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21. Juni 2005

Die Freude am Leiden anderer Menschen

Gespräch: Angelos Chaniotis über Gladiatorenkämpfe im antiken Aphrodisias

Herr Prof. Chaniotis, Sie nehmen regelmäßig an Ausgrabungen in Aphrodisias in der Türkei teil. Einige Ihrer dortigen Funde verweisen auf Gladiatorenkämpfe, die auch immer wieder spektakulär im Kino gezeigt wurden.

Das Thema der Gladiatorenkämpfe hat nicht nur Kinofilme inspiriert, sondern auch Kunst und Musik – etwa ein Ballett über Spartacus. Die berühmtesten Filme sind "Spartacus" mit Kirk Douglas in der Titelrolle und "Der Gladiator" mit Russell Crowe, der zu den erfolgreichsten Streifen der Kinogeschichte zählt. Aphrodisias, wo ich seit 1995 tätig bin, war eine der wichtigsten Städte im antiken Kleinasien und zugleich der Ort mit dem am besten erhaltenen Stadion der damaligen Welt.

Was spielte sich dort ab?

Hier wurden immer wieder Spektakel veranstaltet, darunter auch Gladiatorenkämpfe. Früher meinte man, dass diese Kämpfe nur im westlichen Teil des Römischen Reiches beliebt waren und die kultivierten Griechen zu solchen Schauveranstaltungen eine Distanz hatten. Die Funde aus Aphrodisias zeigen aber das genaue Gegenteil: Es gibt zahlreiche Inschriften und Grabsteine von Gladiatoren, die bereits vor meiner dortigen Tätigkeit entdeckt wurden. Aber auch in den letzten Jahren habe ich entsprechende Graffiti gefunden – primitive Zeichnungen von Dilettanten, die Gladiatorenkämpfe zeigen.

Wie erklären Sie sich die damalige Faszination der Gladiatorenkämpfe?

Möglicherweise herrschte im Imperium Romanum zu lange Frieden. Von Gewalt und Blut ging eine ungeheure Faszination aus; man hatte eine kaum erklärbare Freude am Leiden anderer Menschen – diese Beobachtung können wir auch in modernen Gesellschaften machen, etwa im Hinblick auf Thriller, Katastrophen- und Horrorfilme. Dies hängt damit zusammen, dass die westlichen Gesellschaften in der Regel seit 60 Jahren keinen Krieg erlebt haben. Wir sehen hier eine dunkle Seite der menschlichen Seele. Aber gleichzeitig zeigt sich ein wichtiger Aspekt der Mentalitätsgeschichte: wie damals ein Gewaltpotential auf ein Spektakel in einer Arena projiziert wurde.

Spiegeln die Gladiatorenkämpfe nicht auch den Überlebenskampf der Zuschauer wider?

Tatsächlich kommt hier auch die Todesangst bei allen Menschen zum Vorschein – in der Arena allerdings projiziert auf andere: der Zuschauer sitzt bequem auf seinem Platz, während die Gladiatoren um ihr Leben kämpfen. Hinzu kommt die Spannung, denn der Ausgang ist unbekannt. Das ist wie bei einem guten Krimi; allerdings ist keineswegs sicher, dass am Ende die "good guys" gewinnen. Mitunter waren Gladiatoren Menschen, die zum Tode verurteilt waren. In diesen wenigen Fällen hatte der Gladiatorenkampf auch den Sinn einer Bestrafung.

Welche wissenschaftlichen Projekte werden in Aphrodisias durchgeführt?

Die New York University ist der Hauptträger der Ausgrabung. Als ich in New York als Professor gearbeitet habe, war ich mit der Publikation der Inschriften beauftragt, und diese Tätigkeit habe ich in Heidelberg fortgesetzt. Die New York University ist zuständig für die Erforschung der antiken Stadt, die etwa 250 Kilometer östlich von Izmir liegt. Gegenwärtig werden die beiden Marktplätze ausgegraben. Die Oxford University ist in Aphrodisias mit der Untersuchung der Skulpturen beteiligt – es gibt kaum eine andere Stadt, wo so viele Skulpturen und Statuen gefunden werden. Weil dort berühmte Marmorsteinbrüche existierten, war ein großer Teil der Bevölkerung mit der Bildhauerei beschäftigt. Meine Forschungen für die Universität Heidelberg betreffen die Inschriften in griechischer und lateinischer Sprache sowie die Graffiti, also Zeichnungen einfacher Menschen, die man überall in der Stadt findet.

