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15. Juli 2005

Das Kunstobjekt im Auge des Betrachters

Kunsthistoriker der Universität Heidelberg erforschen, was passiert, wenn wir ein Bild anschauen

Warum gehen manche Menschen mit großer Begeisterung durch Museen, verweilen hier, schauen da, gehen ein wenig dichter an die Gemälde heran und haben dabei mitunter ein überirdisch glückliches Lächeln im Gesicht, während andere sichtlich gelangweilt durch die Gänge schlendern oder im Sturmschritt durch die Flure eilen? "Der geübte Betrachter verspürt bei vielen Kunstwerke ein Gefühl des Wohlgefallens, weil er bestimmte Strukturen wiedererkennt", erklärt Professor Raphael Rosenberg vom Institut für Europäische Kunstgeschichte. Rosenberg forscht auf einem Gebiet, das nicht nur für Kunsthistoriker interessant ist; er untersucht, was sich im Auge des Betrachters abspielt, wenn er ein Gemälde anschaut.

Vor gut drei Jahren haben Professor Rosenberg und sein Kollege, der Psychologe Dr. Christoph Klein, begonnen, dieses kunsthistorische Neuland zu betreten. Beide lehrten damals in Freiburg und gründeten eine interdisziplinäre Forschergruppe; das Rektorat schob das ungewöhnliche Projekt mit 22 000 Euro an. Inzwischen lehrt Rosenberg an der Universität Heidelberg, Klein zog es nach Großbritannien. Doch die Forschungen gehen weiter.

"Der Blick des Betrachters springt etwa drei Mal pro Sekunde; das geschieht völlig unbewusst und ist Voraussetzung, dass wir überhaupt scharf sehen können", erläutert Professor Rosenberg. Diese Tatsache hat der französische Augenarzt Emile Javal bereits 1878 beschrieben, doch erst heute stehen den Forschern digitale Kameras zur Verfügung, die es ermöglichen, diese Blickbewegungen präziser zu erfassen. So waren im Psychologischen Institut der Universität Freiburg Studenten, die mit einer Kleinbildkamera auf dem Kopf und diverse Kabeln ausgestattet konzentriert auf ein Bild starrten, keine Seltenheit.

"Wir haben eine Digitalkamera auf einen Fahrradhelm montiert und bei 30 Personen drei Wochen lang gemessen, wie ihre Augenbewegungen verlaufen", berichtet der Kunsthistoriker. Die Kamera sendet eine Infrarotwelle auf das Auge und misst ständig den Standort der Pupille; dieser Standort wird dann in eine Linie umgesetzt, die, auf das angeschaute Gemälde übertragen, genau zeigt, wo das Auge des Betrachters wie lange verweilt hat. Auch wenn der Proband den Kopf schüttelt oder vor dem Bild hin- und herspaziert, beeinträchtigt das die Messungen nicht; ein elektromagnetisches Positionierungssystem rechnet die Blickbewegung zurück.

Obwohl diese Datenmenge noch sehr gering ist, ist das Ergebnis eindeutig: Kunstgeschichtsstudenten wiederholen bestimmte Blickbahnen bis zu 50 Mal hintereinander, während Probanten, die im Anschauen von Bildern nicht so geübt sind, das Interesse schnell verlieren. Als Objekt dienten unter anderem Bruegels Gemälde des Blindensturzes, eine Verkündigungsszene von Filippino Lippi aus der Frührenaissance sowie Franz Marcs "Kämpfende Formen".

So unterschiedlich die Bilder auch sind, eins wurde den Forschern schnell deutlich: wer einen Zugang zu Kunstwerken hat, schaut ein Gemälde länger und intensiver an, weil er dort Strukturen entdeckt, die ihm gefallen. Vorerfahrungen sind also prägend für die ästhetische Wahrnehmung. Werbefachleute setzen dieses Wissen schon lange ein, wenn es darum geht bestimmte Produkte zu vermarkten Doch die Forschungen von Professor Rosenberg könnten auch für die Kognitions- und die Naturwissenschaften ganz neue Wege eröffnen.

"In den Naturwissenschaften werden riesige Datenmengen in Bilder übersetzt, beispielsweise bei der Rastermikroskopie und der Computertomographie. Wenn wir genauer wissen, wie diese Bilder im Auge und im Gehirn verarbeitet werden, ist das von großer Bedeutung für alle Disziplinen, die mit Bildmaterial zu tun haben", so Professor Rosenberg. Dazu sind neue Messgeräte nötig, die gerade entwickelt werden. Eine Berliner Firma produziert die Hardware, deren Entwicklung schon weitestgehend abgeschlossen ist; die Software, mit der die Blickbewegungen noch genauer gemessen werden können, entwickelt gerade die Arbeitsgruppe um Professor Rosenberg. Die Ergebnisse sind dann nicht nur für die Kunsthistoriker spannend.

Ingeborg Salomon



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Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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Irene Thewalt
Tel. 06221 542311, Fax 542317
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