besonders durch Großbritannien. Diese Aussage gilt unbeschadet des Homerischen Streites darüber, wie dieses europäische Erbe durch die amerikanische Natur, die Konflikte mit den indigenen Stämmen und die eigene geschichtliche Erfahrung eingeschmolzen und ein "neuer Mensch", eine "neue Gesellschaft", eine "neue Welt" geschaffen wurden.

Wenn es auch falsch wäre, die USA im 18. und 19. Jahrhundert für ein Anhängsel, eine Provinz Europas zu halten, so wird andererseits aus einer Außenperspektive, etwa aus einem asiatischen, nahöstlichen oder afrikanischen Blickwinkel, sofort deutlich, wie sehr die USA Teil des europäisch-nordamerikanischen Westens sind. Antikes Vorbild und christliche Religion, protestantisches Arbeitsethos, Aufklärung und Rationalisierung, die Trennung von Staat und Kirche, Industrialisierung und Kapitalismus, die Amerika bestimmenden politischen Ideen wie Liberalismus und Demokratie, Individualismus, Konstitutionalismus und Föderalismus, Grundrechte und Gewaltenteilung – alles das ist ohne Zweifel Bestandteil einer gemeinsamen westlichen und atlantischen Tradition.

Auch die zivilreligiöse Sendungsidee der Freiheit, deren letzte Inkarnation uns in Präsident George W. Bush entgegentritt, ist seit der Amerikanischen Revolution ein selbstverständlicher Teil der amerikanischen Identität, und sie ist ohne Zweifel europäischen Ursprungs. Denn diese Sendungsidee ist eine Verschmelzung von Christentum und Aufklärung, von Christentum und demokratischer Mission, die die besondere Zivilreligion Amerikas hervorgebracht hat: eine unverwechselbare Mischung aus christlichem Republikanismus und demokratischem Glauben. Die USA seien, so hat man gesagt, eine Nation mit der Seele einer Kirche. Die geistigen Wurzeln George W. Bushs liegen in "Old Europe", wenn auch die besondere Mischung sehr amerikanisch ist.

Schließlich die USA als Schöpfung der europäischen Politik: Die Expansion der von Europa geprägten Nation entwickelte sich nicht in einem Vakuum der internationalen Machtpolitik, nicht in einer splendid isolation, sondern in einem von Europa dominierten Weltsystem. Der Weg der USA zur Großmacht musste deshalb gegen die Interessen und gegen die Politik der drei alten europäischen Kolonialmächte in der westlichen Hemisphäre durchgesetzt werden, gegen Frankreich, Spanien und vor allem gegen Großbritannien, seit dem Ende der Napoleonischen Kriege unbezweifelbar die Weltmacht Nummer eins, weil es die Weltmeere beherrschte und zugleich das Gleichgewicht der Kräfte in Europa aufrechterhalten konnte.

In diesen Konflikten mit den Europäern machten die Amerikaner eine Grunderfahrung, die ihre Politik gegenüber den einzelnen europäischen Nationalstaaten bis heute prägt. Sie konnten ihre eigenen Interessen immer dann am besten durchsetzen, wenn die Europäer untereinander zerstritten waren. Das bewusste oder glückhafte Ausnutzen der Rivalitäten der europäischen Großmächte untereinander zum Nutzen der USA ist deshalb ein zentraler Aspekt des Aufstiegs der USA schon vor 1917. Die oft kommentierte Ankündigung von Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice nach dem Beginn der US-Invasion im Irak, gegenüber den Europäern eine Politik des "Teile und Herrsche" zu betreiben, ist daher älteste amerikanische Erfahrung. Sie hatte empfohlen, Frankreich zu bestrafen, Deutschland zu ignorieren und Russland zu vergeben. Nebenbei: Die Reaktionen darauf, die Achse Chirac-Schröder-Putin, ist schon wieder vom Winde verweht.

Die USA lagen also im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Rande des europazentrischen Weltsystems. Die europäischen Nationen hielten die Kriege und Konflikte untereinander in der Regel für wichtiger als die Eindämmung der aufsteigenden Großmacht in der westlichen Hemisphäre. Wenn es denn historische Gerechtigkeit gäbe, müssten die öffentlichen Plätze der USA übersäht sein mit Denkmälern Ludwigs XVI. und Napoleons I. Ohne den Bündnisvertrag von 1778, ohne den Louisiana Purchase von 1803 und den französisch-englischen Weltgegensatz im Zeitalter Napoleons hätten die Kolonisten sich in den beiden Unabhängigkeitskriegen gegen Großbritannien von 1776-1783 und von 1812-1814 nicht behaupten können. Erst nach dem Bürgerkrieg waren die USA für die nächsten hundert Jahre, bis zur Erfindung der Interkontinentalraketen, in einer sicherheitspolitischen Lage, die schon die Bewunderung und den Neid Bismarcks hervorrief: Im Norden ein schwaches Kanada, im Süden ein schwaches Mexiko, im Osten Fische und im Westen Fische.

