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5. August 2005

Zum Tode von Raymond Klibansky

Heute starb in Montreal der Philosoph Raymond Klibansky, Ehrensenator der Universität Heidelberg – Hier ein Nachruf von Jens Halfwassen

Heute starb in seiner Wahlheimat Montreal der Philosoph Raymond Klibansky, der am 15. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre. Klibansky war einer der größten Gelehrten des zwanzigsten Jahrhunderts. Zusammen mit Ideenhistorikern wie Ernst Cassirer und Etienne Gilson hat er seit den zwanziger Jahren die Traditionen freigelegt, die das antike Denken mit der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft verbinden. Die weit verbreitete Vorstellung vom Mittelalter als einem "schwarzen Loch" zwischen Antike und Neuzeit, in dem intellektuell nichts Aufregendes passiert sein sollte, wurde durch sie ein für alle mal widerlegt. Klibansky spielte dabei eine herausragende Rolle: er erschloß maßgeblich jene intellektuelle Tradition, die den spätantiken Neuplatonismus von Plotin und Proklos mit dem deutschen Idealismus von Kant und Fichte, Hegel und Schelling verbindet. Klibansky bewies aus den Texten, daß die neuplatonische Philosophie während des gesamten Mittelalters kontinuierlich weitergewirkt hatte. Einige der wichtigsten Texte, die diese Kontinuität belegen, hat er entdeckt, andere hat er ediert und kommentiert. Seiner Initiative verdanken wir es, daß die Werke der beiden mittelalterlichen Denker wissenschaftlich erschlossen wurden, die den Neuplatonismus am produktivsten weiterentwickelt und dabei wesentliche Einsichten der neuzeitlichen Philosophie vorweggenommen hatten: Meister Eckhart und Nikolaus von Kues.

Raymond Klibansky wurde 1905 in Paris als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Frankfurt geboren. Er besuchte die Odenwaldschule und studierte ab 1921 an der altehrwürdigen Universität Heidelberg, die damals in höchster Blüte stand. Er traf dort auf Gelehrte wie Karl Jaspers und Alfred Weber, Friedrich Gundolf und Ernst Kantorowicz, deren intellektuelle Wirkung weit über das akademische Milieu hinausreichte; er verkehrte im Salon von Marianne Weber; Klaus und Golo Mann gehörten zu seinem Freundeskreis, Paul Oskar Kristeller, der große Ideenhistoriker der Renaissance, war sein Kommilitone. Früh trat Klibansky in eine intensive Arbeitsbeziehung zu Ernst Cassirer und Aby Warburg; Warburgs Programm einer allgemeinen Kulturwissenschaft und Cassirers Forschungen zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft wurden für ihn wegweisend.

Durch eine aufsehenerregende Entdeckung wurde Klibansky früh berühmt: in der Bibliothek des Nikolaus von Kues fand er 1927 die lateinische Übersetzung eines der wichtigsten philosophischen Texte der Spätantike, des umfangreichen Kommentars des Neuplatonikers Proklos zu Platons Parmenides, dem Dialog über das Eine. Hegel hatte die Bedeutung dieses Kommentars hervorgehoben; daß er im Mittelalter bekannt war und gewirkt hatte, hatte man nicht gewußt. Die Übersetzung aus dem 13. Jahrhundert bietet einen vollständigeren Text als die griechischen Handschriften. Sie hatte Cusanus gehört und ist übersäht mit Randbemerkungen des Kardinals, aus denen hervorgeht, wie sich dessen eigene Philosophie des unendlichen Einen in der Aufnahme und Weiterentwicklung der Gedanken von Platon und Proklos ausgebildet hatte. Damit war nicht nur eine wichtige Quelle für Cusanus entdeckt, sondern auch die geistesgeschichtliche Kontinuität zwischen dem Neuplatonismus und dem deutschen Idealismus durch ein höchst aufschlußreiches Bindeglied belegt.

Als 22-jähriger Student hat Klibansky die Notwendigkeit, die Werke von Meister Eckhart und Nikolaus von Kues in wissenschaftlich zuverlässigen Editionen zugänglich zu machen, so überzeugend begründet, daß die Heidelberger Akademie der Wissenschaften die Idee aufgriff und beide Editionen Klibansky und seinem Lehrer Ernst Hoffmann anvertraute. Schon 1932 erschien der erste Band der Cusanus-Ausgabe, der die berühmte Schrift über das wissende Nichtwissen, De docta ignorantia, enthielt. 1934 und 1936 folgten die ersten beiden Bände der Eckhart-Ausgabe mit einem lateinischen Kommentar von Klibansky. "Früh hat Klibansky den Zusammenhang zwischen Cusanus und Meister Eckhart erkannt. Kein einzelner hat für die Erkenntnis dieser beiden Philosophen mehr geleistet als er", so würdigte Kurt Flasch Klibanskys Leistung. Die Cusanus-Ausgabe wurde in diesem Jahr vollendet. Die Eckhart-Ausgabe geriet in die Mühlen der Politik. Alfred Rosenberg hatte in seinem Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts Eckhart zum Vordenker eines mystisch wabernden Germanentums ausgerufen. Dessen lateinische Schriften, die erst 1886 wiederentdeckt und auch danach lange unbeachtet geblieben waren, beweisen indes Eckharts Abhängigkeit von dem jüdischen Philosophen Moses Maimonides: Maimonides' Programm einer Vereinigung von Philosophie und Religion durch die konsequente philosophische Ausdeutung der Offenbarung hat Eckhart auf das Christentum übertragen. Klibanskys Absicht, diese programmatisch wichtigen Texte zu edieren, wurde zum Politikum, widerlegten sie doch die nationalsozialistische Vereinnahmung des Pariser Magisters.

