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21. Juli 2005

Eine der bedeutendsten Ausgrabungen in Europa

Clemens Eibner vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg leitet Forschungen in Stillfried an der March (Österreich)

Das Sprunggelenk eines großen Wiederkäuers (vermutlich eines Rindes) aus der Urnenfelderzeit gehört zu den seltenen verzierten Funden.
Das Sprunggelenk eines großen Wiederkäuers (vermutlich eines Rindes) aus der Urnenfelderzeit gehört zu den seltenen verzierten Funden. "Leider können wir diese ‚Botschaft' nicht wirklich lesen", meint Prof. Eibner vom Heidelberger Seminar für Ur- und Frühgeschichte. "Doch könnte es sich um Himmelsregionen handeln, wie sie im Vorderen Orient und bei den Etruskern in der Leberschau zur Vorzeichenausdeutung genutzt wurden. Für das in der Antike beliebte Knöchelspiel, bei dem bis zu fünf Astragali – ähnlich unseren Spielwürfeln – geworfen und die Lage für die Berechnung der gewürfelten Augen ausgezählt wurde, ist das Objekt wohl zu groß."
Foto: privat

Rund 770 Kilometer südöstlich von Heidelberg findet sich in Österreich – direkt an der Grenze zur Slowakei – eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten Europas. Stillfried an der March nennt sich der 630-Seelen-Ort, der in der Lößlandschaft am Fluss March liegt. Diese bietet archäologische Zeugnisse vom Paläolithikum bis zur Gegenwart – und ideale Bedingungen auch für Heidelberger Wissenschaftler, in deren Fokus eine rund 23 Hektar große Wehranlage der Urnenfelderzeit steht. Sie stammt aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert und ist Ziel regelmäßiger Lehr- und Forschungsgrabungen aus Heidelberg.

"Die Wallanlage in Stillfried an der March ist für uns geradezu perfekt. Denn das Plateau, auf dem vor rund 3000 Jahren ein Ringwall errichtet wurde, liegt gut 26 Meter über der Marchniederung – und somit weit über der Hochwassergrenze", erklärt Clemens Eibner vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg. "Den Vorteil eines überschwemmungsfreien Plateaus erkannten die Menschen schon vor 35 000 Jahren, als sich die ersten altsteinzeitlichen Jäger und Sammler dort niederließen. Gerade letzten Sommer fanden wir fünf Steingeräte aus dieser Epoche", berichtet Prof. Eibner.

Er ist seit rund 20 Jahren für die Organisation der dortigen Lehrgrabungen zuständig, die unter anderem auch für Studierende anderer Archäologien nützlich sind. In dem weichen Lößboden zersetzt sich zwar organisches Material wegen des hohen Mineralgehalts rasch, Knochen jedoch werden sehr gut konserviert. Und aus sehr vielen Knochen bestand denn auch einer der spektakulärsten Funde, den die Wallanlage bislang freigab. Der Fund einer urnenfelderzeitlichen Mehrfachbestattung in einer Speichergrube wurde als die "Sieben von Stillfried" bekannt. Möglicherweise handelt es sich bei den sieben Skeletten um die Folge einer blutigen Ablöse in der Thronnachfolge der "Fürsten" von Stillfried.

Ein weiterer bedeutender Fund – zwei Spangenpanzer – stammt hingegen aus römischer Zeit. "Anfangs dachten wir, es handle sich hierbei nur um einen einzelnen Panzer und haben ihn als Block geborgen. Doch bei der Restaurierung in Mainz wurde erkannt, dass es sich um gleich zwei solcher Rüstungsteile, die von römischen Soldaten getragen wurden, handelt. Überraschend war jedoch, dass sie ganz offensichtlich rituell beerdigt wurden", berichtet Eibner. "Die Panzer gehörten wohl unbotmäßigen Germanen – ihnen wurden die Waffen abgenommen und als Trophäen aufgenagelt. Als diese Waffen unansehnlich wurden, opferte man die Panzer mit einem Kultmahl aus Weinbergschnecken und Tierknochen den Göttern." Geschehen sein muss dies in etwa zwischen den Jahren 160 und 170 nach Christus – kurz vor dem Überfall der Germanen auf das Römische Reich im Jahr 180.

Wehranlage der Urnenfelderzeit

Kriegerische Konflikte erlebte die Wehranlage, die bis ins 16. Jahrhundert bevölkert war, aber auch noch in späteren Jahrhunderten. So gab es im Hochmittelalter einen Zusammenschluss von Böhmen und Ungarn gegen diese Burg, die ein Herrschaftszeichen des Deutschen Königs war. "Von dieser Auseinandersetzung berichten uns heute einige Armbrustbolzen, an deren Position wir sogar noch die Schussrichtung erkennen können", freut sich Eibner, der die Anlage auch jenseits militärischer Aspekte beachtet wissen möchte.