Was war bis 1914 das weltgeschichtliche Ergebnis dieser Europäisierung der USA? Zusammenfassend lässt sich das besondere Gewicht der USA in der Weltpolitik und Weltwirtschaft vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs so bestimmen: Jenseits des nordamerikanischen Kontinents, den die Nation ohnehin dominierte, besaßen die USA ein Imperium in der Karibik und im östlichen Pazifik, darüber hinaus die im Konfliktfall nicht zu haltenden Philippinen. In ganz Lateinamerika konkurrierten die USA besonders mit Großbritannien, dem Deutschen Reich und Frankreich um wirtschaftlichen Einfluss. Zum eurasischen Doppelkontinent hingegen hielten die Amerikaner vor 1914 militärisch und politisch Distanz.

Noch galten die Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1823 – eine gegenseitige, amerikanisch-europäische hands-off-Erklärung – und die Überzeugung der Gründungsväter, zwar mit der ganzen Welt Handel zu treiben, aber auf keinen Fall verstrickende Bündnisse ("entangling alliances") einzugehen, die den USA die freie Hand nehmen könnten. In Asien waren die USA den Prinzipien der offenen Tür verpflichtet, aber nicht gewillt, dort militärisch einzugreifen. Dafür benötigte das Land, so der Friedensnobelpreisträger Theodore Roosevelt, eine Flotte so groß wie die englische und ein Heer so groß wie das deutsche. Beides hatte das Land nicht.

Auf der anderen Seite waren die USA schon vor dem Ersten Weltkrieg die führende Wirtschaftsmacht der Erde. 1913 hatte das Land einen Anteil an der Weltindustrieproduktion von 35,8 %. Allerdings hatten die USA die führende Rolle Großbritanniens als Zentrum des Welthandels noch nicht erschüttert, das war erst ein Ergebnis des Ersten Weltkrieges.

Damit komme ich zu meinem zweiten Leitmotiv: Die Amerikanisierung Europas von 1917 bis zum Ende des Kalten Krieges.

Zunächst einige Bemerkungen zum Begriff "Amerikanisierung". Nicht nur Bücher, sondern auch Begriffe haben ihre Schicksale. Letztere treten zu einer bestimmten Zeit in das öffentliche Bewusstsein, ihr gemeinter Sinn verändert sich, ihr Gebrauch kann regional begrenzt sein oder sich, wie beim Terminus "Amerikanisierung", globalisieren. Denn der Aufstieg der USA zur einzig verbliebenen Supermacht der Welt im 20. Jahrhundert wurde begleitet von einer ebenfalls globalen Perzeptionsgeschichte durch die von amerikanischem Vorbild und Einfluss, von amerikanischer Hegemonie und Herrschaft betroffenen Nationen, Regionen, Gesellschaften und politischen Systeme der Welt; und zwar in Europa, Asien, Lateinamerika, Australien und Afrika. Die "Amerikanisierung" Europas ist also Teil der Amerikanisierung der Welt.

Es ist deshalb nicht zufällig, sondern entspricht der Logik der Sache, dass für die Popularisierung des Begriffs "Amerikanisierung" immer wieder auf den britischen Journalisten William T. Stead verwiesen wird. Er publizierte 1901 ein Buch mit dem Titel "The Americanization of the World". In prophetischer Vorwegnahme der Zukunft gab er seinem Buch den Untertitel: "The Trend of the Twentieth Century". Es wurde umgehend in die deutsche und französische Sprache übersetzt.

Jeder weiß, dass lokale, regionale und nationale Identitäten sich an Freund- und Feindbildern schärfen. Deshalb stehen der Begriff "Amerikanisierung" und die damit gemeinten Sachverhalte in allen Regionen der Welt im Zentrum von Identitätsdebatten. Ganz Lateinamerika zum Beispiel bespiegelt sich selbst in der Auseinandersetzung mit dem Koloss aus dem Norden; große Teile des Islam, nicht nur die islamischen Fundamentalisten, finden ohne die Externalisierung des Bösen, ohne die Projektion des Bösen auf das Symbol der westlichen Moderne, eben die USA, nicht zu sich selbst. In vielen Ländern Asiens sind die USA Vorbild und Schreckbild zugleich. Wer die in Umfragen dokumentierte öffentliche Meinung in Europa und die veröffentlichte Meinung der Gegenwart verfolgt, besonders zu der Regierung Bush, könnte zu dem Schluss kommen, dass Europa ohne einen begrenzten Konflikt mit den USA nicht zu einer militärischen, politischen und kulturellen Identität finden kann; Europa also den umgekehrten Prozess durchlaufen müsse, wie die USA im 18. und 19. Jahrhundert.

