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1. März 2005

In Wirklichkeit ist es nicht wie im Krimi

Engagierte Studenten unterstützen inhaftierte Frauen in der JVA Heidelberg

Junge Studierende kümmern sich im "Faulen Pelz" ein Mal in der Woche um dort inhaftierte Frauen.

Junge Studierende kümmern sich im "Faulen Pelz" ein Mal in der Woche um dort inhaftierte Frauen. Foto: Stefan Kresin


Etwa 20 Frauen sitzen an einem langen Tisch. Eine von ihnen liest eine Geschichte vor, die anderen lauschen. Die Textstelle aus der Bibel handelt von drei Dienern, welche von ihrem Herrn Talente – damals eine Bezeichnung für Geld – erhalten und unterschiedlich damit umgehen: Einer baut sie aus, ein anderer lässt seine Chance ungenutzt verstreichen. Die Frauen nehmen das mit den Talenten wörtlich: Nach der Lektüre denken sie über sich und ihre eigenen verborgenen Talente nach. Fast könnte man denken, man befände sich inmitten eines ganz normalen Gesprächskreises, wenn es da nicht die Gitterstäbe vor den Fenstern gäbe.

Das Thema "Talente" haben sich Karen und Miriam als Gesprächsgrundlage ausgedacht. Sie gehören einer Gruppe der Evangelischen Studierendengemeinde Heidelberg an, die sich jeden Freitagnachmittag mit den inhaftierten Frauen in der Justizvollzugsanstalt "Fauler Pelz" thematisch beschäftigt. Initiiert wurde dies bereits vor mehr als 15 Jahren, als ein Studentenpfarrer, der gleichzeitig Seelsorger der JVA war, ab und zu Studenten mit ins Gefängnis brachte. Später, da die Ämter des Studentenpfarrers und das des Gefängnisseelsorgers getrennt wurden, schlossen sich die jungen Leute zu der heute noch bestehenden Gruppe zusammen.

Die Zahl der Mitglieder schwankt – fertige Studierende gehen, neue kommen hinzu – momentan sind es jedoch etwa zehn junge Frauen und Männer zwischen 19 und 30 Jahren, die sich neben dem Studium auf diese Weise sozial engagieren.

Neben Gesprächen und Diskussionen über Themen wie Freiheit oder Verantwortung wird auch gebastelt und gesungen, oder es werden Ratespiele gemacht. In der Weihnachtszeit werden auch vermehrt biblische Texte besprochen. Bis auf wenige Ausnahmen bringen sich die Frauen bei den Nachmittagen ein, indem sie Ideen und Wünsche für bestimmte Themen äußern.

Die Studenten versuchen, den Tischkreis so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Bei Kaffee und Keksen schaffen sie eine entspannte Atmosphäre. "Es ist uns wichtig, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Miteinander herzustellen", erklärt Tanja Dittmar, Leiterin der Gruppe. Die 25-jährige studiert Theologie und ist nunmehr seit vier Jahren dabei. Aus Neugierde und dem Bedürfnis, helfen zu wollen, kam sie zu der Gruppe. Tanja kann sich noch genau an ihren ersten Tag in der Justizvollzugsanstalt erinnern: "Anfänglich war es schockierend. Die Situation war für mich ja völlig neu, und ich konnte sie nicht einschätzen. Wenn die vielen Türen, durch die ich geschleust wurde, hinter mir wieder zugeschlossen wurden, bekam ich schon ein mulmiges Gefühl. Ich habe mich auch immer gefragt, wie Leute aussehen müssen, die etwas Schlimmes getan haben. Aber in Wirklichkeit ist es eben nicht wie im Krimi. Mit der Zeit legt man dieses Schwarz-Weiß-Denken ab".

Ein Mal im Monat trifft sich die Gruppe, um Erfahrungen auszutauschen und die Atmosphäre an den Freitagnachmittagen zu beschreiben. Hier werden auch neue Themen besprochen. Barbara und Miriam erzählen beispielsweise, wie die Frauen auf die Themen "Wasser", "Nächstenliebe" oder "Licht" reagiert haben. Letzteres setzten die Studentinnen in die Praxis um, indem sie mit den Frauen Kerzen mit Wachsplatten verziert und eine Geschichte dazu vorgelesen haben.

Gerade die Idee mit den Kerzen erwies sich hinterher aber als eine heikle Angelegenheit. "Kerzen sowie Streichhölzer sind hier verboten", erklärt Monika Thien, Leiterin der JVA "Fauler Pelz". "Ich weiß, dass es die Studenten nur gut gemeint haben. Es ist manchmal schwierig, ihnen klarzumachen, dass das eine oder andere nicht geht". Dennoch findet Monika Thien die Gruppenarbeit sehr positiv und wichtig: "Für die Frauen im Gefängnis sind die Studenten die einzige Tür nach draußen. Sie nehmen den Druck aus der Situation, wenn Themen besprochen werden, die mit dem Vollzugsalltag nichts zu tun haben. Für kurze Zeit können die Frauen vergessen, wo sie sind. Natürlich wäre es ohne die Freitagsgruppe auch langweilig". Die Amtsrätin weiß, wovon sie spricht. 30 Jahre arbeitet sie in diesem Beruf, seit 1984 ist sie in Heidelberg. Auch vor ihrem Bürofenster befinden sich Gitter: "Ich atme gesiebte Luft", so Monika Thien. Und mit einem zwinkernden Auge fügt sie hinzu: "Die anderen werden irgendwann entlassen, ich dagegen habe Haft lebenslänglich".

Von den Insassen erhält die Freitagsgruppe ebenfalls stets positive Resonanz, denn nicht zuletzt trägt sie dazu bei, dass die Frauen neues Selbstbewusstsein erlangen. Beim Thema "Talente" beispielsweise äußert eine Frau, sie besitze keines. Eine andere korrigiert dies jedoch und weist die Erstere darauf hin, dass sie eine gute Zuhörerin sei. "Hin und wieder erzählen die Frauen uns ihre Geschichte, weil sie über ihre Tat selbst schockiert sind und sich den Kummer von der Seele reden wollen. Es kommt manchmal sogar vor, dass wir in den Arm genommen werden oder Trost spenden müssen", berichtet Tanja. Die Studenten wissen, dass sich Verlegungen, familiäre Probleme oder Spannungen unter den Inhaftierten verständlicherweise auch auf die Stimmung in der Freitagsgruppe auswirken.
Franziska Brettschneider

Wer dem Arbeitskreis etwas für seine Arbeit spenden möchte, kann sich mit der Gruppe über die folgende E-Mail-Adresse in Verbindung setzen: tdittmar@ix.urz.uni-heidelberg.de

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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