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11. Mai 2005

"Der Geist aber ist das Letzte und Höchste"

Zum 200. Todestag Friedrich Schillers am 9. Mai – Der Klassiker wirft wieder bedeutende Schatten – Als Dramatiker in der szenischen Pointe unerreicht

Erhebung in den Reichsadelsstand. Pergament in Samteinband, Siegelkapsel.

Erhebung in den Reichsadelsstand. Pergament in Samteinband, Siegelkapsel. Wien, 7. September 1802.

Gedenkjahre sind nicht ohne Peinlichkeit. Da wird eines Künstlers besonders gedacht, der im imaginären Museum ohnehin mehr als präsent ist – wie es Mozart im nächsten Jahr ergehen wird –, oder ihm wird mit falschen Tönen ein Ruhmeskranz gewunden, dessen Blätter längst welk geworden sind. Die Verlage entfalten eine Betriebsamkeit, deren Früchte oft schal schmecken, zur Erkenntnis des Jubilars kaum Bedeutendes beitragen. Die letzten Goethe-Jahre etwa – 1982 und 1999 – haben mehr Überflüssiges als Wegweisendes auf dem Buchmarkt hinterlassen.

Erstaunliches Schiller-Jahr

Um so erstaunlicher dieses Schiller-Jahr. Gewiss sind unter der Unzahl der Bücher, die dem einstigen Lieblingsdichter der Nation gewidmet sind, viele, die man entbehren könnte. War es etwa notwendig, dass mehr als fünf neue Biographien (von sehr unterschiedlichem Niveau) geschrieben wurden? Und doch: Der Reflexionsstand und die anregende Kraft der meisten Publikationen zum Jubiläumsjahr sind beachtlich. Es scheint so, dass Schiller, der in den letzten Jahrzehnten ganz in den Schatten Goethes, Hölderlins, Kleists oder Büchners geraten war – auf der Bühne überwiegend nur noch mit seinem Jugendwerk präsent, von immer noch anregender Kraft lediglich durch seine Ästhetik, von brennendem Interesse bloß für das kleine Häuflein der Schiller-Experten -, mit einem Male selber wieder bedeutende Schatten wirft. Man hat offenbar intellektuellen Nachholbedarf gegenüber diesem so lange aus unserem lebendigen kulturellen Gedächtnis verdrängten Autor.

Ferdinand Jagemann:

Ferdinand Jagemann: "Schiller auf dem Totenbett". Bleistift und farbige Kreide, entstanden am 10. Mai 1805.

Während Goethe stets eine mehr oder weniger gleichbleibende Resonanz seines Werks beschieden war – ohne extreme Hitze- oder Kältegrade –, trotz aller Antipathien gegen ihn nie ernsthaft daran gezweifelt wurde, dass er "der" Dichter der Deutschen sei, war die Resonanzgeschichte Schillers erheblichen Schwankungen unterworfen. Sein Bild durchlief die ganze Skala der Wertschätzung zwischen Apotheose und Negierung seines Dichtertums, merkwürdigerweise sogar bei ein und demselben Autor: im Falle Nietzsches nämlich. Als sich 1859 der Geburtstag Schillers zum hundertsten Male jährte, brach in Deutschland quer durch alle gesellschaftlichen Schichten eine Jubiläumsbegeisterung aus, wie sie kaum je der Gedenktag eines Künstlers ausgelöst hat. "Nie, so lange die Welt steht, ist die Säkularfeier des Geburtstages eines Menschen im Vaterlande wie in der Fremde so allgemein, so dankbar und großartig begangen worden, wie Schillers hundertjähriger Geburtstag begangen wurde", schrieb seinerzeit Johannes Scherr in seiner "Allgemeinen Geschichte der Literatur".

