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6. Juli 2005

Wahnsinnige werden an Bäume gefesselt

"Psychiatrie in Afrika – Fotografische Erkundungen": Ausstellung der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg

Misshandelt von der eigenen Familie: Ausstellung "Psychiatrie in Afrika" im Prinzhorn-Museum.
Repro: Kresin

Bevor man sich den Exponaten zuwendet, sollte man sich kundig machen, denn die Fotos im Erdgeschoss – sie wurden von Leonore Mau in den 70/80er Jahren für das vor einigen Monaten erschienene Buch "Psyche" des 1986 gestorbenen Schriftstellers Hubert Fichte aufgenommen – erschließen sich nicht unbedingt von selbst. Sie setzen einiges an Wissen voraus im Gegensatz zu den erst vor einigen Jahren für die Sondernummer "Madness" der italienischen Zeitschrift "Colors" entstandenen gestylten Aufnahmen, die auf der Galerie ausgebreitet werden. "Psychiatrie in Afrika – Fotografische Erkundungen" heißt die Präsentation der Heidelberger Sammlung Prinzhorn, die, veranstaltet innerhalb des "Monats der Fotografie" im Rhein-Neckar-Dreieck, von Dr. Thomas Röske und Monika Jagfeld konzipiert wurde und ergänzt wird durch eine kleine Kabinettausstellung von Dr. Bettina Brand-Claussen mit Patientenarbeiten aus der berühmten Kollektion Prinzhorn, zum Teil märchenhafte Darstellungen oder Zeichnungen von fantastischen Tieren aus der Zeit um 1900, die sich Afrika als Sehnsuchtsland widmeten und seine exotischen Reize einzufangen suchten. Die Kolonialisierung spielte da eine nicht unbedeutende Rolle.

Auslöser des Ausstellungsprojekts war zum einen das (verspätete) Erscheinen von Fichtes Großband "Psyche", in dem es primär um in Afrika (vor allem in Benin, Togo und im Senegal) eingesetzte Rituale im Kampf gegen psychische Krankheiten geht sowie um das erwähnte Heft "Madness" von 2002 mit Porträts von seelisch Kranken, die in Südafrika und an der Elfenbeinküste entstanden. So werden zwei Positionen gegenübergestellt, die sich unterscheiden, aber auch gegenseitig erhellen.

Der Besucher der nicht unbedingt als ethnografisch aufzufassenden Foto-Schau wird mit einer fernen Welt konfrontiert, in der auf psychische Krankheiten anders reagiert wird als in Europa. Das zeigen schon die – künstlerischen – Fotografien von Leonore Mau vom Zaubermarkt in Lomé in Togo mit allerlei befremdlichen Utensilien, die die Heiler einsetzen. Das können skelettierte Vogelschädel, Affenpfoten oder ähnliches sein. Ein Junge mit Blisterpackung (das ist die silberne Folie, aus der man die Tabletten durchdrückt) vor den Augen wurde als Motiv fürs Ausstellungsplakat ausgewählt, und Fotos von Menschen, die wie Müll auf der Straße herumliegen, dokumentieren eine traurige Variante des Umgangs mit den Hilfebedürftigen.

Andere Aufnahmen von Leonore Mau zeigen Krankenhausinsassen, die zum Beispiel in der Klinik Fann in Dakar im Senegal mit Psychopharmaka behandelt werden oder – und dies als öffentlich exerzierte Disziplinierungsmaßnahme – sogar mit Elektroschocks. Diese Bilder werden konfrontiert mit Aufnahmen von rituellen Heilverfahren, an denen Mitglieder des Stammes teilnehmen und die man im psychiatrischen Dorf nicht einsetzt. Den Kranken unterzieht man einer anstrengenden Prozedur, bei der unter anderem das Blut eines geschlachteten Ochsen und saure Milch eine Rolle spielt. Ganz im Sinne moderner Familientherapie wird dabei auf den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft gesetzt, denn die Krankheit entsteht oft, wenn einer aus dem Verband ausbricht.

Die relativ neuen farbigen Großfotos von "Colors" aus Südafrika (von Dave Southwood) und der Elfenbeinküste (von James Mollison) tragen plakative Überschriften wie "Wenn Du einen Hund ankettest, wird er böse. Das Gleiche gilt für Menschen." Diesen Bildern von "Wahnsinnigen", die mit Fußfesseln an Bäume gekettet sind und verängstigt den Betrachter anschauen, ist zu entnehmen, wie für geisteskrank gehaltene Menschen von ihren Familien behandelt werden, die sie auch schlagen. Ein traditioneller Heiler, Guérisseur genannt, betreut die Kranken. Psychiatrie in Afrika, dies als Resümé, lässt sich mit den hierzulande angewandten Praktiken bei psychischen Erkrankungen kaum vergleichen, aber alle dort üblichen Rituale aus europäischer Sicht abzulehnen, ist möglicherweise zu einseitig.

Heide Seele

Vernissage zu "Psychiatrie in Afrika" heute, 19 Uhr, im Museum Sammlung Prinzhorn, Voßstraße 2, in Heidelberg. Begrüßung Prof. Christoph Mundt, Einführung Dr. Thomas Röske. Die Ausstellung ist bis 9. Oktober geöffnet, Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Öffentliche Führungen mittwochs 18 Uhr, sonntags 14 Uhr. Info: www.prinzhorn.uni-hd.de



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