Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Presse-Kontakt, WWW-Team Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche Alle Seiten im Überblick English
Besucher, Internationale Beziehungen, Heidelberg und RegionStartseiten der FakultätenAufbau der Universität, Personalverzeichnis, ServiceeinrichtungenFächerübersicht, Beratung, Informationen für ausländische StudierendeProjekte, Publikationen, Technologietransfer

Startseite > Presse >

 
26. April 2005

Jeder möchte etwas Besonderes sein

Tagung "Individualität als Herausforderung" – Gespräch mit Jutta Schlich und Sandra Mehrfort

Die Heidelberger Germanistinnen Dr. Jutta Schlich (rechts) und Sandra Mehrfort

Die Heidelberger Germanistinnen Dr. Jutta Schlich (rechts, Organisatorin der Tagung "Individualität als Herausforderung") und Sandra Mehrfort (Referentin zum Thema "Individualität als Problem – Egozentrik in der Popliteratur"). Foto: Gerold


Frau Schlich, Sie organisieren am Germanistischen Seminar Heidelberg eine Tagung zum Thema "Individualität als Herausforderung". Worin liegt die Brisanz dieses Begriffs?

Schlich: Er ist seit dem 18. Jahrhundert bis heute attraktiv geblieben. Jeder möchte individuell, also besonders, unkonventionell, außergewöhnlich oder sogar genial sein. Es soll in den Blick gerückt werden, welche Möglichkeiten diese Kategorie bereithält, ganz unabhängig von großen Einzelbegabungen.

Die Tagung will zum "Ursprung des Phänomens" der Individualität vordringen.

Schlich: Als Literaturwissenschaftlerin möchte ich den Worten auf den Grund gehen und fragen: Wo ist der Ursprung in einer wortgeschichtlichen Dimension. Der Begriff "Individualität" wird seit der Zeit um 1800 vermehrt reflektiert. Individualität wurde wörtlich genommen und als Einheit in der Vielfalt verstanden – also als etwas, das nicht zerrissen, "dividuiert" ist. Seit damals besteht die Herausforderung, eine solche Einheit in der Vielfalt als Einzigartigkeit herzustellen.

Wie stehen denn heutzutage die Chancen für Individualität?

Schlich: Individualität ist erst das Resultat einer Arbeit. Zuvor müssen wir die vielfältigen Aspekte, die unsere Persönlichkeit ausmachen und mit denen wir konfrontiert werden, zu einer Einheit verschmelzen, so dass unser Leben Sinn macht. Dann sind wir besonders, und zwar unabhängig etwa vom Beruf. Das Bedürfnis nach Unterscheidung ist heute sehr stark geworden. Man möchte einerseits etwas Besonderes in der Masse darstellen, andererseits aber auch angepasst sein und dazu gehören. Individualität kann da vor allem durch Innenschauhalten und Reflektion des eigenen Lebens gelingen.

Verschiedene "desintegrative Tendenzen" wirken diesem Ideal entgegen. Wo kommen sie bei der Tagung zum Vorschein?

Schlich: Die Referentinnen und Referenten sollen auf ausgrenzende Denkfiguren in der Literatur achten, wie etwa die Entgegensetzung Mann versus Frau – hier würde die Denkfigur Mensch mehr Sinn machen. Auch Inhalt versus Form ist eine solche zweigesichtige Figur. Die Form der Literatur ist für mich ebenso wichtig wie der Inhalt. Oft macht der Stil den Reiz eines Buches überhaupt erst aus. Diesbezüglich ist mir etwa das Referat von Dr. Hans Lösener wichtig. Er untersucht, wie sich das Wie und das Was der Sprache im Rhythmus der Rede synthetisieren – der Inhalt der Sprache wird in hohem Maße durch die Art und Weise des Sprechens sowie die Betonung erzeugt.

Der abschließende Beitrag der Tagung thematisiert die Popliteratur.

Mehrfort: Ich befasse mich mit der Popliteratur der neunziger Jahre. In diesen Büchern ging es häufig nur um eine Person, die auf die Welt um sich herum schaut: Ein Individuum setzt sich mit seinem Alltag auseinander. In einem zweiten Schritt beschäftige ich mich mit dem Problem des autobiographischen Erzählers. Hier geht es um die Dichotomie zwischen Erzähler und Autor.

Welche Schriftsteller sprechen Sie an?

Mehrfort: Zunächst Christian Kracht, den so genannten Begründer der modernen Popliteratur, dann Benjamin von Stuckrad-Barre mit "Soloalbum" und außerdem Alexa Hennig von Lange, die an der Heidelberger Poetik-Dozentur zur Popliteratur beteiligt war.

Im Schiller-Jahr steht auch ein Beitrag über den schwäbischen Klassiker auf dem Programm.

Schlich: Der Darmstädter Schiller-Experte Prof. Matthias Luserke-Jaqui beschäftigt sich mit "Kabale und Liebe". Ihm gelingt es, eine Brücke zu bauen von heute aus zu jener Zeit, die für uns als Ursprung der Individualität wichtig ist. Denn Schiller hat in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" formuliert: "...er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Gemeint ist der Bereich der Kunst, wo der Mensch der Rationalität enthoben ist: Dort kann der einzelne deshalb "ganz" sein, weil letztlich Verstand und Gefühl versöhnt werden.

Welche weiteren Tagungsthemen sind besonders charakteristisch?

Schlich: Wichtig ist der Beitrag "Dividuum. Die Zerreißung des Unteilbaren als literarisches Motiv" von Prof. Bettina Gruber. Neben dem Ideal des "Individuums" steht eigentlich die Realität des "Dividuums", also des zerspaltenen Menschen, der allerdings der Individualität näher kommen kann. Schließlich ist auch das Referat "Im Niemandsland. Figuren der Individualität im Werk Ernst Jüngers" von Prof. Gerhard Plumpe (Bochum) zu nennen. Er hat das Standardwerk "Epochen der modernen Literatur" geschrieben und beschäftigt sich in Heidelberg mit dem Zeitraum der letzten 200 Jahre.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung


Die Heidelberger Tagung "Individualität als Herausforderung" findet am 29. und 30. April im Palais Boisserée (Hauptstraße 207-209, Raum 137) statt.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.

Zurück

Top

Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Neues im Netz | Kontakt | Suche | Überblick | English