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11. Mai 2005

Das Geheimnis am Roopkund-See

Wissenschaftliche Expedition auf das Dach der Welt: Interview mit dem Heidelberger Ethnologen William Sax über das indische Filmprojekt "Skeleton Lake"

Hintergrund
In den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts machten Waldarbeiter in der Garwhal-Region des indischen Bundesstaates Uttaranchal am Roopkund-See auf 5000 m Höhe einen sensationellen Fund. Am Ufer des Sees lagerten die Gebeine und Überreste von ca. 600 Menschen. Dieser Fund führte in der Fachwelt zu vielen Spekulationen: Warum sind die Menschen am Roopkund-See umgekommen? Woher kamen sie, und wer waren sie? Erst eine Expedition im Jahr 2004, den die US-amerikanische National Geographic Society in Auftrag gegeben hatte, kam man dem Geheimnis am Roopkund auf die Spur. Die Expedition bestand aus einer Reihe von internationalen Wissenschaftlern wie Archäologen, Paläoanthropologen und Ethnologen. Mit dabei war auch der Heidelberger Ethnologe Prof. William Sax, Leiter der Abteilung des Südasien-Instituts Heidelberg. Als Spezialist für den westlichen und zentralen Himalaja hatte er die wissenschaftliche Leitung der Expedition übernommen. Ein Team der indischen Filmgesellschaft Miditech begleitete die Wissenschaftler. Das Ergebnis der Expedition ist der Film "Skeleton Lake", den der amerikanische Sender National Geographic Channel im November 2004 zum ersten Mal in Amerika ausstrahlte. Inzwischen wurde "Skeleton Lake" schon mit großem Erfolg in Ländern wie Indien und Italien gesendet. /p>

Im Auftrag der "National Geographic Society" hat die indische Filmgesellschaft Miditech den Film "Skeleton Lake" im Jahr 2004 produziert. Er zeigt die Expedition einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern unter Leitung von Prof. William Sax an den Roopkund-See in Indien. Der Forscher ist Leiter der Abteilung Ethnologie am Südasien-Institut Heidelberg.

Der Film "Skeleton Lake" führt auf das Dach der Welt in etwa 5000 Metern Höhe – in die karge Bergwelt des Garwhal-Himalaja Nord-Indiens an den Roopkund-See. Dort ruhte lange ein Geheimnis.

Am und im Roopkund See lagert seit Jahrhunderten eine große Anzahl von menschlichen Gebeinen, deren Herkunft im Dunkeln liegt. "Warum sind die Menschen dort gestorben?", "Wer waren sie?", "Woher kamen sie, und wohin wollten Sie?" Dies sind die entscheidenden Fragen, mit denen sich der Film befasst. Eine Untersuchung aus den 60er Jahren der Universität Michigan datierte das Alter der Knochen auf ca. 800 Jahre, und die einheimischen Mythen und Legenden nahmen auf das Geschehen am Roopkund-See Bezug.

Der amerikanische Sender "National Geographic Channel" strahlte "Skeleton Lake" als Teil einer Serie "Riddles of the Death" (Geheimnisse der Toten) im November 2004 aus. Sie haben als wissenschaftlicher Leiter in Zusammenarbeit mit indischen und anderen internationalen Fachleuten die Filmarbeiten begleitet.

Da ich schon seit 25 Jahren in dieser Region forsche und mich mit dem Kult der Göttin Nanda Devi beschäftige, wurde das Filmteam auf mich aufmerksam. Schon in meiner Dissertation habe ich mich mit der Pilgerfahrt zu Ehren der Göttin Nanda Devi befasst, eine Pilgerschaft, die alle 12 Jahre – zum letzten Mal im Jahre 2000 – stattfand. Mein Interesse bei dem Filmprojekt galt in erster Linie den lokalen Legenden und Geschichten, die einen Bezug zwischen dem Göttinnenkult und dem Roopkund-Rätsel herstellten, von denen ich mir Hinweise über das Schicksal der Toten am See versprach. Eine Expedition zum Roopkund-See sollte neue Erkenntnisse über die Hintergründe des tragischen Geschehens liefern. Die Geschichte selbst, ihre Einbettung in die Kultur und das große Engagement des indischen Filmteams führten dazu, dass ich die wissenschaftliche Leitung des Films übernahm.

Über das Schicksal der Toten am Roopkund-See existiert eine Reihe von verschiedenen Erklärungstheorien.

Eine Region, in der seit mehr als 200 Jahren wichtige Pilger- und Handelsrouten verliefen, bot verschiedene Antworten auf das Roopkund-Rätsel an. Manche Wissenschaftler vermuteten, dass die Menschen am Roopkund Händler gewesen seien, die auf einer Handelstour ums Leben kamen. Für diese Erklärung sprach die Tatsache, dass im Garwhal in früheren Jahrhunderten Handel zwischen Indien und Tibet stattfand. Laut dem Bericht der ersten wissenschaftlichen Expedition fand man Leichname mit langem Haar, was auf eine mögliche tibetische Herkunft hindeutete.

Andere Wissenschaftler vertraten die Theorie der "verschwundenen Armee": Es ist überliefert, dass die Armee eines mittelalterlichen Moghul-Kaisers auf dem Weg nach Tibet verloren gegangen war. Waren die Menschen am Roopkund diese Krieger, die in der Bergwelt des Himalaja aus uns unbekannten Gründen verschollen waren? Wieder andere vermuteten, dass die Menschen an Pest gestorben seien und dann an den See gebracht wurden.