Weil also der Begriff "Amerikanisierung" überall in der Welt untrennbar in die Identitätsdebatten der von der Amerikanisierung betroffenen Regionen und Völkern verwoben ist, ist er für die meisten Menschen ein politischer Kampfbegriff. Deshalb haben die Wissenschaftler auch Mühe, die beschreibenden und erklärenden Elemente dieses Terminus von seinen normativ-vorschreibenden Bestandteilen zu trennen. Oder anders ausgedrückt: Der Begriff "Amerikanisierung" ist in der Realgeschichte sehr oft pro- oder antiamerikanisch aufgeladen.

Ich selbst möchte diesen Begriff heute nur in beschreibender und erklärender Absicht benutzen. Unter der Amerikanisierung Europas sei ganz einfach der politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Einfluss verstanden, den die USA im 20. Jahrhundert auf Europa ausgeübt haben. Genauso hatte ich in meinem ersten Teil den Begriff "Europäisierung Amerikas" benutzt. Bei allen wechselseitigen Einflüssen und Interdependenzen, bei allen zirkulären Prozessen, die es im amerikanisch-europäischen Verhältnis auch immer gegeben hat, will diese Unterscheidung doch andeuten, dass vom 17. bis 19. Jahrhundert der dominierende Einfluss von der Alten in die Neue Welt, im 20. und 21. Jahrhundert von der Neuen in die Alte Welt gegangen ist.

Da man die gesamte Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts unter dem Leitmotiv der Amerikanisierung analysieren könnte, ist es selbstverständlich, dass ich dazu nur einige Bemerkungen machen kann. Sonst säßen wir heute Nachmittag noch hier, was sicherlich nicht im Sinne unseres Rektors wäre.

Ich beginne mit jenem Bereich der Amerikanisierung Europas, der im allgemeinen Bewusstsein der Gegenwart vermutlich am stärksten mit diesem Begriff assoziiert wird und der Generationen anti-amerikanischer Kritiker auf den Plan gerufen hat: nämlich den Einfluss amerikanischer Ideale, Kulturgüter und Produktionsformen im allgemeinen, der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und Populärkultur im besonderen. Nicht zufällig sprachen die französischen Intellektuellen anlässlich der Eröffnung des Euro-Disneyland in der Nähe von Paris von einem kulturellen Tschernobyl. Das hindert das gemeine Volk Frankreichs aber nicht daran, diesen Park nach erstem Zögern fleißig zu besuchen. Der Filmproduzent Wim Wenders ließ schon 1976 in einem Film verkünden: "Die Amis haben unser Unbewusstes kolonisiert."

In keinem Bereich der europäischen Amerika-Diskussion toben sich so viele anti-amerikanische Vorurteile aus, gibt es so viel Anti-Amerikanismus von links und von rechts, werden von europäischen Intellektuellen und von Teilen des europäischen Bürgertums so viele Güter des Abendlandes verteidigt, wird seit 200 Jahren so inbrünstig zwischen amerikanischer Zivilisation und europäischer Kultur geschieden, wie in der leidenschaftlichen Debatte um den kulturellen Einfluss der USA auf Europa. Ungeachtet der Kritik scheint offenbar gegen die "globale, massenkulturelle Ökumene amerikanischer Prägung" kein Kraut gewachsen zu sein, gegen die, wie es ein Historiker formulierte, "final banal idiocy of the reversed baseball cap." Die mit der US-Populärkultur transportierten Botschaften – Freiheit, Unabhängigkeit, Weite, Konsum und Sexualität – scheinen globale Wunschträume zugleich zu repräsentieren und zu begründen.

Auch im Bereich der sogenannten Hochkultur ist der Export amerikanischer Ideen nach Europa nicht zu unterschätzen. Das gilt im Bereich der Wissenschaft und Technik ebenso wie in der Literatur und in den Künsten. Im globalen Wettbewerb der besten Hochschulen der Welt um die besten Forscher und Studierenden, im "global brains business", liegen die USA weit vorn. Nach einem Report des "Economist" vom 17. September dieses Jahres gehören zu den besten zwanzig Universitäten der Welt siebzehn amerikanische, zwei britische und eine japanische. To be sure, at Heidelberg University we are catching up.

