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4. August 2005

Realitätsnahe Zeitkritik

Heidelberger Ferienkurs: Reinhard Mußgnug sprach über die juristischen Aspekte von Mozarts "Figaro"

Der Rechtswissenschaftler räumte mit einer Mär auf. Das berüchtigte "ius primae noctis", das Anrecht eines Gutsherren auf die erste Nacht mit den Bräuten aus dem Untertanenstand seines Gutes, bezeichnete er als faustdicke Lügengeschichte, obgleich darüber zahllose Monografien verfasst wurden und es nach wie vor Gegenstand ernsthafter Forschungen ist.

Prof. Reinhard Mußgnug, emeritierter Ordinarius für Finanz- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg, der beim Ferienkurs der Ruperto Carola das erste Referat innerhalb der Vortragsreihe "Suche nach dem neuen Europa" hielt, sich mit seinem Beitrag über "Die Hochzeit des Figaro im Lichte der europäischen Rechtsgeschichte" allerdings auf das alte Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts beschränkte, machte klar, dass Graf Almaviva aus Mozarts bekannter Oper auf dieses ominöse Recht gegenüber seiner Untergebenen Susanne gar nicht großzügig hätte verzichten müssen, hat das "ius primae noctis" doch nie existiert.

Mußgnug bezeichnete in seinen lebhaft vorgetragenen Ausführungen die Gattung Oper wie überhaupt die Literatur des 18. Jahrhunderts als erstrangige Quellen für die Erforschung der Lebensformen der alten Gutsherren, deren Herrschaft bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das lokale Fundament des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Herrschersystems bildete. Bevor (in Preußen ab 1806) die Landräte und Landratsämter das Regiment übernahmen, beherrschten die Gutsherren das Feld allein und souverän, und Mozarts "Figaro" ermöglicht ein fast fotografisch genaues Abbild des gutsherrschaftlich-patrimonialen Systems.

Auf amüsante Weise charakterisierte der Redner im Hörsaal 14 der Neuen Universität diese Oper als wahrhaft europäisches Werk, spielt sie doch in Spanien, dem Libretto liegt die in Paris 1784 uraufgeführte Komödie von Beaumarchais' "La folle journée ou le mariage de Figaro" zugrunde, die der Italiener Lorenzo da Ponte zu einem komponierbaren Libretto umarbeitete. Die Uraufführung fand in Wien statt, doch seinen eigentlichen Durchbruch erlebte "Figaro" erst einige Monate später im böhmischen Prag. Die reichlich komplizierte Handlung nur andeutend, wies der Jurist darauf hin, dass es sich in der Oper um einen Zivilprozess handelt, in dem die ältliche Marcellina (sie entpuppt sich im weiteren Verlauf als Figaros Mutter) gegen den einstigen Friseur, der jetzt Bediensteter beim Grafen Almavia ist, klagt. Sie will von ihm geheiratet werden oder jene 2000 Gulden zurückerhalten, die sie ihm nur unter der Voraussetzung des Eheversprechens geliehen hatte.

Dieser Prozess, der in Opernführern oft als reines Fantasieprodukt von Beaumarchais und da Ponte abgetan wird, ist Mußgnug zufolge eine korrekte Beschreibung der rechtlichen und sozialen Lebensbedingungen auf den Adelssitzen des 18. Jahrhunderts. Der Gutsherr verkörperte "die Obrigkeit", und der "Figaro" ist ein glaubhaftes Spiegelbild dieser Zustände. Der Redner ging dabei auch auf das Fehlurteil des "juristisch halbgebildeten" Richters Curzio ein und bezeichnete das Libretto als realitätsnahe Zeitkritik. Zum Abschluss seiner anregenden Ausführungen gab er den Protagonisten des modernen Regie-Theaters den Rat, bei der Transposition von Schauspielen und Opern in die Gegenwart erst mal darüber nachzudenken, ob sie da überhaupt hinein passen. Manche Stoffe (wie Mozarts "Cosí") vertragen das, bei anderen Stücken hingegen, die eng an die Zeit gebunden sind, in der sie ihr Autor ansiedelte – Lortzings "Zar und Zimmermann" oder eben Mozarts "Figaro" – zerstört eine Aktualisierung die Einheit von Musik und Handlung.

Heide Seele



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