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17. Januar 2004

Das Eintauchen in die Tiefen des Doping-Sumpfes

"Heidelberger Erklärung" will einer internationalen und dramatischen Entwicklung im Hochleistungs- und Breitensport Einhalt gebieten

Anstrengung lohnt sich – nicht nur in den Arenen dieser Welt, sondern gerade auch im mühseligen Anti-Doping-Kampf. Seit über 30 Jahren wehren sich Aufklärer wie Brigitte Berendonk, deren Mann Prof. Dr. Werner Franke oder Prof. Dr. Gerhard Treutlein gegen Lug und Betrug vornehmlich im Spitzensport. Sie wurden verhöhnt und als "Wahrheitsfanatiker", "Moralapostel" und "Nestbeschmutzer" bezeichnet. Das Imperium schlug immer wieder in mannigfaltiger Manier zurück. Beim "Expertengespräch Doping-Prävention", das von Donnerstagmorgen bis Samstagabend in den Räumen des Sportinstituts der Universität Heidelberg sowie des Olympiastützpunktes Rhein-Neckar über die Bühne ging, konnten aus Bruchstücken viele Mosaiksteinchen zusammengesetzt werden. Denn ein Symposium mit derartig renommierten nationalen und internationalen "Kombattanten" gegen die moderne Geißel Doping gab's noch nie. "Wir hatten über 80 Teilnehmer, 24 Referenten aus neun europäischen Ländern und 21 Themen", resümierte Organisator Dr. Wolfgang Knörzer. Chapeau!

Internationale Verbrecher-Banden...

Und dessen Mitstreiter Gerhard Treutlein, Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, sagte nach einem dreitägigen Marathon im Brustton der Überzeugung: "Parallel tagte eine Unesco-Gruppe in Paris, aber die wirklichen Experten waren hier." Die meisten Teilnehmer dürften angesichts des Eintauchens in den Doping-Sumpf mit gemischten Gefühlen den Heimweg angetreten haben. Einerseits stand die Vertiefung des Kenntnisstandes und die Pflege eines internationalen Austausches im Mittelpunkt. Und zum Abschluss einigte man sich gar auf Handfestes: die so genannte "Heidelberger Erklärung". Darin machen die Fachleute deutlich, dass Doping nicht nur als Phänomen des Hochleistungssports, sondern vor allem als gesellschaftliches Problem aufzufassen ist. Andererseits seien, will Dr. habil. Giselher Spitzer von der Universität Potsdam beobachtet haben, "viele entsetzt gegangen."

Warum? Dies lag zweifellos an der Tatsache, dass sich wohl kaum einer die inzwischen erreichten Dimensionen des Dopings so detailliert vorzustellen vermochte. Frankes Vortrag über die Entwicklung der Dopingproblematik, in dem der Molekularbiologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum erstmals die Namen der in die Balco-Affäre verwickelten Topathleten wie Marion Jones, Tim Montgomery, Michelle Collins, Dwain Chambers, Kelli White etc. preisgab, setzte diesbezüglich die erste Duftmarke. Für die zweite zeichnete sich Sandro Donati am Samstag zu früher Stunde verantwortlich. Treutlein hatte den kleinen, agilen Römer gemeinsam mit Übersetzerin Caterina Pesce noch in der Nacht zuvor vom Flughafen Hahn abgeholt. Unmittelbar nach seinem Aufsehen erregenden Referat ging's zurück in die Ewige Stadt.

Was macht Donati, diese 56-jährige Ikone der internationalen Anti-Doping-Bewegung, so einzigartig? Er war Nationaltrainer für Sprinter und Mittelstreckler, er deckte unzählige Skandale auf (Conconi, Nebiolo, Evangilisti etc.), schrieb ein höchst interessantes und umstrittenes Buch mit dem Titel "Campioni senza valore", enthüllte die Epo-Praktiken im Radsport, arbeitete mit den Anti-Mafia-Brigaden zusammen, beriet die französische Regierung in Sachen Anti-Doping-Gesetz und setzte als Leiter der Forschungsstelle des italienischen Sportbundes CONI seine Existenz mehrfach aufs Spiel. "Dieser Mann hat eine unglaubliche Energie", sagt Treutlein über Donati. Als Vertreter des Sportsystems hinterfragt er die Praktiken des Systems – welch ein permanenter Drahtseilakt.

Donati wies auf die Nebenwirkungen und Gesundheitsschäden (Cholesterin, Blut- und Leberwerte) des Dopings hin, bemängelte, dass der Sport die breite Schicht der Amateure und Jugendlichen vernachlässige und stellte eine "generelle Medikamentalisierung unserer Gesellschaft" fest. Der Handel mit Dopingmitteln pendle sich vom Budget her weltweit bei schätzungsweise 15 Milliarden Euro ein. Wohlgemerkt ohne Nahrungsergänzungsmittel, da müsse man wohl das Drei- oder Vierfache rechnen. 15 Prozent des gesamten Verkaufs werde übers Internet abgewickelt. Auf dem Stiefel gäbe es 400 000 Hardcore-Doper, eine Schlüsselrolle als Verteiler spielen Türsteher von Diskotheken und Bodybuilder in Fitness-Studios.