Der Erste Weltkrieg war die Ursünde Europas und der Vater vieler Dinge. Er war auch, das ist mein nächster Aspekt, der Beginn der wirtschaftlichen Amerikanisierung Europas. Die USA wurden durch den Ersten Weltkrieg zur stärksten Wirtschaftsmacht der Erde mit weltweiten Handelsinteressen und einer globalen Außen- und Wirtschaftspolitik. In den Zwanziger Jahren vergrößerten Sie Ihren Vorsprung als Produzent, sie wurden zum größten Exporteur und zum größten Verbraucher von Rohstoffen. Der Anteil an der Weltproduktion industrieller Güter wuchs von 1925-1929 auf durchschnittlich 45 %. Das Nationaleinkommen der USA war, in Dollar gemessen, ebenso hoch wie das der nächsten 23 Nationen zusammen. New York wurde neben London zum zweiten Finanzzentrum der Welt, das Weltwirtschaftssystem wurde bizentrisch, wenn nicht sogar amerikazentrisch. Der für den Welthandel und für das amerikanisch-europäische Verhältnis vielleicht folgenreichste Faktor war der abrupte Wechsel der USA von einer Schuldner- zu einer Gläubigernation.

Die Verschuldung Europas führte zu der latenten Dollarknappheit der Zwanziger Jahre. Die weltweite Kreditgewährung durch amerikanische Gläubiger entwickelte sich in den Zwanziger Jahren zum Grundpfeiler des internationalen Währungssystems. Für die Amerikaner war der europäische Markt deshalb zu wichtig, um ihn den Extravaganzen der europäischen Politik zu überlassen, auch nicht dem politischen Ehrgeiz der Franzosen. Der Dawes-Plan aus dem Jahre 1924, wenn man so will, der Marshall-Plan der Zwanziger Jahre, stabilisierte Europa und entmachtete Frankreich. Deutschland wurde mit amerikanischen Krediten aus der hilflosen Objektrolle des Jahres 1919 befreit, der Dawes-Plan markierte zugleich den Anfang vom Ende der politischen Vorherrschaft Frankreichs in Mitteleuropa.

Nach Weltwirtschaftskrise, New Deal und Zweitem Weltkrieg begannen die Amerikaner, bewaffnet mit den Lehren aus der Geschichte, ein liberales Weltwirtschaftssystem aufzubauen, von dessen Funktionieren bis heute der Wohlstand der Nationen und der Wohlstand Europas abhängt. Nur ein auf liberalen Grundsätzen beruhendes und institutionell verankertes Weltwirtschaftssystem konnte aus Sicht der USA eine Wiederholung des europäischen Erzübels verhindern, nämlich einen neuen Rückfall in Autarkie, Protektionismus und bilateralen Tauschhandel. Nur die restlose Beseitigung der Formen und Ursachen solcher Politik konnte Europa insgesamt wieder zu einem produktiven Faktor einer neuen Weltwirtschaftsordnung machen. Und selbstverständlich waren der europäische Kommunismus und Sozialismus in allen seinen Varianten aus transatlantischer Perspektive nichts als Verelendungstheorien. Nur die neue Supermacht des Westens, die als einzige Großmacht auch im Zweiten Weltkrieg reicher geworden war, hatte das Vermögen, ein neues Weltwirtschaftssystem zu begründen. Folgerichtig dominierten die Amerikaner die Konferenz von Bretton Woods vom Juli 1944, auf der 1500 Delegierte aus 44 Ländern den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank als Grundpfeiler einer liberalen Weltwirtschaftsordnung ins Leben riefen. Die Verpflichtung auf Multilateralität und offene Märkte war auch der Preis, den die Europäer für die Marshallplan-Hilfe zu zahlen hatten.

Seither kann keine Geschichte der Weltwirtschaft nach 1945 ohne den Einfluss der USA auf Europa geschrieben werden, ohne die weltwirtschaftliche Verflechtung im atlantischen Raum und ohne den phänomenalen Anstieg des Handels zwischen den entwickelten Industriestaaten auf beiden Seiten des Atlantiks. Die Zufuhr von Rohstoffen nach Europa, insbesondere von Öl, wurde durch den amerikanischen Einfluss in anderen Regionen der Welt sichergestellt.

Diese wirtschaftliche Amerikanisierung Europas im Rahmen einer liberalen Weltwirtschaft führte nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen Europas zum größten Wachstum und zur größten Wohlstandsentwicklung in der gesamten bisherigen Geschichte des alten Kontinents. Und heute kann das Europa der 25 nur in wirtschaftlicher Hinsicht den USA auf ungefähr gleicher Augenhöhe entgegentreten. Das Bruttosozialprodukt beläuft sich auf beiden Seiten des Atlantiks auf geschätzte 11 Billionen (für Amerikaner: Trillions); ungefähr 300 Millionen Amerikaner stehen 454 Millionen "Europäern" in der neuen EU gegenüber. Die USA und die EU bestreiten zusammen ungefähr 40 % des Welthandels. Der Bestand europäischer Direktinvestitionen in den USA beläuft sich auf 890 Milliarden Euro, der der USA in Europa auf 650 Milliarden Euro, insgesamt also eine Größenordnung von 1,5 Billionen Euro.

