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22. September 2005

"Kamera-Blende" und hemmendes Peptid

Heidelberger Wissenschaftler finden neue Ansatzpunkte für Medikamente gegen Hepatitis-B-Virus-Infektion – Internationale Expertentagung in Heidelberg

Wissenschaftler aus Heidelberg haben neue Ansätze für eine Wirkstoffentwicklung gegen die potentiell tödlich verlaufende Hepatitis-B-Infektion entdeckt. Flexible Strukturmerkmale und ein Eiweißbestandteil (Peptid) des Virus könnten Ausgangspunkte für die Entwicklung von Medikamenten sein.

Die Heidelberger Ergebnisse wurden auf der Internationalen Tagung "Molekularbiologie von Hepatitis-B-Viren" und bei einer Pressekonferenz am 21. September in Heidelberg vorgestellt. Das Symposium von Wissenschaftlern aus aller Welt wurde von Privatdozent Dr. Stephan Urban organisiert, dem Leiter der Forschungsgruppe Hepatitis-B-Virus in der Abteilung Molekulare Virologie des Universitätsklinikums Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Ralf Bartenschlager).

Wie eine Kamera ihre Blende öffnen kann, so kann das Virus sein Nukleokapsid, die Genom-Ummantelung, die die Erbsubstanz umschließt, durchlässig machen (links). Rechts dagegen ein Virus mit geschlossenem Nukleokapsid.
Wie eine Kamera ihre Blende öffnen kann, so kann das Virus sein Nukleokapsid, die Genom-Ummantelung, die die Erbsubstanz umschließt, durchlässig machen (links). Rechts dagegen ein Virus mit geschlossenem Nukleokapsid.
Abb.: Abt. Molekulare Virologie des Universitätsklinikums Heidelberg

So weist der Erreger der Leberentzündung eine erstaunliche Flexibilität in seiner Genomkapsel, dem so genannten Nukleokapsid, auf, das die Erbsubstanz umschließt. Zusammen mit der Arbeitsgruppe von Dr. Bettina Böttcher vom Europäischen Molekularbiologie Labor (EMBL) in Heidelberg haben Dr. Urban und sein Mitarbeiter Stefan Seitz spezielle elektronenmikroskopische Aufnahmen des Virus zu einem dreidimensionalen Strukturmodell zusammengesetzt und festgestellt: Wie eine Kamera ihre Blende öffnen kann, so kann das Virus sein Nukleokapsid durchlässig machen, Durch diese Poren werden vermutlich Gene freigesetzt die seine Vermehrung vorantreiben. Darüber hinaus haben die Heidelberger Wissenschaftler ein Peptid des Virus entdeckt, das seine Vermehrung hemmt und bereits im Tierversuch erfolgreich getestet wurde.

Damit wurden wichtige Grundlagen für die Entwicklung künftiger Wirksubstanzen gelegt, die eine Vermehrung der potentiell tödlichen Infektion verhindern könnte, an der weltweit rund 400 Millionen Menschen und in Deutschland mehr als 500.000 erkrankt sind.

Zugelassene Medikamente nicht ausreichend wirksam – Resistenzentwicklung

"Neue Erkenntnisse der Molekularbiologen sind keine Spielereien an der Laborbank, sondern wichtig für die rasche Entwicklung neuer Therapien, die wir dringend brauchen", sagte Professor Dr. Michael P. Manns, Ärztlicher Direktor der Abteilung Hepatologie/Gastroenterologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Denn die vier bislang zugelassenen Medikamente, die bei einer Hepatitis-B-Infektion das Fortschreiten der Erkrankung zur Leberzirrhose und zum bösartigen Lebertumor verhindern sollen, können nur bei etwa 40 Prozent der Patienten erfolgreich eingesetzt werden und haben zum Teil schwere Nebenwirkungen. Außerdem entwickeln – je nach Medikament – bis zu 70 Prozent der Patienten innerhalb von vier Jahren eine Resistenz gegen die Substanz.

Peptid blockiert Eindringen des Virus in die Leberzelle

Angriffspunkte für neue Medikamente, die mit verschiedenen Schritten der Virusvermehrung in der Zelle interferieren, werden derzeit von Molekularbiologen in der ganzen Welt gesucht – und gefunden. Einer dieser Schritte ist die Anheftung des Virus an die Leberzelle. Im Gegensatz zum Aidserreger HIV und zum Schwestervirus Hepatitis C sind die dafür verantwortlichen sogenannten Rezeptorproteine noch nicht bekannt.

Die Arbeitsgruppe von Dr. Urban entschlüsselt derzeit die molekularen Mechanismen, die diesem Prozess zugrunde liegen. Die Wissenschaftler entdeckten ein Peptid, dessen Bindung an die Zelle zur Blockade des Eindringens des Virus führt. In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe des Hamburger Mediziners Dr. Jörg Petersen gelang es ihnen erstmals im Tierversuch eine Infektion mit Hepatis-B-Viren zu unterbinden.

Netzwerke zur Erprobung neuer Substanzen gegen Hepatitis-B-Virus

Neue Wirksubstanzen sollten möglichst rasch klinisch getestet werden. Dafür wurde vor 3 Jahren in Deutschland das Kompetenznetzwerk Hepatitis gegründet, dem 25 Wissenschaftlergruppen und Kliniken in ganz Deutschland angehören. Auf europäischer Ebene kooperiert das Kompetenznetz mit dem Verbund Virgil, der die Resistenzentwicklung gegen Medikamente überwacht und neue Substanzen testet. Bei der Pressekonferenz in Heidelberg wurde Virgil, dem insgesamt 12 Staaten angehören, von Professor Fabien Zoulim vorgestellt, dem Ärztlichen Direktor der Abteilung Hepatologie an der Universität Lyon.

Literatur:
Gripon, P., Cannie, I., Urban, S. Efficient inhibition of hepatitis B virus infection by acylated peptides derived from the large viral surface protein. J. Virol., 79 (3), 1613-1622, 2005.

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Webseiten: Virgil: www.virgil-net.org

Kompetenznetzwerk Hepatitis:
www.kompetenznetz-hepatitis.de

Ansprechpartner:
PD Dr. Stephan Urban
E-Mail: Stephan_Urban@med.uni-heidelberg.de



Rückfragen bitte an
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 – 56 45 36
Fax: 06221 – 56 45 44
Handy: 0170 – 57 24 725
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de
www.klinikum.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg


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