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15. März 2005

Quälende Vorstellungen in Bilder gebannt

"Expressionismus und Wahnsinn" – Eine aufschlussreiche Ausstellung der Heidelberger Sammlung Prinzhorn

"Expressionismus und Wahnsinn" – Blick in die Ausstellung der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Rechts im Bild: Das Gemälde "Der Irrengarten" von Christian Schad. Foto: Kresin

"Expressionismus und Wahnsinn" – Blick in die Ausstellung der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Rechts im Bild: Das Gemälde "Der Irrengarten" von Christian Schad. Foto: Kresin


Vincent van Gogh ist nicht dabei, auch nicht Evard Munch. Sein "Schrei", von dem inzwischen nur noch drei der vier – bis zu dem spektakulären Raub vorliegenden – Versionen existieren, wäre als Hingucker für diese Ausstellung nicht schlecht gewesen, zumal er – wie kaum ein zweites Werk der Kunstgeschichte – die Ängste und Einsamkeitsgefühle eines verstörten Individuums vor Augen führt. "Expressionismus und Wahnsinn" heißt die Ausstellung, die unter demselben Titel auch vor siebzig Jahren denkbar gewesen wäre, damals freilich mit diffamierender Absicht, denn schon vor der ominösen Schau "Entartete Kunst" von 1938 haben die Nazis Parallelen zwischen "Irrenkunst" und den Expressionisten gezogen, um letztere als geisteskrank abzuqualifizieren. Viele Künstler, nicht nur die "Brücke"-Mitglieder van Gogh und Munch (die Vereinigung "Die Brücke" wurde exakt vor hundert Jahren gegründet), haben sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bewusst von der "Außenseiter"-Kunst inspirieren lassen.

Ihre Ausformungen hatten den Heidelberger Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn fasziniert, der mit seinem 1922 erschienenen epochalen Buch "Bildnerei der Geisteskranken" auch den Blick für die Intentionen der Expressionisten schärfte. In den Räumen der Sammlung Prinzhorn im Zentrum für Psychosoziale Medizin im Heidelberger Universitätsklinikum wird am Mittwoch die Schau "Expressionsmus und Wahn" mit 90 Objekten eröffnet, die Dr. Thomas Röske, der Leiter der Sammlung, in erweiterter Form schon im vergangene Herbst für Schloss Gottdorf in Schleswig kuratiert hatte. Die Ausstellung stellt drei Aspekte in den Mittelpunkt: Das Bild des "Irren" im Expressionismus, Patienten als Expressionisten und solche Expressionisten, die die "Irrenkunst" entdeckten. Zwischen diesen Bereichen gibt es naturgemäß Überschneidungen, und der sensible Besucher wird beim Vergleichen von Arbeiten berühmter Künstler mit Darstellungen von Anstaltsinsassen aufschlussreiche Entdeckungen machen, zumal sich gelegentlich die Grenzen verwischen und sich interessante Wechselwirkungen ergeben. Ernst Ludwig Kirchner beispielsweise, der gravierende seelische Probleme hatte, 1915 beim Militärdienst zusammenbrach und sich bis 1918 in unterschiedlichen Sanatorien aufhielt, war ein Jahr zuvor in einer Kreuzlinger Heilanstalt auf Gemälde von Else Blankenhorn gestoßen, der das Museum Prinzhorn unlängst eine Einzelausstellung ausgerichtet hatte. Die Bilder dieser Patientin, die zeitweise glaubte, die Frau Wilhelms II. zu sein und ihren Porträts auch mal einen hochgezwirbelten Schnurrbart anmalte, haben den Expressionisten zweifellos beeinflusst, wie sich an den Gegenüberstellungen in der Ausstellung ablesen lässt. Kirchner malt sich in einer Szene als Kranker, der von Pflegern ins Bett gelegt wird. Sein Farbholzschnitt "Wintermondnacht" gehört zu den wertvollsten Exponaten der Schau.

Parallelfall Alfred Kubin: 1920 besuchte der Österreicher die Heidelberger Sammlung, zeigte sich davon begeistert und bannte seine eigenen quälenden Vorstellungen in beklemmende Szenen wie bei jenem "Wahnsinnigen", der sich mit dem Messer den Bauch aufschlitzt. Kubin, der den (gleichfalls in der Präsentation vertretenen) Seeoffizier Clemens von Oertzen als Expressionisten etikettierte und dessen "Würgeengel" schätzte, war besonders von den Arbeiten des Psychiatriepatienten Franz Karl Bühler begeistert, dem vor zehn Jahren eine Ausstellung auf dem Heidelberger Schloss gegolten hatte und von dem jetzt unter anderem ein schönes Winterbild zu sehen ist. Die Künstler des Expressionisten sahen den "Irren" als Außenseiter, mit dem sie sich identifizierten (als Kontrastfigur zum verhassten Bürger) und malten ihn mit den klischeehaften Merkmalen seines Wahnsinns. Neben Heckels "Verrücktem" und dem "Irrengarten" von Christian Schad, dem herausragenden Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit, sind in der Ausstellung auch weitere renommierte Expressionisten vertreten, die vor allem durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges traumatisiert waren wie Otto Dix oder Conrad Felixmüller. Der von Erschütterungen heimgesuchte Walter Gramatté zeichnete den Krieg selbst als das verheerende Ereignis, und auch der norddeutsche Expressionist Heinrich Ehmsen befasste sich in seinen Bildern intensiv mit Angst-Zuständen ("Dementia praecox").

Die Möglichkeit, Arbeiten berühmter Expressionisten mit den "Bildnereien" von Psychiatriepatienten in Konfrontation zu erleben, sollte man nutzen, zumal man hier auch bisher unbekannte Persönlichkeiten kennen lernen kann wie jenen Mannheimer Schuhmacher Johann Faulhaber, dessen beängstigende Horror-Fratzen auf Kubin verweisen und dessen spontane Notate Beispiele für jene zwischen Schrift und Bild changierende "Psychografik" abgeben, von der die Expressionisten träumten.

Eröffnung am Mittwoch, 19.30 Uhr, in der Sammlung Prinzhorn. Die Ausstellung läuft bis 19. Juni.
Heide Seele

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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