Es hängt auch mit dieser gleichen Augenhöhe zusammen, dass die strategischen, politischen und kulturellen Differenzen zwischen den USA und Teilen Europas seit dem Januar 2002 nicht auf den wirtschaftlichen Bereich durchgeschlagen haben und die ordnungs- und handelspolitischen Konflikte begrenzt blieben. Beide Seiten hätten bei einem "Wirtschaftskrieg" zu viel zu verlieren.

Damit komme ich zur politischen Amerikanisierung Europas im 20. Jahrhundert, die immer auf zwei Pfeilern ruhte, auf dem amerikanischen Machtanspruch und der amerikanischen Sendungsidee, auf power and mission. Die große Zäsur scheint mir auch in diesem Fall der Erste Weltkrieg zu sein, als die beiden großen Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, der Kommunist Lenin und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, antagonistische Modelle für die ganze Welt verkündeten. Wilson verstand sich als Werkzeug Gottes, er wollte die Welt für die Demokratie sicherer machen, Europa vom alten Machtsspiel der "balance of power" befreien und den Weltfrieden auf einen neuen "covenant", den Völkerbund, gründen. Seitdem hat sich Europa mit der politischen Macht der USA und der amerikanischen Sendungsidee der Freiheit auseinanderzusetzen. Übrigens das amerikanische Volk auch. Immer wieder hat es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in den USA selbst massive Gegenbewegungen gegen diese Globalisierung der US-Sendungsidee gegeben; besonders dann, wenn die Kosten der Kreuzzüge zu hoch wurden.

Ohne den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson hätten die Sieger des Ersten Weltkrieges die Satzung des Völkerbundes nicht verabschiedet – die Weigerung des Senats, den Völkerbundsvertrag zu ratifizieren, hat Wilson buchstäblich das Leben gekostet. Ohne den politischen Einfluss der USA hätten die Sieger des Zweiten Weltkrieges nicht die Gründung der Vereinten Nationen ins Werk gesetzt.

Mit dem Missionar aus der Neuen Welt umzugehen, fiel selbst den europäischen Alliierten der USA schon 1919 auf der Konferenz von Versailles nicht leicht, weil sie den Besiegten lieber einen reinen Machtfrieden auferlegt hätten. Wilsons härtester Widersacher, der französische Ministerpräsident Clemenceau, mokierte sich über diesen sendungsbewussten Repräsentanten der Neuen Welt: Während Moses nur mit zehn Geboten vom Berge gekommen sei, wolle Wilson die Welt mit vierzehn Punkten verändern. Bis heute verteidigen die Franzosen am konsequentesten ihre europäische und globale Sendung gegen den Machtanspruch und die Sendung der Neuen Welt.

Es spricht Vieles für die amerikanische Interpretation des 20. Jahrhunderts: Sie haben aus ihrer Sicht Europas Freiheit gerettet, die Alte Welt im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Weltkrieg von den Übeln des Wilhelminismus, Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus befreit.

An dem Untergang der europäischen Kolonialreiche oder expansiver Imperien in Europa waren sie direkt oder indirekt beteiligt. Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wird von vielen Strategen als Endpunkt einer weltgeschichtlichen Entwicklung angesehen, die mit der Zerschlagung des Habsburger und Osmanischen Reichs begann, mit der Zerschlagung des Dritten Reiches und des italienischen Kolonialreiches fortgeführt wurde und die mit der für Großbritannien und Frankreich so schmerzlichen Auflösung ihrer Kolonialreiche endete. Auch die Niederlande, Spanien und Portugal trennten sich von den Resten ihrer Imperien.

Man darf die These wagen: Nur weil die klassischen europäische Nationen – mit kräftiger amerikanischer Unterstützung – auf ihre Kernländer zurückgestutzt wurden, waren die Europäer überhaupt fähig, das Projekt der Europäischen Union in West-Europa zu beginnen und seit 1990/91 nach Mitteleuropa, Osteuropa und Südosteuropa voranzutreiben, eben die gleichzeitige Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union. Der ewige Kampf der europäischen Nationen um Einfluss, Status und Prestige spielt sich nun mit friedlichen Mitteln innerhalb der Europäischen Union ab.

Was uns Deutsche betrifft, so darf ich an die Tatsache erinnern, dass die USA zwei Weltkriege gegen Europas Zentralmacht führten, aber, anders als die europäischen Nachbarn, rechtlich und rhetorisch immer an Deutschlands Einheit in Freiheit festhielten; in Versailles 1919, in Potsdam 1945 und im Zwei-Plus-Vier-Vertrag von 1990. Außerdem gehörte nach 1945 die Demokratisierung Deutschlands, der Kampf um die Seele von Faust, zu den zentralen Zielen amerikanischer Außenpolitik.

