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15. März 2005

Das "mykenische Versailles"

RNZ-Gespräch mit Joseph Maran – Der Historiker ist Grabungsleiter im griechischen Tiryns

Luftbild der Akropolis von Tiryns in Griechenland.

Luftbild der Akropolis von Tiryns in Griechenland. Der Ort wurde 1999 von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Foto: Papadimitriou


Herr Prof. Maran, was versteht man unter den "dunklen Jahrhunderten" in der griechischen Geschichte?

Sie beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 1200 und 800 vor Christus. Vor den "dunklen Jahrhunderten" gab es einen Zeitabschnitt, der bereits Schrift gekannt hat. Diese Silbenschrift, mit der bereits Griechisch geschrieben wurde, bezeichnen wir als Linear B. Nach einem großen Zerstörungshorizont verschwindet diese Schrift um 1200 v. Chr.; und erst im frühen ersten Jahrtausend kommt dann das uns geläufige Alphabet aus dem Nahen Osten durch die Phönizier nach Griechenland.

Links: Der Heidelberger Historiker Joseph Maran an seiner Wirkungsstätte Tiryns. Foto: privat. Rechts: Bruchstück eines Beinstabes mit Keilschriftzeichen (ca. 1200 v. Chr.). Foto: Maran

Links: Der Heidelberger Historiker Joseph Maran an seiner Wirkungsstätte Tiryns. Foto: privat. Rechts: Bruchstück eines Beinstabes mit Keilschriftzeichen (ca. 1200 v. Chr.). Foto: Maran


Wie ist der "Zerstörungshorizont" zu fassen?

Zwischen 1400 und 1200 v. Chr. finden wir in bestimmten Landesteilen Griechenlands Paläste mit administrativen Trakten, wunderbar ausgemalten Räumen und Kultgebäuden. Diese Paläste, in denen Könige residiert haben müssen, finden um 1200 v. Chr. in großen Feuern ein Ende. Im Falle der Paläste in der Argolis – vor allem in Mykene und Tiryns – war wahrscheinlich ein Erdbeben die Ursache.

Damals herrschten nicht nur in Griechenland krisenhafte Zeiten?

Fast gleichzeitig findet etwa die Zerstörung der Hauptstadt der Hethiter in Anatolien statt. Im östlichen Mittelmeerraum bricht eine Zeit der Unruhe an.

Das Heidelberger Seminar für Ur- und Frühgeschichte hat unter Ihrer Federführung Ausgrabungen in Tiryns durchgeführt – der Ort gehört zum Weltkulturerbe.

Tiryns zählt mit Mykene und Knossos zu den bedeutendsten Resten bronzezeitlicher Zivilisation im gesamten Mittelmeerraum. Diese Ruinenstätten haben außergewöhnliche Architekturreste. An Tiryns fasziniert besonders die aus riesigen Steinen errichtete und etwa 7 m breite Befestigungsmauer: Die meisten der Steine wiegen eine halbe Tonne aufwärts, und sie konnten in späterer Zeit nicht einfach abgeräumt werden, so dass vor allem Mykene und Tiryns stets sichtbar waren. Deshalb fiel es etwa Heinrich Schliemann anders als in Troja nicht schwer, die historischen Strukturen zu lokalisieren. Die Forschungen in Tiryns gehören zu den Traditionsgrabungen des Deutschen Archäologischen Institutes (DAI). Seit 1876 werden sie dort mit langen Unterbrechungen in Zusammenarbeit mit griechischen Archäologen durchgeführt. Ich bin seit 1994 vom DAI zum Grabungsleiter in Tiryns bestellt.

Wie hat sich die Grabungsgeschichte seit Schliemann verändert?

Schliemann war von der Vorstellung beseelt, dass Homers Epen "Ilias" und "Odyssee" historische Ereignisse widerspiegeln. Er wurde dadurch zum Vater der mykenischen Kultur, dass er diese bronzezeitliche Zivilisation dem Boden entriss. Andererseits hat Schliemann mit einem Heer von Arbeitern gegraben, wobei viel Wichtiges verloren gegangen ist. Heute geht die Forschungsmeinung dahin, dass bei Homer einige Rückerinnerungen an die Bronzezeit enthalten sind; aber im Wesentlichen wird die zeitgenössische Entwicklung im 8. und 9. Jahrhundert v. Chr. geschildert. Deshalb müssen die mykenischen Verhältnisse aus den Quellen ihrer Zeit erschlossen werden, also insbesondere aus den Linear B-Quellen.

Es gab wichtige archäologische Funde.