Welches Bild ergeben die Gladiatorenzeugnisse von den damaligen Kämpfen?

Neue Erkenntnisse über die Art und Weise der Gladiatorenkämpfe gewinnt man aus diesen Zeichnungen nicht. Allerdings zeigen uns diese Funde den unmittelbaren Blick des Zuschauers auf die Kämpfe und auch die Perspektive des Gladiators selbst. Zu den neuen Funden zählt eine Steinplatte, in die wohl ein Zuschauer – vielleicht ein Bildhauer – vor etwa 2100 Jahren in der Arena mit einem Werkzeug seine Erlebnisse eingeritzt hat. Zu sehen sind drei Kämpfe, von denen einer bereits entschieden ist: ein Retiarius, der mit Netz und Dreizack bewaffnet ist, bringt einen Secutor – einen mit Helm, Schild und Schwert bewaffneten Kämpfer – um; in der mittleren Ebene wird ein unentschiedener Kampf samt einem Schiedsrichter mit erhobenem hölzernen Schwert dargestellt; und darunter befindet sich eine Szene, in der sich ein Retiarius umgedreht hat und wegläuft.

Welche weiteren Zeugnisse gibt es?

Ein anderer neuer Fund zeigt uns die Perspektive des Gladiators und seine Ängste. Es handelt sich um eine Weihinschrift, gerichtet an die Göttin Nemesis, die Göttin der Gerechtigkeit und der Strafe. Ein Gladiator mit dem mythologischen Namen Sarpedon – so hieß ein Sohn des Zeus in der "Ilias" – weiht gemäß seinem Gelübde Nemesis nach erfolgreichem Kampf ein Relief. Es ist geschmückt mit der Darstellung eines Kranzes, ein Hinweis auf seinen Sieg, und zweier Ohren, ein Hinweis auf die Göttin, die seine Gebete erhört hat. Besonders interessant bei diesem Relief ist, dass später ein zweiter Gladiator sein Gelübde aufgezeichnet hat. Vielleicht war er zu arm oder zu geizig für ein eigenes Weihgeschenk und hat das Relief seines Kollegen verwendet, um sich an Nemesis zu wenden. Dies deutet darauf hin, dass Sarpedon nicht sehr lange erfolgreich war.

Es gab bei den Kämpfen auch den Einsatz von Tieren.

In Aphrodisias habe ich eine Reihe von Graffiti mit der Darstellung von Löwen gefunden. Diese Tiere sind in Anatolien nicht heimisch und wurden eigens für die so genannten Tierhetzen eingeführt. Die Spektakel zu Ehren des Kaisers wurden von reichen Bewohnern, den Mitgliedern der lokalen Elite, organisiert. Und mindestens 10000 Zuschauer, die zum Teil anreisten, kamen zu den populären Schauveranstaltungen.

In Kürze reisen Sie wieder nach Aphrodisias. Welche Perspektiven ergeben sich dort?

Man kann die Stadt als das Eldorado eines Epigraphikers bezeichnen, und ich bin Professor für Alte Geschichte und Epigraphik. Dort werden immer wieder Inschriften gefunden; sie sind die einzigen Quellen neuer Informationen. Wir haben inzwischen schon mehr als 2000 Objekte, und alle diese Funde geben wertvolle Einblicke in den Alltag einer antiken Stadt. Wir bereiten eine große Datenbank vor, und ich arbeite an einem Buch mit dem Titel "Von der Stadt der Aphrodite zur Stadt des Kreuzes": Denn Aphrodisias wandelte sich von einer heidnischen Stadt zu einem Zentrum der christlichen Religion.

Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung



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Tel. 06221 542310, Fax 542317
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