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20. Juni 2005

Klänge vom Rand des Ichs

Carola Schlüter mit Schönbergs "Erwartung" im Prinzhorn-Museum der Universität Heidelberg

"Expressionismus und Wahnsinn" – ein möglicherweise misszuverstehender Titel für eine wunderbare Ausstellung, die im Museum Sammlung Prinzhorn Heidelberg gerade zu Ende ging. Waren doch die expressionistischen Künstler zu Beginn ihres Wirkens oft dem Verdacht ausgesetzt, verrückt oder zumindest dem Wahnsinn näher zu sein als der tradierten Kunst.

Das ging Malern wie Komponisten so. Heute interessieren vor allem die zahlreichen Berührungspunkte, das Interesse der Maler an der "primitiven" Kunst fremder Völker und damals so genannter "Irrer", oder bei Komponisten die Verwendung von Texten, die unter Drogeneinfluss oder in Wahnzuständen geschrieben wurden beziehungsweise diese nachzuempfinden versuchen. Nicht die unwesentlichsten Einflüsse gingen dabei von der Prinzhorn-Sammlung aus. Dies war auch das Thema dieser Bilder- und Dokumentenschau, zu deren Finissage nun ein Konzert die Bezüge in der Musik herstellte.

Dabei sang die Sopranistin Carola Schlüter Lieder von Alban Berg, Theodor W. Adorno und Richard Strauss auf Texte, die ein Außersich-Sein spiegeln, sowie das Monodram "Erwartung" von Arnold Schönberg. Am Klavier begleitete sie der flinkfingrig und ausdrucksstark interpretierende Olaf Joksch.

Kunst sei keine Abbildung des Sichtbaren, sie mache sichtbar, notierte Paul Klee, der zwar kein expressionistischer Maler war, dessen Notiz aber Vieles auf den Punkt bringt, was die avancierte Kunst zu Anfang des 20. Jahrhunderts bewegte und sie letztlich revolutionierte. Hörbar machen wollte auch Schönberg in seinem Monodram von 1909 (op.17) auf einen Text von Marie Pappenheim: Deren Schwester Bertha ist als "Anna O" in die Medizingeschichte eingegangen, denn ihr "Fall" inspirierte Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse. Sie litt unter Hysterie. Auch der Text der Marie Pappenheim hat etwas Hysterisches, was sich in gebrochenen Sätzen, stakkato hingeworfenen, dunkel-gespenstischen Visionen und vielen Dreifachpunkten äußert: Die Liebende wartet auf ihren Liebhaber und findet ihn schließlich tot hinter der Parkbank. Ein typisches Sujet der Zeit und verfasst als innerer Monolog im Stile Schnitzlers. Schönberg folgt in seiner Musik jeder Regung des Textes, macht auch hörbar, was die häufigen Pünktchen nur andeuten: Man hört Klänge vom Rand des Ichs.

Carola Schlüter zeigte hier die ganze Ausdrucksvielfalt und Stärke ihrer sicher geführten Stimme und lieferte sich dem selten aufgeführten Werk gnadenlos aus. Nichts weniger als solche Selbstentäußerung verlangt das Stück: Ein großer Auftritt, zu dem der Pianist (er spielte klanglich illustrierend aus dem Klavierauszug) Wesentliches beitrug.

Demgegenüber fiel der Vortrag der erwähnten Lieder etwas ab. In Bergs drei Beispielen aus den "Sieben frühen Liedern" (1907) vermisste man etwas das Lyrische, das diesen freitonalen Kompositionen noch in hohem Maße anhaftet. Adornos fünf Kompositionen nach Trakl-Texten (op.5, von 1938-41) sind ebenfalls im freitonalen Stil der beiden Anfangsjahrzehnte geschrieben, wenn auch vor sehr viel konstruktivistischerem Hintergrund: Der Berg-Schüler kannte die Reihentechnik bereits bestens, auch wenn er sie hier nicht konsequent anwendet. Vielleicht blieben diese Raritäten daher im Vortrag von Schlüter/Joksch eher trocken und konnten sich vom Notentext kaum lösen. Richard Strauss' Ophelia-Lieder aus op. 67 (1918) hingegen liebäugeln mit der freien Tonalität und klangen in diesem Rahmen sehr viel moderner, als man das gewohnt ist.

Matthias Roth



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