Der Dichter im nationalen Rausch

Auch in Schulpforta wurde das Jubiläum gebührend gefeiert, wie wir aus einem Bericht Nietzsches vom 8. Dezember 1859 erfahren, in dem es heißt, "dass noch kein Schriftsteller ein allgemeineres Interesse hervorgerufen hat, als Schiller". Auf ihn wurden die – durch das Scheitern der Revolution und die erneute politische Zerstückelung der Nation nach den großen Paulskirchenhoffnungen – enttäuschten Freiheits- und Einigkeitsillusionen des liberalen Bürgertums projiziert, seine Dichtung wurde zum Surrogat der deutschen "Freiheit". Und so schloss auch Professor Koberstein seine Festrede in Pforta nach dem Bericht Nietzsches mit den Worten, "dieses Nationalfest sei ein bedeutsames Vorzeichen für das wiedererwachte deutsche Nationalgefühl, und man könne an diese Feier schöne Hoffnungen für die Zukunft knüpfen".

Dora Stock:

Dora Stock: "Friedrich Schiller". Pastell nach Anton Graff (1786/91), 1794/95. Unsere Abbildungen sind dem Katalog zur großen Marbacher Ausstellung "Götterpläne & Mäusegeschäfte. Schiller 1759-1805" (bis 9. Oktober) entnommen.

Nach dem nationalen Rausch dieses Schiller-Jahrs, der nicht mehr zu steigernden Apotheose des Dichters, konnte es in der Wirkungsgeschichte Schillers nur noch einen Abstieg, ja einen Sturz geben, und er sollte, nicht zuletzt durch die Wirkung Nietzsches, nicht mehr lange auf sich warten lassen. Seine frühe Schiller-Begeisterung scheint Nietzsche später zu einer Art Trauma geworden zu sein. In "Menschliches, Allzumenschliches" wird "der arme Schiller" mit einem Male zu einem spöttisch herabgesetzten, als veraltet angesehenen Schriftsteller, der den Deutschen wohl ansteht, aber mit Goethe, dem Überdeutschen, unter keinen Umständen mehr in einem Zuge zu nennen ist. Später, in der "Götzen-Dämmerung" mokiert er sich über das "berüchtigte ,und'" zwischen beiden Namen: "die Deutschen sagen ,Goethe und Schiller', – ich fürchte, sie sagen ,Schiller und Goethe' ...". Dazu hat Thomas Mann in seinem Essay "Goethe und Tolstoi" mit leisem Unwillen bemerkt, Nietzsche hätte in seiner "äußerst subjektiven Abneigung" gegen Schiller nicht so weit gehen dürfen, "eine Brüderlichkeit zu leugnen, die durch die ihr innenwohnende exemplarische Gegensätzlichkeit keinerlei Einbuße erleidet und in dem angeblich beleidigten Teil ihren besten Schutzherrn fand. Es war eine Voreiligkeit und durch nichts gerechtfertigte Eigenmächtigkeit Nietzsches, durch seinen Spott über jenes Und eine Rangordnung auszurufen oder als selbstverständlich zu unterstellen, die höchst strittig, ja die strittigste Sache von der Welt ist und es bleiben mag."

Nietzsche setzt Schiller mit den von ihm zu einer negativen Kulturmacht herabgesetzten Deutschen gänzlich gleich – während er Goethe als "Zwischenfall ohne Folgen" aus der "Geschichte der Deutschen" aussondert: "wer wäre im Stande, in der deutschen Politik der letzten siebenzig Jahre zum Beispiel ein Stück Goethe aufzuzeigen! Während jedenfalls darin ein Stück Schiller … tätig gewesen ist." Und – zweifellos im Rückblick auf seine Zeit in Pforta – streitet er in seinem Aphorismus "Gibt es ,deutsche Klassiker'?" in "Menschliches, Allzumenschliches II" Schiller den Klassiker-Rang mit folgender Begründung ab: "Schiller ist jetzt aus den Händen der Jünglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben geraten! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, dass ein Buch zu immer unreiferen Lebensaltern hinabsteigt."

