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24. Juni 2005

Luther und die Unfreiheit des Willens

Beim Studium Generale untersuchte Professor Wolfgang Härle die Willensfreiheit aus Sicht der Theologie

Ist der freie Wille eine Illusion? Viele Hirnforscher sind heute der Auffassung, dass der Mensch nur von biochemischen Prozessen gesteuert wird. Im Rahmen der Vortragsreihe des Studium Generale zum Thema "Wie frei ist unser Wille?" zeigte der Theologe Professor Wolfgang Härle, dass diese Diskussion gar nicht so neu ist. Bereits im 16. Jahrhundert stritt der große Reformator Luther mit dem humanistischen Gelehrten Erasmus von Rotterdam intensiv darüber.

Erasmus vertrat unter Berufung auf die Bibel und viele Theologen die Meinung, dass Gott dem Menschen einen freien Willen gegeben habe. Dadurch habe der Mensch die Möglichkeit, sich ohne die Gnade Gottes dem Bösen oder dem Guten zuwenden zu können. Luther hingegen war gegenteiliger Ansicht. Der Unterschied zur heutigen Diskussion liegt darin, dass Gott durch neurochemische Prozesse ersetzt worden ist. Die Fronten sind die gleichen geblieben. Das größte Problem der modernen Forschung stellt die Unterscheidung von Handlungsfreiheit und Willensfreiheit dar: Die Frage ist, ob alle Handlungen einem Willen unterliegen.

Ein maßgeblich wichtiges Experiment Anfang der 80er Jahre beschäftigte sich mit der Messung von Gehirnströmen. Das Ergebnis war, dass die Impulse fast eine halbe Sekunde vor der Handlung erfolgten. Dieses führen Verfechter der "Unfreiheit" immer wieder als Beweis für die Vorherbestimmtheit von Handlungen anführen. Gegner wenden ein, dass diese Messung nicht beweist, dass der Mensch diese Handlung nicht unterdrücken könne.

Hieran macht sich das Dilemma deutlich. Wenn dem Menschen seine Handlungen unterbewusst vorgeschrieben werden: Zählt das bereits als Wille oder ist es nur ein unterbewusster Affekt? Die Experimente ließen die Frage offen, ob die Freiheit besteht, unterbewusste Handlungen bewusst unterlassen zu können.

Eine Frage, die schon Luther und Erasmus umtrieb: Haben wir Einfluss auf den Willen? Neueste neurobiologische Erkenntnisse sagen: "Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun." Der Wille ist also eigentlich ein Affekt, eine nichtsteuerbare Handlung, die von Gehirnströmen geregelt wird. Die Neurobiologie reduziert Handlungs- und Willensfreiheit auf Gene und Gehirnströme.

Härle fügt den bisherigen Freiheitstypen einen neuen hinzu: die "Freiheit als Befreiung". Eine Freiheit, die dadurch entsteht, dass der Mensch "sich selbst als bejaht bejahen kann". Härle definiert das als ein Aufgehen und Annehmen, als ein Übereinstimmen des Menschen mit seiner Bestimmung. Eine inhaltliche Freiheit, in der ein Mensch keine Selbstdarstellung und Selbstinszenierung mehr braucht, um sich angenommen zu fühlen und sich selbst annehmen zu können.

Ein durch und durch theologischer Ansatz, der sich schwer mit dem naturwissenschaftlichem Determinismus, dass alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen ablaufen und dadurch vollständig bestimmt sind, verträgt. Härle meint, dass gerade die moderne physikalische Quantenmechanik diese Sicht der Dinge nicht mehr zulassen kann. Anfang des 20. Jahrhunderts hätte auch die Naturwissenschaft lernen müssen, dass nicht mehr alles genau vorherbestimmbar sei.

Eine These, die auch zu regen Diskussionen im Anschluss führte, allerdings zu keiner Einigung. Theologie und Naturwissenschaft sind Härle zufolge zwei Ansätze, unter der man die Frage nach dem freien Willen betrachten kann. Von einer übereinstimmenden Antwort ist man aber noch weit entfernt.

Reinhard Lask



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Tel. 06221 542310, Fax 542317
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