Die Ruinenstätte Tiryns besteht nicht nur aus der Burg auf dem Felsen, sondern auch aus der umliegenden Stadt. Meine bisherigen Grabungskampagnen begannen im Palast auf der Oberburg, dann wandten wir uns einem Teil des Stadtgebietes und schließlich einem Bereich im Norden der Unterburg zu. In dieser letzten Phase haben wir interessante Ergebnisse zu der Zeit vor und nach der Zerstörung erzielt. So gelang uns die teilweise Freilegung einer Palastwerkstatt, in der mit Metall hantiert wurde. Bereits früher hatte Klaus Kilian, der außerplanmäßiger Professor in Heidelberg und vor mir Grabungsleiter in Tiryns war, an dieser Stelle Goldfolie gefunden; und wir haben dort das 3,7 Zentimeter lange Fragment eines Stabes aus Elfenbein mit Keilschriftzeichen entdeckt – ein einzigartiges Objekt. Ich vermute, dass es sich um ein Maß handelt, dass im Palastumfeld von Handwerkern benutzt wurde, um die Verständigung mit Handelspartnern im Nahen Osten zu ermöglichen.

Wie sah der Palast wohl aus?

Um 1250 v. Chr., also kurz vor der Palastzerstörung, wurde Tiryns noch einmal gewaltig ausgebaut. Der Palast wurde neu errichtet, auch eine neue zyklopische Mauer mit riesigen Steinformaten kam hinzu. Darin wurde eine unglaubliche Vielfalt von Geheimgängen, Brunnengängen und Galerien angelegt. Die Dichte solcher bautechnisch anspruchsvollen Merkmale ist in Tiryns so intensiv wie an keinem anderen Ort. Deshalb hat der Marburger Archäologe Hans Lauter Tiryns als das "mykenische Versailles" bezeichnet. Hier hat ein uns unbekannter Herrscher eine seiner Zitadellen in einer Weise ausgebaut, wie er es selbst in Mykene nicht getan hat. Bis in die sechziger Jahre hielt man die Zerstörung für so groß, dass die vormaligen Palastzentren einen schweren Niedergang erlitten. Vor allem Kilians Ausgrabungen haben aber gezeigt, dass die Unterburg im ersten Abschnitt der dunklen Jahrhunderte sehr wohl besiedelt war, wenn auch auf einfachere Weise.

Was geschah mit dem eigentlichen Palast?

Dort haben unsere Ausgrabungen 1998 einen neuen Aspekt ergeben: Es stellte sich heraus, dass ein Gebäude, das man für einen Tempel des 8. oder 7. Jahrhunderts v. Chr. gehalten hatte und das in die Ruine des wichtigsten Gebäudes des Palastes – des großen Megarons – hineingebaut wurde, in Wirklichkeit dem 12. Jahrhundert angehörte. Es handelt sich um einen letzten Repräsentativbau der "dunklen Jahrhunderte": Es gab Bemühungen, an die Vergangenheit anzuknüpfen.

Also waren diese Jahrhunderte nicht ganz so dunkel?

Nein. Aber man kann auch nicht sagen, dass es keinen Einschnitt gab. Diese Zäsur war vielmehr tief. Das soziale und politische Gefüge muss sich radikal verändert haben; die starken Könige der Palastzeit sind verschwunden. Und die Bauvorhaben wurden viel unspektakulärer. Aber insgesamt sind die "dunklen Jahrhunderte" in ihrem älteren Abschnitt, der noch zur mykenischen Kultur gehört, etwas heller geworden. Nach 1200 v. Chr. kommt es zunächst zu einem Rückfall auf ein niedrigeres Niveau, und etwa 80 Jahre später dann zu einem allmählichen Abfall.

Können Sie sich eine touristische Erschließung wie auf Knossos auch für Tiryns vorstellen?

Knossos ist von Sir Arthur Evans ausgegraben worden. Er hat nach seinen Vorstellungen viel aufgebaut. Seine Funde waren faszinierend, und er hat der Phantasie freien Lauf gelassen. Aber so falsch sind seine Aufbauten nicht, und als Anziehungspunkt machen sie Knossos attraktiv. Mykene ist ebenfalls ein Touristenmagnet, und Tiryns wird es verstärkt werden. Seit 1997 führen wir mit dem griechischen Antikendienst ein Großprojekt zur Restaurierung durch. Nachdem Tiryns ins Weltkulturerbe aufgenommen worden war, gelang es den griechischen Partnern, die dafür nötigen Mittel der Europäischen Union zu gewinnen.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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