Als 1989/90 die Stunde der Wahrheit kam, waren es nicht die westeuropäischen Politiker, sondern die USA unter Führung von George Bush dem Älteren, die die deutsche Wiedervereinigung in Freiheit und Westbindung unterstützten.

Damit komme ich zu meinem dritten Teil: Die Marginalisierung Europas? Die Hypermacht USA und die Präsidentschaft George W. Bushs seit dem 11. September 2001.

Die bisherige Anlage meines Vortrages "von der Europäisierung der USA zur Amerikanisierung Europas" impliziert einen weltgeschichtlichen Befund. Das europazentrische Weltsystem vom 16. bis 19. Jahrhundert hat sich im 20. Jahrhundert aufgelöst, wesentlich deshalb, weil die Neue Welt an die Stelle der Alten getreten ist. Es bleibt noch zu klären, warum die entmachteten Westeuropäer sich während des Kalten Krieges unter der Oberherrschaft des Neuen Roms gar nicht so unwohl gefühlt haben, warum es also in den weit entfernten Provinzen in Europa nicht zu Unruhen und Aufständen gekommen ist. Das lag nicht nur an der alles überragenden Macht des Neuen Roms – Aufstände wären sinnlos gewesen -, nicht nur an dem gemeinsamen Feind, dem Kommunismus; und nicht nur an dem Bewusstsein, einer transatlantischen Wertegemeinschaft anzugehören; sondern auch an der aufgeklärten Machttechnik der USA gegenüber der Alten Welt von 1945 bis 1990. Denn West-Europa wurde in unterschiedlicher Dichte Teil einer Sicherheits-, Werte-, Produktions-, Konsum-, Informations-, Freizeit-, Reise-, Spaß- und Unterhaltungsgemeinschaft unter amerikanischer Hegemonie, nicht unter amerikanischer Herrschaft. Hegemonie soll als gebändigte Macht, als vorwiegender Einfluss verstanden werden. Das hatte zur Folge, dass den von der amerikanischen Hegemonie betroffenen Staaten und Gesellschaften Europas objektiv geringe, aber subjektiv große Freiheits- und Entscheidungsspielräume blieben. "Empire by invitation" oder "empire by integration", so hat der norwegische Historiker und gegenwärtige Direktor des Friedensnobelpreiskomitees in Oslo, Geir Lundestad, die amerikanische Hegemonie über Europa in dieser Zeit zutreffend beschrieben.

Im Kalten Krieg spielten die USA also die Rolle des "wohlwollenden Hegemons", d.h. sie berücksichtigten im Rahmen ihrer Führungsrolle die Interessen der abhängigen Bündnispartner, sie ebneten im Dialog Interessenunterschiede durch pragmatische Kompromisse ein und gewannen auf dieser Grundlage die freiwillige Gefolgschaft der Westeuropäer.

Diese Geschäftsgrundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen hat sich seit dem 11. September 2001 und seit dem Regierungsantritt von George Bush dem Jüngeren radikal geändert, weil dessen Außenpolitik von derjenigen seines Vaters grundsätzlich abweicht. Ich gäbe viel darum, einmal dabei sein zu können, wenn beide am Familientisch über Weltpolitik diskutieren.

Während die Entwürfe einer neuen Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges in den Amtszeiten der Präsidenten George Bush des Älteren und Bill Clintons vergleichsweise randunscharf blieben, hat George W. Bush die Welt mit der Utopie einer unilateralen Pax Americana konfrontiert und, gemessen am fast freien Fall seines Ansehens in der Welt, zutiefst verstört. Ich kann heute nicht die besonderen Voraussetzungen und Umstände analysieren, unter denen dieser Entwurf einer Pax Americana entstand, sondern nur den Entwurf selbst.

Der sendungsbewusste Präsident, ein wiedergeborener Christ, der sich auch auf die christliche Rechte und die vierte Erweckungsbewegung seines Landes stützt, glaubt zutiefst an seine historische Mission, der Welt im allgemeinen, dem Nahen Osten im besonderen, die Freiheit zu bringen.

Das hat er unzählige Male gesagt, zuletzt am 6. Oktober in einer leidenschaftlichen Grundsatzrede im Ronald Reagan Building in Washington D.C. Eingeladen war er von einer ihm nahe stehenden Organisation, des "National Endowment for Democracy". George W. Bush ist ein Ideologe und Überzeugungstäter.