Klibansky hat Hitlers Gefährlichkeit früh erkannt. Nach dessen Machtübernahme wußte er, daß er nicht in Deutschland bleiben konnte: 1933 ging er ins Exil nach England. Seiner besonnenen Voraussicht ist es zu verdanken, daß die Bibliothek Warburg in letzter Minute vor der braunen Barbarei nach London gerettet werden konnte. Als britischer Nachrichtenoffizier konnte er während des Krieges erneut einen kulturellen Schatz von europäischer Bedeutung vor dem Untergang bewahren: Klibansky verhinderte die wegen der Moselbrücke geplante Bombardierung von Bernkastel-Kues und rettete dadurch die einzigartige Bibliothek des Cusanus.

Nach dem Krieg setzte er seine akademische Laufbahn fort: 1946 wurde er Professor an der McGill Universität in Montreal, später dann zusätzlich Fellow am Wolfson College in Oxford. Er erhielt höchste akademische Ehren und Auszeichnungen, darunter den Hamburger Lessing-Preis und die Ehrendoktorwürde der ältesten europäischen Universität in Bologna. Nach der schrecklichen Erfahrung des Nazi-Terrors wurde die Verbreitung des Toleranz-Gedankens, für den schon Cusanus eingetreten war, ein zentrales Anliegen für Klibansky. Als langjähriger Präsident des Internationalen Instituts für Philosophie, das Philosophen aus allen Kontinenten und Kulturkreisen zusammenführt, setzte Klibansky sich für die Verständigung zwischen den Völkern und Kulturen ein, über die Blockgrenzen des Kalten Krieges hinweg. Mit Vehemenz trat er für Jan Patocka ein, den Initiater der Charta 77, den die Prager Kommunisten 1977 ermordeten.

Einem breiten Lesepublikum wurde Klibansky erst spät bekannt: durch das voluminöse Buch Saturn und Melancholie, das er gemeinsam mit Erwin Panofsky und Fritz Saxl verfaßte. Diese umfassende Studie, die Kunst und Religion, Medizin und Astrologie auf breiter Front einbezieht, realisiert paradigmatisch einen disziplinenübergreifenden kulturwissenschaftlichen Ansatz. Der späte Ruhm dieses 1964 auf Englisch und erst 1990 auf Deutsch erschienenen Buches hat die öffentliche Wahrnehmung von Klibanskys Oeuvre verzerrt. Wichtigste Durchbrüche gelangen ihm durch Schriften von erstaunlich geringem Umfang, vor allem durch seine beiden ebenso schmalen wie gehaltreichen Studien Ein Proklos-Fund und seine Bedeutung (1929) und The Continuity of the Platonic Tradition during the Middle Ages (zuerst 1939), deren Titel das Forschungsprogramm formuliert, dem Klibansky sein Lebenswerk widmete. 1998 blickte er im Gespräch mit seinem Schüler Georges Leroux auf sein bewegtes und intellektuell so reiches Leben zurück; die Erinnerungen an ein Jahrhundert sind 2001 auf Deutsch erschienen.

Geprägt vom liberalen Geist des Heidelberg der zwanziger Jahre, blieb Kilbansky dieser Stadt und ihrer Universität sein Leben lang verbunden. Der Philosophischen Fakultät gehörte er als emeritierter Professor an, er war Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. 1986, im 600. Jahr ihres Bestehens, ernannte ihn die Ruprecht-Karls-Universität zu ihrem Ehrensenator. Die Verbindung von Tradition und Weltoffenheit, die diese alte europäische Universität in ihren besseren Zeiten ausgezeichnet hatte, hat Klibansky geliebt. Nie hat er vergessen, daß sie die Größe hatte, dem wegen seiner Bibelkritik verfehmten Philosophen Spinoza einen Lehrstuhl anzubieten. Ihren Privatdozenten Klibansky schütze die Universität 1933 nicht. Als der Terror vorbei war, erinnerte sie sich seiner erst spät. In diesem Jahr gedenkt die Ruperto Carola in Dankbarkeit eines der größten Gelehrten, die aus ihr hervorgegangen sind. Wir sind stolz, daß er zu uns gehört hat. Die Philosophische Fakultät und das Philosophische Seminar wissen sich seinem intellektuellen Vermächtnis bleibend verpflichtet.

Prof. Dr. Jens Halfwassen
Philosophisches Seminar



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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