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24. Mai 2005

Im breiten Strom deutsch-polnischer Geschichte

Wissenschaftliche Kooperationen zwischen Heidelberg und Krakau – Bilaterale Rektorenkonferenz anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes

Der arkadengesäumte Innenhof des Collegium Maius
Der arkadengesäumte Innenhof des Collegium Maius (um 1400), des ältesten Gebäudes der Jagiellonen-Universität Krakau. Diese ist wiederum die zweitälteste europäische Hochschule nördlich der Alpen. Heute bildet sie das Zentrum der verzweigten Krakauer Hochschullandschaft mit insgesamt 120000 Studierenden.

Zu den internationalen Verflechtungen der Universität Heidelberg gehören auch Verbindungen nach Osteuropa. Neben der Beteiligung an der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest sind vor allem die Unternehmungen "Schule des deutschen Rechts" und "Europäisches Graduiertenkolleg" in Krakau zu nennen, die gemeinsam von den Universitäten Krakau, Heidelberg und Mainz getragen werden. Lobend hervorgehoben wurden diese Kooperationen bei einer polnisch-deutschen Rektorenkonferenz in der Jagiellonen-Universität anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai 2005.

Wenn deutsche Frauen und Männer einen ausländischen Ehepartner wählen, dann stammt dieser am häufigsten aus Polen. Mit derartigen Beispielen wollte der bedeutende Historiker und Politiker Wladyslaw Bartoszewski am 8. Mai 2005 – dem 60. Jahrestag des Kriegsendes – bei der Tagung "Geschichte bewältigen und in die Zukunft schauen", gemeinsam durchgeführt von der polnischen und deutschen Hochschulrektorenkonferenz, den Zuhörern Mut zusprechen. Und solche Ermutigungen sind gerade in dieser Stadt unweit des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz bitter nötig.

Das Collegium Novum der Krakauer Jagiellonen-Universität.
Das Collegium Novum der Krakauer Jagiellonen-Universität. Hier erreichte den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl 1989 die Nachricht von der Maueröffnung – mit der Folge, dass er sogleich heimreiste. Hier fand aber auch die "Sonderaktion Krakau" statt, bei der polnische Wissenschaftler von Nazis verschleppt wurden.
Fotos : Vogt

Die jetzige Konferenz begann mit einer Kranzniederlegung an der Gedenktafel zur "Sonderaktion Krakau" in der Jagiellonen-Universität, an der auch der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff teilnahm. Mit dieser "Sonderaktion" am 6. November 1939 im Gebäude des Collegium Novum, bei der 183 Wissenschaftler in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau verschleppt wurden – nur ein Teil überlebte –, wollten die Deutschen auch einen vernichtenden Schlag gegen die polnische Geisteselite führen.

So wurde schon während der feierlichen Eröffnung der Konferenz in den historischen Tuchhallen auf dem zentralen Krakauer Marktplatz Rynek Glówny entsprechend dem Tagungsmotto einerseits versucht, "Geschichte zu bewältigen", andererseits aber auch "in die Zukunft zu schauen". In diesem Sinn unterstrich Prof. Franciszek Ziejka, Präsident der polnischen Rektorenkonferenz und Rektor der Universität Krakau, die Notwendigkeit der Erinnerung an das Geschehene, zugleich jedoch die Aufgabe, "neue Kapitel der Geschichte" zu schreiben.

In der Startphase des deutsch-polnischen Jahres betonten die Gastgeber, dass es nun um ein einiges Europa ohne Hass gehe und dass ein Jahr nach der am 1. Mai 2004 vollzogenen EU-Mitgliedschaft Polens diese von der Mehrheit der Einwohner klar befürwortet werde. Angestrebt wird jedoch auch ein EU-Hochschulraum, insbesondere durch den Bologna-Prozess. Ein Beispiel dafür seien die guten deutsch-polnischen Wissenschaftsbeziehungen, die schon während des Eisernen Vorhangs existiert hätten und in denen der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff während der vergangenen Jahre eine wichtige Rolle gespielt habe.

"Neue Kapitel der Geschichte"

Der Versöhner Bartoszewski – KZ-Überlebender, Ehrenbürger Israels, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, früherer polnischer Botschafter und Außenminister – sprach an diesem historischen Tag auch im polnischen Fernsehen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Vor der Krakauer Konferenz hatte er zuvor betonte, dass sich nach der bewegten polnischen Geschichte nun mit der EU-Mitgliedschaft ein Traum erfülle, denn Polen stehe nun ohne Feinde da und könne an einer europäischen Identität mitwirken.

Zum deutsch-polnischen Verhältnis betonte Bartoszewski, dass "unsere Geschichte in einem viel breiteren Strom fließt" als dies während der überstandenen Diktaturen den Anschein hatte. Das werde allein im Hinblick auf die zwei berühmtesten Krakauer Namen deutlich: Nikolaus Kopernikus und Papst Johannes Paul II. Die beiden Persönlichkeiten von Weltrang zählen zu den illustren Angehörigen der Jagiellonen-Universität, die 1364 gegründet wurde und somit noch älter ist als die Heidelberger Ruperto Carola (1386) – nach der Prager Karls-Universität (1348) ist sie die zweitälteste europäische Hochschule nördlich der Alpen. Schon dieser Sachverhalt zeigt, dass die gemeinsamen Wurzeln weit zurück ins Mittelalter reichen.

Speziell zwischen Polen und Deutschland ist nach Bartoszewski wieder eine vielfältige Annäherung im Gange, nachdem es in der Geschichte auch Jahrhunderte guter Nachbarschaft gegeben hat. Schon in den 1970er Jahren hätten Polen an die deutsche Wiedervereinigung gedacht. Und sein Land habe anders als andere Staaten sogleich die Aufnahme des vereinigten Deutschlands in die Nato befürwortet. Bartoszewski unterstrich, dass Polen ein zuverlässiger Partner sei – nicht von ungefähr engagierten sich dort etwa deutsche Banken. Außerdem lernen heute Millionen polnischer Schüler Deutsch und schaffen so eine "famose Grundlage für die Zukunft". Sogar mit dem neuen Papst Benedikt XVI. aus Deutschland könnten die Polen bestens leben.

Auf deutscher Seite sah Bartoszewski bei den Politikern über die Parteigrenzen hinweg eine positive Einstellung gegenüber seinem Land. In diesem bilateralen Verhältnis haben Willy Brandt, Helmut Kohl, Roman Herzog oder Gerhard Schröder wichtige Schritte getan. Deshalb hätten die Polen heute keine Angst vor Deutschland. Die Frage der Entschädigung für Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit sei zwar erledigt. Als weniger schön bewertete Bartoszewski aber Diskussionen von Vertriebenen-Funktionären im Bundestag, die 60 Jahre nach Kriegsende auch Einwohner Polens aus früheren Ostgebieten des Landes dazu veranlasst hätten, ihrerseits Vertriebenenverbände zu gründen – das vermiese dann die Stimmung.

Allerdings warnte Bartoszewski davor, Einzelfälle aufzubauschen; Phänomene der Fremdenfeindlichkeit müsse man differenzieren. Das Ziel sei es, Europa zu vollenden – und hier solle auch Polens östliches Nachbarland, die Ukraine, seine EU-Chance erhalten. Bartoszewski deutete an, dass Polen starke Vorbehalte allein gegen Russland hat, das offenbar selbst 60 Jahre nach Kriegsende zur Aufarbeitung auch der dunklen Kapitel der Geschichte nicht bereit ist.

Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung



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