Nur die USA können, so Bush, die Welt wirklich führen. Denn aus seiner Perspektive ist die Welt endgültig unipolar und amerikazentrisch geworden, in geistiger und in militärisch-strategischer Hinsicht. Das Pentagon hat die Welt in fünf Kommandobereiche aufgeteilt. Die USA verfügen über 170 Basen in der Welt, die US-Militärmacht wächst täglich. Mit ihrer Zerstörungskraft können die US-Streitkräfte jeden Punkt der Erde in 15 Minuten pulverisieren. Da es keine Weltarmee unter dem Kommando der UNO gibt, die NATO fast irrelevant geworden ist, könnten im Konfliktfall nur die USA die Welt im pro-amerikanischen und pro-westlichen Sinne stabilisieren. De facto seien die US-Streitkräfte die Weltarmee. Bündnispartner müsse man sich bei Bedarf suchen, je nach Lage der eigenen Interessen. Das Angebot der NATO zur Zusammenarbeit nach dem 11. September wurde kühl zurückgewiesen.

Von diesen Bündnispartnern wird fast selbstverständlich erwartet, dass sie die amerikanische Gefahren- und Feindperzeption teilen, nur dann gelten sie als Freunde. Diese einzig verbliebene Hypermacht weigert sich strikt, die nationale Souveränität durch internationale Verträge zu beschränken. Gulliver kann sich nicht durch die Fesseln der vielen Zwerge binden lassen. Die UNO ist für die konservativen Republikaner ein einziges Ärgernis, sie tun viel, um die Weltorganisation und Kofi Annan zu diskreditieren. Was die Präsidenten Wilson und Roosevelt der Welt als Vision anboten, ist für Bush den Jüngeren ein Ärgernis, spätestens seit Außenminister Powell zur Rechtfertigung des Irak-Krieges, wie wir jetzt wissen, eine Serie von Falschaussagen vor der Vollversammlung der UNO präsentieren musste.

Was ist das Ziel dieser globalen Militärmacht? Es ist genau das, was die sogenannten Neokonservativen in den neunziger Jahren in ihren Publikationen und Denkschriften vorgedacht hatten: Die Begründung einer konkurrenzlosen Pax Americana für das 21. Jahrhundert. Diese Gruppe will nicht eine amerikanische Weltherrschaft, aber eine Weltvorherrschaft (primacy) errichten, die es den USA auf unbestimmte Zukunft erlaubt, die Strukturen der Welt im pro-amerikanischen Sinne zu bestimmen. Das gilt auch für die Strukturen Europas.

Im Kern läuft dieser Versuch einer Weltvorherrschaft darauf hinaus, nach dem Ende des Kalten Weltkrieges das zu erreichen, was weder nach dem Ersten, noch nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist: das amerikanische Modell von Demokratie und marktwirtschaftli-chem Kapitalismus möglichst weltweit auszubreiten, liberty and property zu globalisieren.

Eingelagert in die amerikanische Missionsidee der Freiheit ist also unter Präsident Bush dem Jüngeren der harte, machtpolitische Entwurf der US-Weltvorherrschaft, die Zukunft eines Staates, der notfalls allein, ohne Rücksicht auf das Völkerrecht und "vorbeugend" (preventive and preemptive) handelt.

Im Entwurf dieser globalen Weltvorherrschaft spielt Europa, von der Wirtschaft abgesehen, nur eine marginale Rolle. Man soll sich von der Europa-Reise des Präsidenten nach seiner Wiederwahl nicht täuschen lassen. Er hatte Kreide gefressen, weil er Geld und Soldaten für die Unterstützung seiner Politik im Irak wollte. In der Sache hat Bush bisher keine einzige seiner Positionen geräumt. Ganz im Gegenteil: Nach der Wiederwahl spricht er, subjektiv ehrlich, nicht nur im Namen Gottes, sondern auch des amerikanischen Volkes.

Für den Bedeutungsverlust Europas aus amerikanischer Sicht sind zwei realgeschichtliche Entwicklungen allerdings wichtiger als der Stellenwert der Alten Welt im Entwurf einer unilateralen Pax Americana. Diese Relativierung Europas folgt aus dem, was ich die "doppelte Globalisierung" oder "äußere und innere Globalisierung" der USA nennen möchte.

Zur äußeren Globalisierung: Jeder, der einmal länger in Washington gelebt hat, erfährt unmittelbar, was der Gemeinplatz bedeutet, die USA hätten einen globalen außenpolitischen Interessenradius. Die gesamte muslimisch-arabische Problemzone, Asien, insbesondere die aufsteigende Weltmacht China, aber auch Japan, Indien und Pakistan, der Irak, der Iran und Nordkorea, der israelisch-palästinensische Konflikt, die Entwicklung in Russland und in Zentralasien, gelegentlich auch die Entwicklungen in Lateinamerika und Afrika, die Probleme des Terrorismus, der Massenvernichtungswaffen und des weltweiten Drogenhandels beschäftigen die außenpolitische Entscheidungselite und die US-Medien weit mehr als das vergleichsweise befriedete Europa. In den Korridoren der Macht in Washington D.C. wird fast reflexhaft die Frage gestellt: Was kann und will Europa zur Lösung dieser Probleme und zur Stabilität in diesen Regionen beitragen? Diese Frage wird oft mit dem Vorwurf gekoppelt, dass das vergleichsweise reiche Europa handlungsunfähig sei, den Kopf in den Sand stecke und sich als Trittbrettfahrer der Weltgeschichte eingerichtet habe.