"Natürlich sind Funde wie die beiden römischen Panzer oder die sieben Skelette in der Speichergrube aufsehenerregende Höhepunkte unserer Forschungsgrabungen. Doch sollte man darüber nicht vergessen, dass wir in Stillfried an der March nicht nur generell hervorragende Grundbedingungen für unsere Arbeit finden – sondern auch beste Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Begleituntersuchung haben. Das schließt beispielsweise die Paläopedologie – also die Erforschung vorzeitlicher Böden – die Anthropologie, die Zoologie, die Botanik, die Chemie und viele andere Dinge mehr mit ein", betont der gebürtige Österreicher. "Die dichte Besiedlung des Ringwalls über die vielen Jahrtausende hinweg lässt nämlich die umfassende Erforschung einer Mikroregion zu – und das in einem Zeitraum von gut 30 000 Jahren."

Dass der Wall bei Stillfried über so lange Zeit ein Kristallisationspunkt menschlicher Besiedlung war, liegt auch an der überregionalen Bedeutung des Ortes im europäischen "Fernstraßennetz". So schneiden sich in Stillfried zwei wichtige Routen. Zum einen die nordsüdlich verlaufende "Bernsteinstraße" – diese alte Handelsroute existierte seit dem Neolithikum und reichte vom Samland bis nach Aquileia (unweit dem heutigen Venedig) – und zum anderen jene ostwestliche, hochwasserfreie Verbindung, die als "nördlicher Donauweg" bekannt ist. "Und natürlich darf man den über Stillfried nach Santiago de Compostella verlaufenden Jacobsweg nicht vergessen! Immerhin fanden wir neben diversen Kleinfunden wie Pilgermuscheln auch ein so genanntes ,Pilgerhorn' – ein spezielles keramisches Musikinstrument also."

Man spürt im Gespräch mit Clemens Eibner, wie viel Freude ihm seine Arbeit macht, bei der er die Geschichte in Form von "geschichteten" Hinterlassenschaften früherer Epochen zum Sprechen bringt. "Es macht einfach Spaß, die Historie auf solch eine direkte Art und Weise zu erleben", gibt er zu. Auf die körperliche Anstrengung legt der Grabungsleiter übrigens größten Wert. "Die Lehrgrabungen sollen auch ein Verständnis menschlicher Ressourcen vermitteln. Nur so kann man eine Vorstellung davon bekommen, was ein Mensch zu leisten in der Lage ist."

Internationales Grabungsflair

Natürlich üben die 15 bis 30 Teilnehmer, die jährlich nach Stillfried fahren, aber auch die fotografische Dokumentation, das maßstabsgerechte Zeichnen oder das filigrane Freilegen kleinster Strukturen – wobei der Pinsel heute nur noch selten zum Einsatz kommt. "Wir verwenden eher den Staubsauger, mit dem man schonender an das Material herangehen kann", erklärt Eibner, der sich stets auch darum bemüht, Volontäre aus Osteuropa einzuladen. "Das gibt dem Ganzen ein sehr internationales Grabungsflair – und das ist schon interessant", betont der Archäologe, der zugleich die Vorteile von Stillfried gegenüber anderen Grabungsorten – beispielsweise im Orient – betont. "Dort ist eine Grabung immer auch eine Expedition, während uns in Stillfried ein Grabungshaus zur Verfügung steht. Allerdings ziehen viele die Unterbringung in Zelten vor, was bei sommerlichen Temperaturen kein Problem darstellt."

Die Grabungen erfolgen in Zusammenarbeit mit dem Bundesland Niederösterreich, wobei vor Ort eine kleine Dauerausstellung der Funde zu besichtigen ist. Die Bedeutung des Grabungsortes wurde schon vor 130 Jahren "entdeckt", wobei seit 30 Jahren durchgehend Ausgrabungen stattfinden. "Neben den Panzern und den Skeletten fanden wir bereits unzählige weitere Überreste. So hatten wir letzen Sommer erstaunlich viele Fischreste – so auch von einem kapitalen Hecht – sowie einen 3000 Jahre alten bronzenen Angelhaken, was bei der direkten Nähe zur March keine wirkliche Überraschung darstellt", erklärt Eibner. Allerdings: "Etwas erstaunt waren wir hingegen, als wir vor einiger Zeit verkohlte Weintraubenkerne aus der Bronzezeit fanden, was einen weiteren Beweis für die Tatsache erbrachte, dass in dieser Region schon vor 3000 Jahren Wein angebaut wurde – lange, bevor die Römer hierher kamen."

Heiko P. Wacker



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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