Die Mission der Deutschen

Kein Zweifel, im Positiven wie Negativen hat Nietzsche Schiller gründlich verkannt. Ausgerechnet der aufgeklärte Meta-Nationalist Schiller wurde als Nationaldichter glorifiziert. Dabei hatte gerade er in seinem Brief an Körner vom 13. Oktober 1789 geschrieben, es sei doch "ein armseliges kleinliches Ideal …, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geist ist diese Grenze durchaus unerträglich". Thomas Mann hat diesen Satz in seinem "Versuch über Schiller" vor fünfzig Jahren zitiert und dazu bemerkt, die Abneigung des Dichters, den Nationalgedanken bei den Deutschen zu stärken, gehe so weit, dass er "patriotische Freiheitsbegeisterung stets auf andere Völker" übertrage: "auf die Niederlande im Carlos, auf Frankreich in der Jungfrau, im Tell auf die Schweiz! Dieser große Deutsche hat dem eigenen Volk kein nationales Freiheitsdrama gedichtet, er hat ihm die Fähigkeit, zur Nation sich zu bilden, abgesprochen und seinen Deutschen empfohlen, dafür desto reiner zu Menschen sich auszubilden."

Eine Anspielung natürlich auf das Xenion "Deutscher Nationalcharakter": "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Dies war für Schiller die Mission der Deutschen: ihre "allmenschliche Repräsentanz" – ein Gedanke, der Thomas Mann vor dem Hintergrund der abgewirtschafteten und durch die jüngste Geschichte zur Barbarei regredierten "nationalen Idee" im 150. Todesjahr des Dichters höchst aktuell dünkt: von dieser Idee aus, "jeder fühlt es, ist kein Problem, kein politisches, ökonomisches, geistiges mehr zu lösen".

Noch ein anderes, schlimmeres und fast noch absurderes Vorurteil über Schiller hat Nietzsche in die Welt gesetzt, als er ihn in der "Götzen-Dämmerung" den "Moral-Trompeter von Säckingen" nennt. Wieder muss man sagen: ausgerechnet Schiller! War dieser doch der erste Schriftsteller der Weltliteratur, der sich den von Kant zum erstenmal systematisch begründeten Gedanken der ästhetischen Autonomie ebenso systematisch für seine Dichtung zueigen machte. "Die wohlgemeinte Absicht, das Moralischgute überall als höchsten Zweck zu verfolgen, die in der Kunst schon so manches Mittelmäßige erzeugte und in Schutz nahm, hat auch in der Theorie einen ähnlichen Schaden angerichtet", schreibt er 1791 in dem Aufsatz "Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen". Und an anderem Ort, am Schluss seines Traktats "Über das Pathetische" (1793) heißt es: "In ästhetischen Urteilen sind wir also nicht für die Sittlichkeit an sich selbst, sondern für die Freiheit interessiert... Es ist daher offenbare Verwirrung der Grenzen, wenn man moralische Zweckmäßigkeit in ästhetischen Dingen fordert, und um das Reich der Vernunft zu erweitern, die Einbildungskraft aus ihrem rechtmäßigen Gebiete verdrängen will". Von seiner Mannheimer Rede "Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken" (1785) war er längst innerlich abgerückt, als er ihr – durch Kant eines Besseren belehrt – 1802 nachträglich den neuen Titel "Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet" gab. Und doch ist die möglicherweise ironisch-distanzierend gemeinte Formel von der "moralischen Anstalt" hängen geblieben, auch und zumal bei Nietzsche.

Im "Fall Wagner" spielt er deshalb einmal mehr den von den Deutschen unverstandenen Goethe gegen ihren "Lieblingsdichter" Schiller aus: "Man kennt das Schicksal Goethes im moralinsauren altjungfernhaften Deutschland. Er war den Deutschen immer anstößig … Schiller, der ,edle' Schiller, der ihnen mit großen Worten um die Ohren schlug, – der war nach ihrem Herzen."

Die großen Worte – das berühmt-berüchtigte Schillersche Pathos hat nicht nur ganze Generationen von Deutschen beflügelt, die mehr und mehr seinen aufklärerischen Impetus durch einen irrationalistischen ersetzten, es ist nach dem fürchterlichen Missbrauch dieses Pathos im Umkreis der Weltkriege und in der nationalsozialistischen Propaganda gründlich in Misskredit geraten. Schiller war schon 1932 von dem späteren NS-Politiker Hans Fabricius in einem Buch dieses Titels als "Kampfgenosse Hitlers" gefeiert, der "Nationalsozialismus in Schillers Dramen" (so der Untertitel) "nachgewiesen" worden. Wie Beethoven der Paradekomponist, wurde Schiller (neben Kleist) der Paradedramatiker der Nazis. Ausgerechnet die beiden großen Vollender der Aufklärung in Deutschland! In Bezug auf Beethoven ist das inzwischen fast vergessen, an Schiller ist dieser ideologische Schatten immer noch ein wenig hängen geblieben. Aufklärung tut da in jeder Hinsicht not!