Zur inneren Globalisierung: Den wachsenden Anteil der Amerikaner nicht-europäischen Ursprungs, besonders aus Lateinamerika und Asien, an der Gesamtbevölkerung des Landes möchte ich als ihre "innere Globalisierung" bezeichnen, hervorgerufen durch die Änderung der Einwanderungsgesetze in den sechziger Jahren. Von den ca. 705.000 legalen Einwanderern im Jahre 2003 zum Beispiel kamen 102.000 aus Europa, 236.000 aus Asien, 45.000 aus Afrika, 5000 aus Ozeanien, 252.000 aus Nordamerika – d.h. nach der amtlichen Statistik Kanada, Mexiko und Grönland -, 53.000 aus Zentralamerika und 54.000 aus Südamerika. Auch diese innere Globalisierung relativiert das europäische Erbe.

Der Versuch, an den Schulen und Colleges ein neues globales Curriculum einzuführen, eine Weltgeschichte, die die Geschichte aller Kontinente, ihrer gegenseitigen Verflechtungen und Interdependenzen berücksichtigt, ist überaus bezeichnend. Dieses globale Curriculum soll die Perspektive einer amerikanischen Erfindung ersetzen, den nach dem Ersten Weltkrieg eingeführten Geschichtskurs über "Western Civilization"; im Studentenjargon ironisiert als "Western Civ from Plato to NATO"; von Minderheiten und Frauen kritisiert als ein Kurs, der nur von toten, weißen, europäischen Männern handele ("dead white European males").

Meine Damen und Herren, damit sind wir in unserer Analyse des Verhältnisses von Europa zu den USA in der Gegenwart angekommen, und der Historiker wird zögerlich, weil er, wie Sie alle wissen, nur hinterher allemal klüger ist. Es sei mir gestattet, mit zwei Thesen zu schließen, in denen sich, ich gebe es ja zu, Wahrscheinliches und Wünschenswertes aus meiner Perspektive mischen.

Erstens: Der unilaterale Entwurf einer Pax Americana ist dabei, aus außen- und innenpolitischen Gründen zu scheitern. Die Regierung Bush hat sich überhoben. Zweitens: Das würde die Chance einer verbesserten amerikanisch-europäischen Kooperation unter zwei Bedingungen eröffnen: Wenn die USA die Europäer zumindest rhetorisch von gleich zu gleich behandelten und ein starkes Europa nicht fürchteten; und wenn Europa tatsächlich eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik konzipierte und in Grundzügen durchhielte. Denn wenn sich die beiden demokratischen Wohlstandsregionen auf beiden Seiten des Atlantiks weiter auseinanderdividierten, wäre aus meiner Sicht kaum ein gegenwärtiges Weltproblem lösbar.

Genau deshalb müssen aus meiner Perspektive die Institutionen der Gesellschaft auf beiden Seiten des Atlantiks einen realistischen und informierten Dialog aufrechterhalten. Nur so kann verhindert werden, dass sich ein Anti-Europäismus in den Seelen der Amerikaner, ein Anti-Amerikanismus in den Seelen der Europäer einnistet.

Deshalb halte ich die Entscheidung der Universität Heidelberg unter dem derzeitigen Rektorat, auf beiden Seiten des Atlantiks die wissenschaftliche Zusammenarbeit zu vertiefen und zu institutionalisieren, nicht nur für förderlich für Lehre und Forschung, sondern auch politisch für geboten; in den USA durch die geplante Einrichtung eines Heidelberg-Hauses auf dem Campus der University of Amherst, in Heidelberg durch den begonnenen Aufbau des Heidelberg Center for American Studies, einer Zusammenarbeit von sechs Fakultäten auf der Grundlage einer public-private-partnership. Wir hätten dann im Rahmen unserer Möglichkeiten das erreicht, wovon viele Transatlantiker träumen… eine Zusammenarbeit, die auf zwei Pfeilern, einem europäischen und einem amerikanischen, ruht.



Rückfragen bitte an:
Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker
HCA – Heidelberg Center for American Studies
Schillerstr. 4-8, 69115 Heidelberg
Office: Noemi Huber, Ass. Jur. / Claudia Müller, M.A.
Tel. 06221 796340, Fax 7963429
hca@uni-hd.de
http://www.hca.uni-hd.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg



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