Der Schwarzmarkt ist gigantisch. Exemplarisch seien zwei spektakuläre Beschlagnahmungen genannt: Im Juli 1999 wurden in der zypriotischen Hauptstadt Nikosia 4 650 000 Erythropoietin-Ampullen aus einem Lager eines Apotheken-großhandels entwendet. Mit dieser Menge können ein Jahr lang 50 000 Doper versorgt werden. Im Juli 2002 schlug die belgische Polizei an der holländischen Grenze auf Grund eines Hinweises ihrer britischen Kollegen zu. 550 Kilogramm anabole Stereoide konnten bei einem Gegenwert von 137 Millionen Euro aus dem Verkehr gezogen werden – das ist bis heute die größte Sicherstellung von Dopingmitteln. "Das sind hoch kriminelle, internationale Verbrecherbanden mit Mafia-Strukturen", schlussfolgert Sandro Donati messerscharf. Dass es der neunte Großtransport war – die anderen acht wurden bedauerlicherweise nicht entdeckt -, verleiht dem Thriller eine besondere Note. Ergo: Ware für über eine Milliarde Euro fand entsprechende Abnehmer. Es sollen vermutlich Dealer aus den Mittelmeer-Anrainerstaaten und Schweden gewesen sein.

Donatis Forschungen haben ferner ergeben, dass ein Missbrauch von proteinhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln (Kreatin, Aminosäuren) gerade bei 11- bis 13-Jährigen zunimmt. Diese schonungslose Analyse ermöglichte in Italien Präventionsprojekte, die in Rom, Bologna und in der Provinz Bozen durchgeführt wurden. Man suchte sich diverse Kooperationspartner wie Eltern, Lehrer, Trainer, Haus- und Kinderarztverbände, Apotheker, Vertreter aus dem Bereich der Justizbehörden, Medien und Universitäten. "Die Lösungen", so Donati, "kann man nicht von der Welt des Sports erwarten. Da sitzen die Verursacher, die nur Scheinhandlungen vollziehen." Sehr kritisch betrachtet Donati auch die allenfalls zarten Bemühungen in der Europäischen Union: "Europa ist alt und müde. Es wird viel behauptet, aber wenig unternommen. Interpol etwa hat erst vor einem Jahr begonnen, sich mit Doping zu beschäftigen."

Zu fatalistischen Attitüden wie "Spitzen- oder Leistungssport ade" besteht dennoch keinerlei Grund. Das verdeutlichte die finale Podiumsdiskussion unter der Leitung von Heiko Ernst, Chefredakteur von "Psychologie Heute". Die Ex-Siebenkämpferin Birgit Clarius, die mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Wiesenbach lebt, hält für den besten Schutz gegen Verführungen des Dopings eine "mentale Stärke". Da nickte der blitzgescheite Sportwissenschaftler Dr. Patrick Bernatzky von der Universität Salzburg zustimmend: "Ich bin für eine Leistungssteigerung mit eigenen natürlichen Ressourcen. Dazu muss man dem Sportler Strategien zeigen und sich über Ziele und Werte unterhalten."

... mit mafia-ähnlichen Strukturen

Das tut übrigens auch Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters mit seinen Jungs. Peters über Mannschaftssport: "Kreativität oder Spielwitz kann man nicht mit Tabletten einnehmen. Schon im Jugendbereich muss man die Persönlichkeit stark machen. Da haben wir Trainer eine unheimlich wichtige Vorbildfunktion." Winfried Hermann von den "Grünen", Mitglied des Sportausschusses im Bundestag, distanzierte sich vom Motto der 80er Jahre, "Spitzensport ist Spritzensport", und wollte von einem steigenden Bundestags-Tourismus bei sportlichen Großereignissen ebenfalls nichts wissen. Hermann: "Wir brauchen politische Instrumente hinsichtlich der Strafen und genügend Geld für Forschung und Analyse." Ob er da bei Bundesinnenminister Otto Schily offene Türen einrennt?

Hermanns schwäbischer Landsmann Hans-Jörg Kofink, Ex-Bundestrainer der Kugelstoß-Frauen, hofft auf einen Bewusstseinswandel und einen Multiplikator-Effekt: "Information ist die beste Prävention. Bei uns wird bisher nicht erkannt, dass Doping nicht ein Problem des Leistungssports, sondern ein gesellschaftliches Problem ist." Kofink erinnerte daran, dass es 1968 erstmals zwei deutsche Olympia-Mannschaften gab und Brigitte Berendonk im Jahr drauf zur ersten Athletensprecherin ernannt wurde.

Der Anti-Doping-Kampf war also seit seinen Anfängen in der ältesten Universitätsstadt Deutschlands gut aufgehoben. So gesehen hätte auch der gruppendynamische Prozess beim Symposium, aus vielen Einzelkämpfern eine sachorientierte Allianz zu bilden, an keinem besseren Ort stattfinden können. Ein weiteres Zeichen ist seit Samstag mit den "Heidelberger Erklärungen" gesetzt. Bleibt allein die bange Frage, wer die Kräfte einmal bündelt, wenn Pioniere wie Berendonk, Franke und Treutlein nicht mehr so viel Lust auf den anstrengenden Kampf verspüren. Auch diesbezüglich erscheint eine gezielte Präventionsmaßnahme unter all den Koryphäen erforderlich zu sein...
Joachim Klaehn

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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