Die Prägekraft seiner Sprache

Wirklich sind Schiller und Beethoven ein geistiges Dioskurenpaar, eine Verwandtschaft, die sich im berühmtesten aller klassischen Meisterwerke der Musik manifestiert: im Finalsatz der "Neunten Symphonie", in dem Schiller und Beethoven als zwei Personen in der Einheit des Wesens zusammenklingen. Sie verbindet ein Pathos, das der Vernunft entsprießt, die sich von allen Abhängigkeiten der dinglichen Welt im Geiste jenes Erhabenen losreißt, das als Idee im Zeitalter der Aufklärung (wieder)entdeckt wurde. Dieses Vernunft-Pathos gilt es gerade in Opposition gegen jenen Sprachrausch wiederzugewinnen, der sich mit ihm verwechselte.

Im übrigen: Schon Thomas Mann hat betont, dass dieses Pathos durchaus nicht die Haupttonart Schillers ist, dass er zugleich ein Meister des "Parlando" war, dass überhaupt die "verzwickte Gescheitheit" seiner dramatischen Dialoge, sein "poetisierter Intellektualismus" der pathetischen Sprechweise stets Schranken setzt. Die Prägekraft seiner Sprache, durch die er dem Deutschen eine Fülle von Begriffen zumal aus dem politisch-rechtlichen Bereich geschenkt hat – ohne dass wir das noch wissen –, die freilich auch den Schatten inzwischen allzu geflügelter Worte geworfen hat, zeigt, dass nicht irrationalistischer Wortrausch, sondern die vernunftbeherrschte, freilich Vernunft und Trieb zu einzigartiger Dynamik verschmelzende Redeweise seine Sache war. Sie hat jenes einzigartige "Theater-Idiom" geschaffen, das noch für Thomas Mann mit der Theatersprache überhaupt identisch war. Wortgezeugt ist dieses Theater. Keiner außer Verdi, Schillers musikdramatischem Bruder, hat so viel von der "parola scenica" verstanden, dem Wort, in dem sich ein ganzer Handlungszusammenhang verdichtet. Die szenische Pointe! Darin erreicht ihn sonst niemand im Bereich des Schauspiels, nicht einmal Shakespeare.

Thomas Mann für Schiller

Wilhelm von Humboldt hat Schiller den "modernsten" aller Schriftsteller genannt, weil er zum erstenmal den kritischen Geist zur Grundlage der Poesie gemacht habe. Vor hundert Jahren – auch in einem Schiller-Jahr – hat Thomas Mann diesen Befund vor dem Hintergrund der sich immer mehr intellektualisierenden Moderne bestätigt. Schiller habe mit seiner Definition der sentimentalischen als der spezifisch modernen Dichtung zum erstenmal theoretisch-bewusst die Kritik zum Bestandteil der Kunst gemacht – darin auf Nietzsche vorausweisend, der ihn so schmählich verkennen wollte: "Als Schiller seine ,sentimentalische' Kunstart gegen die ,naive' Goethes abgrenzte, empfand er die seine als die modernere …, und in der Schule von Geistern, die Nietzsche in Europa geschaffen, hat man sich längst gewöhnt, den Begriff des Künstlers mit dem des Erkennenden zu identifizieren. Kritik ist Geist. Der Geist aber ist das Letzte und Höchste. Und wenn, was freilich besser nicht geschähe, Geist und Kunst einander in die Haare geraten, so bin ich imstande und nehme Partei für den Geist." Das heißt für Thomas Mann: Partei für Schiller, zumal gegen die Gebildeten unter seinen Verächtern.

Dieter Borchmeyer

Prof. Dieter Borchmeyer ist Ordinarius für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Heidelberg und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.



Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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