zum Seiteninhalt
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Siegel der Universitaet Startseite der Universität Kontakt: Anschriften und Ansprechpartner Suche: Volltext; Personen; E-Mail; Forschungsdatenbank Sitemap: Seitenüberblick English

Startseite > Presse > Pressemitteilungen im Überblick >

6. September 2005

Die antiken Denkmäler wurden für die Ewigkeit gebaut

Der Heidelberger Archäologe Tonio Hölscher wird mit dem hoch dotierten Lautenschläger-Forschungspreis der Ruperto Carola ausgezeichnet – RNZ-Gespräch

Prof. Tonio Hölscher   
Prof. Tonio Hölscher
Foto : Vögele

Am 23. September erhält der Klassische Archäologe Prof. Tonio Hölscher den mit 250 000 Euro dotierten "Lautenschläger-Forschungspreis" der Universität Heidelberg. Der Wissenschaftler wird für Forschungen zu politischen und gesellschaftlichen Funktionen der Bildkunst im antiken Griechenland und Rom geehrt. Nach der Physikerin Johanna Stachel und dem Mediziner Peter Krammer ist Hölscher der dritte Preisträger.

Herr Prof. Hölscher, gibt es Parallelen zwischen der damaligen Bildkunst und den heutigen Massenmedien?

In einer Zeit, in der es keine täglichen Massenmedien gab, hatten die Denkmäler die Funktion, die Bevölkerung mit den politischen Vorstellungen der Herrscher und des Staates zu konfrontieren. Insofern gibt es Ähnlichkeiten. Aber der Unterschied liegt darin, dass die Denkmäler auf ewig konzipiert waren und Nachruhm garantieren sollten.

Mit welchen Arten der Bildkunst beschäftigen Sie sich?

Ich untersuche alle Arten von Bildwerken, die einen öffentlichen Charakter haben: Skulpturen, Bauwerke mit Reliefs und große Wandgemälde, die zum großen Teil nur aus Schriftquellen bekannt sind. Hinzu kommen Werke der Kleinkunst – etwa Vasen –, sofern sie eine politische Bedeutung haben.

Auf welchen Gebieten liegen Ihre Hauptaktivitäten?

Ich versuche, die Forschungsthemen möglichst breit zu untersuchen, zeitlich vom frühen Griechenland bis ins späte Römische Reich und örtlich im gesamten griechischen und römischen Raum. Denn erst der Überblick über die Verschiedenartigkeit der Phänomene bringt das einzelne Denkmal in seinem Profil zur Erscheinung.

Wie kann man die verschiedenen Funktionen der Bildkunstwerke unterscheiden?

Politische Denkmäler haben die Funktion, die öffentlichen Räume in den Städten im Sinne der Machthaber oder Staaten symbolisch zu besetzen. Dies geschieht in den frühen aristokratischen Gemeinwesen, in den demokratischen Städten, den großen Königreichen des Hellenismus und dann im Römischen Reich auf verschiedene Weise.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Im demokratischen Athen hat es Denkmäler für führende Staatsmänner sowie kollektive Leistungen gegeben, deren Errichtung sensibel und mit festen Regeln an der Machtbalance des demokratischen Staates orientiert war. Dagegen brachten im Römischen Reich die großen Denkmäler für den Kaiser den allgemeinen Konsens zur etablierten Herrschaft zum Ausdruck. Während es im demokratischen Athen Machtkämpfe um die Denkmäler gab, waren sie im Römischen Reich eine Frage der politischen Stabilisierung der Herrschaft.

Wie lagen die Dinge in Athen?

Auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, wurde ein Denkmal für die Tyrannenmörder errichtet, zwei Angehörige der Oberschicht, die ein Attentat auf die Herrscherfamilie verübt hatten und später als die Gründungsfiguren des demokratischen Staates gefeiert wurden. Es gab große Wandgemälde; eines stellte etwa die große Abwehrschlacht von Marathon gegen den Angriff der Perser dar. Dieses Gemälde war eine Inkunabel der politischen Identität Athens als Führungsmacht in Griechenland.