Die starke Verbindung der Landschaft zur hinduistischen Mythologie führte auf eine andere Spur. Seit Jahrhunderten gilt die Garwhal-Region als Land der heiligen Berge, Flüsse und Seen. Das Ursprungsland des heiligen Flusses Ganges mit dem heiligen Berg Nanda Devi, der als göttliche Nanda verehrt wird, war und ist Rückzugsgebiet der Eremiten, Sadhus und Swamis. Diese heiligen Männer widmeten sich den Schriften und der Meditation, um dem Göttlichen näher zu kommen. Inschriften belegen, dass Hindu-Mönche in dieser Region religiöse Suizide verübten, allerdings wurde dies nie als kollektives Ereignis nachgewiesen. Gab es einen Zusammenhang zwischen den Toten am Roopkund und der hinduistischen Tradition?

Ich selbst ging davon aus, dass die Menschen Pilger gewesen sind, die auf einer Route waren, die noch heute von Pilgern genutzt wird. Die Indizien am Roopkund-See sprachen für sich. So ließ sich eine Theorie nach der anderen ausschließen: Da am See keine Waffen gefunden wurden, konnten die Menschen keine Teile einer Armee gewesen sein. Da man auch Gebeine von Kindern und Frauen fand, war es ausgeschlossen, dass sich Händler auf den Weg gemacht hatten. Die Paläopathologen entschieden, dass Krankheit nicht die Todesursache gewesen sein konnte. Keiner der Wissenschaftler ging zum Schluss davon aus, dass die toten Menschen Mönche gewesen seien.

Welche Erklärung blieb übrig?

Eine Legende, die die Garwhalis tradierten, gibt uns die Antwort: Eine Gruppe von Pilgern aus Rajasthan machte sich auf eine Pilgerreise. Männer, Frauen und Kinder waren auf dem Weg zum Kult zu Ehren der Göttin Nanda Devi. Am Roopkund-See kamen sie in einem Hagelsturm ums Leben. Diese Legende lässt sich durch viele Details bestätigen, z. B. durch Hunderte von Bambusschirmen, die wir in der Region gefunden haben. Diese Schirme tragen die Menschen nur während einer Pilgerfahrt. Sie deuten auf den religiösen Bezug der Reise hin. Moderne Untersuchungsmethoden haben das Alter der Gebeine neu datiert. Die Universität Oxford hat herausgefunden, dass sie älter als 1000 Jahre sein müssen – im Gegensatz zu vorhergehenden Annahmen. Der Fund eines gut erhaltenen Körpers hat exakte DNA-Analysen möglich gemacht, die zum Zeitpunkt, als die Filmarbeiten beendet wurden, allerdings noch nicht ganz abgeschlossen waren.

"Skeleton Lake" arbeitet als Dokumentarfilm mit vielen Effekten, die den Film lebendig und spannend machen. Das kommt dem Betrachter entgegen. Doch entspricht diese Art des Dokumentarfilms auch den Ansprüchen eines Wissenschaftlers?

Als Ethnologe ging ich mit diesem Film ein gewisses Risiko ein, nämlich das Risiko, dass die indische Kultur und die indigene Bevölkerung exotisiert wird. Von vorneherein war klar, dass dies kein ethnologischer, sondern ein kommerzieller Film wird, produziert von indischen Filmleuten, bestimmt für ein amerikanisches Publikum. Mir gelang es jedoch, so weit Einfluss zu nehmen, dass exotisierende Szenen ausgeschlossen wurden.

Beeindruckt hat mich, wie professionell das indische Filmteam vorging. Jeder Fakt musste wissenschaftlich bestätigt werden. Dies spricht für die gute Arbeit von "National Geographic". So entstand eine Mischung, die beide Elemente vereint, den wissenschaftlichen und den unterhaltenden Aspekt. Ich selbst fungiere im Film als Vermittler zwischen der einheimischen Kultur und der Öffentlichkeit. Insofern kann ich mich als Wissenschaftler in dem Film durchaus wieder finden.

War es nicht brisant, gerade dort, wo die Wiege der indischen Kultur steht, als europäischer Wissenschaftler nach der Erklärung für ein Massengrab zu suchen? Die Antwort auf das Roopkund-Rätsel hätte ein dunkles Kapitel in der Geschichte der indischen Kultur aufschlagen können. Wie war Ihre Zusammenarbeit mit den indischen Wissenschaftlern?

Die Inder waren selbst an der Auflösung des Roopkund-Rätsels interessiert. Die Zusammenarbeit mit den einheimischen Wissenschaftlern, die am Projekt teilnahmen, verlief in guter Atmosphäre. Da ich schon lange in der Region forsche, bin ich mit vielen regionalen Wissenschaftlern bekannt. Auch in der Bevölkerung genieße ich Vertrauen; und ich schätze mich glücklich, dass ich gerade dort forschen kann, wo ich viel Unterstützung für meine wissenschaftliche Arbeit erhalte. In Indien war die Resonanz auf den Film sehr positiv. Ein Zeichen dafür ist die Fanpost, die mich regelmäßig aus Indien erreicht.

Anne Schmid-Stampfer



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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