Welche Rolle spielte die Gemeinschaft in Rom?

In den Denkmälern kommt der Kaiser sehr stark zum Ausdruck – in Interaktion mit bestimmten Gruppen: den Senatoren, dem römischen Volk, Repräsentanten von Städten in Italien, natürlich dem Heer und den Feinden. Gezeigt werden kaiserliche Tugenden und Leitbilder politischen Verhaltens: also die Eintracht zwischen dem Kaiser und den verschiedenen Gruppen der Untertanen oder die Rolle des Kaisers, für die Gemeinschaft des Reiches mit den Göttern in Verbindung zu treten.

Wandelte sich diese Ausrichtung im Laufe der Zeit?

Zu Beginn der Kaiserzeit hat Augustus sehr stark auf Konsens geachtet. Aus den Erfahrungen der Bürgerkriege hat man zunächst auch nicht seine Rolle als Heerführer so stark herausgestellt, sondern eher den Friedensfürsten betont. Dagegen trat später viel deutlicher die imperiale Rolle des Kaisers als Feld- und Kriegsherr in den Vordergrund. Je prekärer die Lage in der späten Kaiserzeit wurde, desto stärker wurde die Position des Kaisers mit einer gesteigerten Emphase zum Ausdruck gebracht. Anders als heute waren die Denkmäler damals nicht irgendwelche Möbelstücke der öffentlichen Plätze. Vielmehr stellten sie Besetzungen dieser Räume dar, mit denen auch politische Kämpfe ausgetragen wurden: In der späten Römischen Republik wurden richtige Denkmälerkriege geführt.

Der Konstantinsbogen in Rom (315 n. Chr.).
Je prekärer die Lage im späten Römischen Reich wurde, desto stärker wurde die imperiale Rolle des Kaisers in den Denkmälern betont. Im Bild: der Konstantinsbogen in Rom (315 n. Chr.).
Foto : privat

Welchen Stellenwert hatten Religion und Mythologie in der antiken Bildkunst?

Sie waren außerordentlich wichtig und von der Politik gar nicht zu trennen. Religion hat das gesamte Leben durchdrungen. Die römischen Triumphzüge waren religiöse Rituale zu Ehren des Staatsgottes Jupiter. Die Mythologie durchzieht das ganze antike Dasein, weil sie von den großen Figuren der Vorzeit berichtete. An diesen Vorbildern hat man sich in der Gegenwart orientiert. Die Mythologie ist bis in die politischen Denkmäler außerordentlich beherrschend. Die Gründerheroen Roms waren zugleich Repräsentanten der wichtigsten Staatstugenden der Herrscher: Aeneas war der Vertreter von Frömmigkeit, Romulus war der Protagonist militärischer Stärke. In Griechenland verhielt es sich ähnlich: Die Kämpfe der Götter gegen die Giganten und der mythischen Griechen gegen die Amazonen, die Kentauren und Troja wurden als Kette von Vorläuferkämpfen der Griechen gegen die Perser gesehen und dargestellt.

Was sind heute Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Einmal ein zusammenfassendes Handbuch über griechische, etruskische und römische Staatsdenkmäler. Dann ein Buch über frühe griechische Mythenbilder unter dem Gesichtspunkt ihrer Bedeutung für das gesellschaftliche und politische Leben. Hinzu kommt eine zusammenfassende Untersuchung der allgemeinen Funktionen von Bildwerken im Leben und in den Lebensräumen der Griechen; und im Hinblick auf die Räume geht es auch stark um Stadtgeschichte, etwa in Athen.

Der Lautenschläger-Forschungspreis ist mit 250 000 Euro sehr hoch dotiert. Haben Sie schon Pläne für die Verwendung des Geldes?

Dieser Preis ist ausschließlich dazu da, Forschung zu ermöglichen. Und ich werde den Preis im Wesentlichen dafür einsetzen, mit einer kleinen Gruppe von Nachwuchsforschern das bereits genannte Werk über die politischen Denkmäler zu erarbeiten.

Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
www.uni-heidelberg.de/presse




Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Ruperto Online | Kontakt | Suche | Überblick | English


Page maintained by
Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg